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edna soledadova0
Neskorostredoveky krestansky filozof, svojho casu vikar ceskych dominikanov, majster Eckhard z Hochheimu (1260-1328, krstnym menom asi Johannes, no nie je to iste), bol jednym z najlepsich kazatelov svojej doby, a to vdaka svojmu originalnemu pohladu na Boha, mierne ovplyvnenom zidovskou mystikou, ktoru brilantne spojil s ucenim scholastiky a aj s novymi prekladmi novoplatonskych myslienok. Presne sa jeho myslienie opisat neda: ked sa nad niecim zamyslel, rozvijal to aj ak bol uz v protirecenim s niecim, co predtym napisal. Das Buch der göttlichen Tröstung (Kniha bozej utechy) venoval kralovne Anezke Ceskej po jej ovdoveni. V podstate jej vycita oddanost milovanemu, kvoli strate ktoreho teraz smuti. Originalita Eckharda tu dosahuje vrchol a daleko presahuje tien vtedajsej scholastiky.

Aby clovek pochopil Eckharta, musi sa sam stat malym Eckhartom. - L.Lencz


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Reden der Unterweisung - 8.4.2006
Von der Abgeschiedenheit - 28.3.2006
Iusti intravit in aeternum - 9.3.2006
Quasi stella matutina - 6.3.2006
Populi eius qui in te est, misereberis - 6.3.2006
Intravit Jesus in quoddam castellum - 6.3.2006
Vom edlen Mensch - 18.6.2004
Rechtfertigungsschrift - 22.6.2004
Appelation an der apostolische Stuhl - 22.6.2004






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 al-caid      02.10.2006 - 13:54:46 (modif: 02.10.2006 - 14:03:04) [1K] , level: 1, UP   NEW !!CONTENT CHANGED!!
V krestanskom svete po Eckhartovi prevládli dve formy myslenia. Jeden smer vedie k stvorenému svetu, poddaniu sa túžbe, cím sa stratí duchovnost. Druhý zase vedie k neprestajnému hladaniu Boha a konštruovaniu predstavy o com, cím zas clovek stráca schopnost brat stvorený svet vážne.

Nemecký teológ Rahner sa vyjadril, že krestan 21.storocia bude mystikom, alebo nebude vôbec. Eckhartove myšlienky nám ukazujú jednu z možností takéhoto života, ktorá sa môže dnešnému Európanovi zdat blízka, vdaka jeho vplyvu na filozofický diskurz. Ci ale dokáže pochopit jeho vlastným úmyslom, je už druhá vec. Vnímanie vecí ako hylomorfických entít je dnes nezvyklé. Tažké povedat, ci sa to dá. Jeho myšlienky sú casto velmi neforemné, ci zhruba opísané jeho poslúchacmi. Neraz sú v detailoch protichodné a bizarné, no konkrétnost jeho postoja sa väcšinou zachováva. Ako som sa pokúsil ukázat, vplyv tohto postoja nebol zdaleka obmedzený len na Európu; avšak neraz šlo pri jeho interpretáciach viac o nepochopenie, ako "rozšírenie", alebo aspon jasnejšie preformulovanie. Éra vrcholného stredoveku sa ale odlišuje od tej dnešnej v mnohom. Zmenil sa prístup k informáciam, ktoré už niesú pre nás "kázaním", príhovorom k životu, ale prostriedkom, aby sme pre život získali výhody. Anselmovo "credo ut intelligam" nahradilo Baconovo "scientia est potentia". Tak aj náboženstvo dnes nieje vnímané ako prirodzená túžba cloveka hladat Boha, ale práve ako prostriedok k urceniu identity a zdôvodnovanie svojich cinov. Tak aj mystika je neraz mylne ukazovaná ako cesta pre duchovnú elitu, ukazujúca tie najfascinujúcejšie výsledky v zmene ludskej mysle ci organizácie spolocenstva. Stráca sa pritom základná myšlienka, že tieto veci sú oproti Bohu samotnému nicím. Rovnako sa tým stráca sloboda cloveka, ktora je obetovaná tejto nicote. Co je dôležité, nám je Bohom dané; je to život sám. Iný dôvod, ako túto danost, by nemalo mat ani jednanie. Ako hovorí sám majster:

"Keby sa spýtali opravdivého cloveka, takého, ktorý jedná zo svojho vlastného základu: 'Preco konáš svoje skutky?', tak keby mal odpovedat správne, nepovedal by nic iné než 'Konám ich, aby som ich konal'."


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edna soledadova
 edna soledadova      22.04.2006 - 14:03:05 (modif: 22.04.2006 - 16:16:39), level: 1, UP   NEW !!CONTENT CHANGED!!
„Nejhlubší touhou Boha je plodit. Dokud v nás nezrodí Syna, nic ho nemůže uspokojit. Rovněž duše nikdy nedojde spokojenosti, dokud se v ní nenarodí syn Boží.“

„Stoj pevne vo svojej prázdnote a neutekaj z nej!“Master Eckhart


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 al-caid      07.04.2006 - 09:13:54 (modif: 08.04.2006 - 18:38:57), level: 1, UP   NEW !!CONTENT CHANGED!!

Reden der Unterweisung


Das sind die Reden, die der Vikar von Thüringen, der Prior von Erfurt, Bruder Eckhart, Predigerordens, mit solchen <geistlichen> Kindern geführt hat, die ihn zu diesen Reden nach vielem fragten, als sie zu abendlichen Lehrgesprächen beieinander saßen.

Vom wahren Gehorsam

Wahrer und vollkommener Gehorsam ist eine Tugend vor allen Tugenden, und kein noch so großes Werk kann geschehen oder getan werden ohne diese Tugend; wie klein anderseits ein Werk sei und wie gering, es ist nützer getan in wahrem Gehorsam, sei's Messelesen oder -hören, Beten, Kontemplieren oder was du dir denken magst. Nimm wiederum ein Tun so geringwertig du nur willst, es sei, was es auch sei: wahrer Gehorsam macht es dir edler und besser. Gehorsam bewirkt allwegs das Allerbeste in allen Dingen. Fürwahr, der Gehorsam stört nie und behindert nicht, was einer auch tut, bei nichts, was aus wahrem Gehorsam kommt; denn der versäumt nichts Gutes. Gehorsam braucht sich nimmer zu sorgen, es gebricht ihm an keinem Gute.
Wo der Mensch in Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich des Seinen entschlägt, ebenda muß Gott notgedrungen hinwiederum eingehen; denn wenn einer für sich selbst nichts will, für den muß Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst. Wenn ich mich meines Willens entäußert habe in die Hand meines Oberen und für mich selbst nichts will, so muß Gott drum für mich wollen, und versäumt er etwas für mich darin, so versäumnt er es zugleich für sich selbst. So steht's in allen Dingen: Wo ich nichts für mich will, da will Gott für mich. Nun gib acht! Was will er denn für mich, wenn ich nichts für mich will? Darin, wo ich von meinem Ich lasse, da muß er für mich notwendig alles das wollen, was er für sich selber will, nicht weniger noch mehr, und in derselben Weise, mit der er für sich will. Und täte Gott das nicht, - bei der Wahrheit, die Gott ist, so wäre Gott nicht gerecht, noch wäre er Gott, was <doch> sein natürliches Sein ist.
In wahrem gehorsam darf kein »Ich will so oder so« oder »dies oder das« gefunden werden, sondern nur vollkommenes Aufgeben des Deinen. Und darum soll es im allerbesten Gebet, das der Mensch beten kann, weder »Gib mir diese Tugend oder diese Weise« noch »Ja, Herr, gib mir dich selbst oder ewiges Leben« heißen, sondern nur »Herr, gib mir nichts, als was du willst, und tue, Herr, was und wie du willst in jeder Weise!« Dies übertrifft das erste <Gebet> wie der Himmel die Erde; und wenn man das Gebet so verrichtet, so hat man wohl gebetet: wenn man in wahrem Gehorsam aus seinem Ich ausgegengen ist in Gott hinein. Und so wie wahrer Gehorsam kein »Ich will so« kennen soll, so soll auch niemals von ihm vernommen werden »Ich will nicht«; denn »Ich will nicht« ist wahres Gift für jeden gehorsam. Wie denn Sankt Augustin sagt: »Den getreuen Diener Gottes gelüstet nicht, daß man ihm sage oder gebe, was er gern hörte oder sähe; denn sein erstes, höchstes Bestreben ist zu hören, was Gott am allermeisten gefällt.«

Vom allerkräftigsten Gebet und vom allerhöchsten Werk
Das kräftigste Gebet und nahezu das allmächtigste, alle Dinge zu erlangen, und das allerwürdigste Werk vor allen ist jenes, das hervorgeht aus einem ledigen Gemüt. Je lediger dies ist, umso kräftiger, würdiger, nützer, löblicher und vollkommener ist das Gebet und das Werk. Das ledige Gemüt vermag alle Dinge.
Was ist ein lediges Gemüt?
Das ist ein lediges Gemüt, das durch nichts beirrt und an nichts gebunden ist, das sein Bestes an keine Weise gebunden hat und in nichts auf das Seine sieht, vielmehr völlig in den liebsten Willen Gottes versunken ist und sich des Seinigen entäußert hat. Nimmer kann der Mensch ein noch so geringes Werk verrichten, das nicht hierin seine Kraft und sein Vermögen empfinge.
So kraftvoll soll man beten, daß man wünschte, alle Glieder und Kräfte des Menschen, Augen wie Ohren, Mund, Herz und alle Sinne sollten darauf gerichtet sein; und nicht soll man aufhören, ehe man empfinde, daß man sich mit dem zu vereinen im Begriff stehe, den man gegenwärtig hat und zu dem man betet, das ist: Gott.

Von ungelassenen Leuten, die voll Eigenwillens sind

Die Leute sagen: »Ach, ja, Herr, ich möchte gern, daß ich auch so gut zu Gott stünde und daß ich ebensoviel Andacht hätte und Frieden mit Gott, wie andere Leute haben, und ich möchte, mir ginge es ebenso oder ich wäre ebenso arm«, oder: »Mit mir wird's niemals recht, wenn ich nicht da oder dort bin und so oder so tue, ich muß in der Fremde leben oder in einer Klause oder in einem Kloster.«
Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar nichts. Es ist der Eigenwille, wenn zwar du's auch nicht weißt oder es dich auch nicht dünkt: niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Eigenwillen kommt, ob man's nun merkt oder nicht. Was wir da meinen, der Mensch solle dieses fliehen und jenes suchen, etwa diese Stätten und diese Leute und diese Weisen oder diese Menge oder diese Bestätigung - nicht das ist schuld, daß dich die Weise oder die Dinge hindern: du bist es <vielmehr> selbst in den Dingen, was dich hindert, denn du verhälst dich verkehrt zu den Dingen.
Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich! Wahrhaftig, fliehst du nicht zuerst dich selbst, wohin du sonst fliehen magst, da wirst du Hinderniss und Unfrieden finden, wo immer es auch sei. Die Leute, die da Frieden suchen in äußeren Dingen, sei's an Stätten oder in Weisen, bei Leuten oder in Werken, in der Fremde oder in Armut oder in Erniedrigung - wie eindrucksvoll oder was es auch sei, das ist dennoch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen völlig verkehrt, die so suchen. Je weiter weg sie in die Ferne schweifen, umso weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: je weiter der geht, um so mehr geht er in die Irre. Aber, was soll er denn tun? Er soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen. Fürwahr, ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. Läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er dann auch behält, sei's Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen.
Zu dem Worte, das Sankt Peter sprech: »Sieh, Herr, wie haben alle Dinge gelassen« <Matth. 19,27> - und er hatte doch nichts weiter gelassen als ein bloßes Netz und sein Schifflein -, dazu sagte ein Heiliger: Wer das Kleine willig läßt, der läßt nicht nur dies, sondern er läßt alles, was weltliche Leute gewinnen, ja selbst, was sie nur begehren können. Denn wer seinen Willen und sich selbst läßt, der hat alle Dinge so wirklich gelassen, als wenn sie sein freies Eigentum gewesen wären und er sie besessen hätte mit voller Verfügungsgewalt. Denn was du nicht begehren willst, das hast du alles hingegeben und gelassen um Gottes willen. Darum sprech unser Herr: »Selig sind die Armen im Geist« <Matth. 5,3>, das heißt: an Willen. Und hieran soll niemand zweifeln: Gäb's irgendeine bessere Weise, unser Herr hätte sie genannt, wie er ja auch sagte: »Wer mir nachfolgen will, der verleugne zuerst sich selbst« <Matth. 16,24>; daran ist alles gelegen. Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da laß von dir ab; das ist das Allerbeste.

Vom Nutzen des Lassens, das man innerlich und äußerlich vollziehen soll

Du mußt wissen, daß sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, daß er nicht gefunden hätte, er müsse sich noch mehr lassen. Der Menschen gibt es wenige, die das recht beachten und darin beständig sind. Es ist ein gleichwertiger Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen, dafern du in allen Dingen dich des Deinen völlig entäußerst. Damit heb an, und laß dich dies alles kosten, was du aufbringen vermagst. Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.
Die Leute brauchen nicht soviel nachzudenken, was sie tun sollten; sie sollten vielmehr bedenken, was sie wären. Wären nun aber die Leute gut und ihre Weise, so könnten ihre Werke hell leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Nicht gedenke man Heiligkeit zu gründen auf ein Tun; man soll Heiligkeit vielmehr gründen auf ein Sein, denn die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig die Werke immer sein mögen, so heiligen sie uns ganz und gar nicht, soweit sie Werke sind, sondern: soweit wir heilig sind und Sein besitzen, soweit heiligen wir alle unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen, oder was immer es auch sei. Die nicht großen Seins sind, welche Werke die auch wirken, da wird nichts daraus. Erkenne hieraus, daß man allen Fleiß darauf verwenden soll, gut zu sein, - nicht aber so sehr darauf, was man tue oder welcher Art die Werke seien, sondern wie der Grund der Werke sei.

Beachte, was das Wesen und den Grund gut macht

Der Grund, an dem es liegt, daß des Menschen Wesen und Seinsgrund, von dem des Menschen Werke ihre Gutheit beziehen, völlig gut sei, ist dies: daß des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott <gekehrt> sei. Darauf setze all dein Bemühen, daß dir Gott groß werde und daß all dein Streben und Fleiß ihm zugewandt sei in allem deinem Tun und Lassen. Wahrlich, je mehr du davon hast desto besser sind all deine Werke, welcher Art sie auch seien mögen. Hafte Gott an, so hängt er dir alles Gutsein an. Suche Gott, so findest du Gott und alles Gute <dazu>. Ja, fürwahr, du könntest in solcher Gesinnung auf einen Stein treten, und es wäre in höherem Grade ein gottgefälliges Werk, als wenn du den Leib unseres Herrn empfingest und es dabei mehr auf das Deinige abgesehen hättest und deine Absicht weniger selbstlos wäre. Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und alle Tugend. Und was zuvor du suchest, das sucht nun dich; wem zuvor du nachjagest, das jagt nun dir nach; und was zuvor du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum: wer Gott eng anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, und den flieht alles, was Gott ungleich und fremd ist.

Von der Abgeschiedenheit und vom Besitzen Gottes

Ich wurde gefragt: manche Leute zögen sich streng von den Menschen zurück und wären immerzu gern allein, und daran läge ihr Friede und daran, daß sie in der Kirche wären - ob dies das beste wäre? Da sagte ich: »Nein!« Und gib acht, warum.
Mit wem es recht steht, wahrlich, dem ist's an allen Stätten und unter allen Leuten recht. Mit wem es aber unrecht steht, für den ist's an allen Stätten und unter allen Leuten unrecht. Wer aber recht daran ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich; wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebensogut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle; wenn anders er ihn recht und nur ihn hat, so kann einen solchen Menschen niemand behindern.
Warum?
Weil er einzig Gott hat und nur auf Gott absieht, und alle Dinge ihm lauter Gott werden. Ein solcher Mensch trägt Gott in allen seinen Werken und an allen Stätten, und alle Werke dieses Menschen wirkt allein Gott; denn wer das Werk verursacht, dem gehört das Werk eigentlicher und wahrhaftiger zu als dem, der da das Werk verrichtet. Haben wir also lauter und allein Gott im Auge, wahrlich, so muß er unsere Werke wirken, und an allen seinen Werken mag ihn niemand zu hindern, keine Menge und keine Stätte. So kann also diesen Menschen niemand behindern, denn er erstrebt und sucht nichts, und es schmeckt ihm nichts als Gott; denn der wird mit dem menschen in allem seinem Streben vereint. Und so wie Gott keine Mannigfaltigkeit zu zerstreuen vermag, so auch kann diesen Menschen nichts zerstreuen noch vermannigfaltigen, denn er ist eins in jenem Einen, in dem jede Mannigfaltigkeit Eins und Nichtmannigfaltigkeit ist.

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 al-caid      28.03.2006 - 22:54:50 , level: 1, UP   NEW
Ich habe viele Schriften gelesen, von heidnischen Meistern und von Propheten und vom alten und neuen Bund und habe mit Ernst und ganzem Fleiß gesucht, was die beste und höchste Tugend sei, mit der der Mensch sich auf dem nächsten Wege zu Gott verfügen könnte, und mit der der Mensch ganz gleich wäre dem Bilde, wie er in Gott war, indem zwischen ihm und Gott kein Unterschied war, bevor Gott die Kreaturen erschuf. Und wenn ich alle Schriften durchforsche, so gut meine Vernunft zu ergründen und erkennen vermag, so finde ich nichts anderes als reine Abgeschiedenheit, die aller Kreaturen entledigt ist. Darum sprach unser Herr zu Martha: »unum est necessarium«, das heißt so viel wie: Wer getrübt und rein sein will, der muss eines haben, und das ist Abgeschiedenheit.
Die Lehrer loben gar gewaltig die Liebe, wie zum Beispiel Sankt Paulus mit den Worten: »Was ich auch üben mag, habe ich nicht Liebe, so habe ich gar nichts.« Ich aber lobe die Abgeschiedenheit mehr als alle Liebe. Zum Ersten darum, weil das Gute an der Liebe ist, dass sie mich zwingt Gott zu lieben. Nun ist es viel mehr wert, dass ich Gott zu mir zwinge, als dass ich mich zu Gott zwinge. Und das kommt daher, dass meine ewige Seligkeit daran liegt, dass ich und Gott vereinigt werden; denn Gott kann sich passender mir anpassen und besser mit mir vereinigen als ich mit ihm. Dass Abgeschiedenheit Gott zu mir zwingt, das bewähre ich damit: Ein jedes Ding ist doch gerne an seiner natürlichen Eigenstätte. Nun ist Gottes natürliche Eigenstätte Einfachheit und Reinheit; die kommen von der Abgeschiedenheit. Darum muss Gott notwendig sich selbst einem abgeschiedenen Herzen hingeben. – Zum Zweiten lobe ich die Abgeschiedenheit mehr als die Liebe, weil die Liebe mich dazu zwingt, alles um Gottes willen auf mich zu nehmen, während die Abgeschiedenheit mich dazu zwingt, dass ich für nichts empfänglich bin als für Gott. Nun steht es aber viel höher, für gar nichts als Gott empfänglich zu sein, als um Gottes willen alles zu ertragen. Denn in dem Leiden hat der Mensch noch einen Hinblick auf die Kreatur, von der er zu leiden hat. Die Abgeschiedenheit dagegen ist aller Kreatur entledigt. Dass aber die Abgeschiedenheit für nichts als für Gott empfänglich ist, das bewese ich: Denn was empfangen werden soll, das muss irgendworin empfangen werden. Nun ist aber die Abgeschiedenheit dem Nichts so nahe, dass kein Ding so zierlich ist, dass es in der Abgeschiedenheit enthalten sein kann als Gott allein. Der ist so einfach und zierlich, dass er wohl in dem abgeschiedenen Herzen sich aufhalten kann.
Die Meister loben auch die Demut vor vielen andern Tugenden. Ich lobe die Abgeschiedenheit vor aller Demut, und zwar darum. Die Demut kann ohne die Abgeschiedenheit bleiben; dagegen gibt es keine vollkommene Abgeschiedenheit ohne vollkommene Demut. Denn vollkommene Demut zielt auf ein Vernichten seiner selbst; nun berührt sich aber die Abgeschiedenheit so nahe mit dem Nichts, dass zwischen ihr und dem Nichts kein Ding mehr sein kann. Daher kann es keine vollkommene Abgeschiedenheit ohne Demut geben, und zwei Tugenden sind immer besser als eine. Der andere Grund, warum ich die Abgeschiedenheit der Demut vorziehe, ist das, dass die vollkommene Demut sich selbst unter alle Kreaturen beugt, und eben damit begibt sich der Mensch aus sich selbst zu den Kreaturen. Aber die Abgeschiedenheit bleibt in sich selbst. Nun aber kann kein Hinausgehen jemals so hoch stehen wie das Darinbleiben in sich selbst. Die vollkommene Abgeschiedenheit achtet auf nichts und neigt sich weder unter noch über eine Kreatur; sie will nicht unten noch oben sein; sie will so für sich selbst verharren, niemand zu Lieb und niemand zu Leid, und will weder Gleichheit noch Ungleichheit, noch dies noch das mit irgendeiner Kreatur gemein haben, sie will nichts anders, als allein sein. Daher werden keinerlei Dinge von ihr belästigt.
Ich ziehe auch die Abgeschiedenheit allem Mitleid vor, denn das Mitleid ist nichts anderes, als dass der Mensch aus sich selbst heraus zu den Gebresten seines Mitmenschen geht und davon sein Herz betrüben lässt. Dessen steht die Abgeschiedenheit ledig und bleibt in sich selbst und lässt sich durch nichts betrüben. Kurz gesagt: Wenn ich alle Tugenden betrachte, so finde ich keine so ganz ohne Fehler und so zu Gott führend wie die Abgeschiedenheit.
Ein Meister, namens Avicenna spricht: Die Stufe des Geistes, der abgeschieden ist, ist so hoch, dass alles, was er schaut, wahr ist, und was er begehrt, wird ihm gewährt, und wo er gebietet, da muss man ihm gehorsam sein. Und ihr sollt das fürwahr wissen: Wenn der freie Geist in rechter Abgeschiedenheit steht, so zwingt er Gott zu seinem Wesen; und könnte er formlos und ohne allen Zustand sein, so nähme er Gottes Eigenschaft an. Das kann aber Gott niemandem geben als sich selbst; daher kann Gott dem abgeschiedenen Geiste nicht mehr tun, als dass er sich ihm selbst gibt. Und der Mensch, der so in die Ewigkeit verzückt, dass ihn kein vergängliches Ding bewegen kann, dass er nichts empfindet, was körperlich ist, und der Welt tot heißt, denn er empfindet und schmeckt nichts, was irdisch ist. Das meinte Sankt Paulus, als er sprach: »Ich lebe und lebe doch nicht, Christus lebt in mir.« Nun könntest du fragen, was denn die Abgeschiedenheit sei, wenn sie so edel an sich selbst ist? Nun sollst du erfahren, dass richtige Abgeschiedenheit nichts anderes ist, als dass der Geist gegen alle Umstände, sei es Freude oder Leid, Ehre, Schaden oder Schmach, so unbeweglich bleibt wie ein breiter Berg gegen einen kleinen Wind. Diese unbewegliche Abgeschiedenheit bringt den Menschen die größte Gleichheit mit Gott. Denn dass Gott Gott ist, das hat er von seiner unbeweglichen Abgeschiedenheit, und davon hat er seine Reinheit und seine Einfachheit und seine Unwandelbarkeit. Will daher der Mensch Gott gleich werden, soweit eine Kreatur Gleichheit mit Gott haben kann, so muss er abgeschieden sein. Und du sollst wissen: Leer sein aller Kreaturen ist Gottes voll sein, und voll sein aller Kreatur ist Gottes leer sein. Du sollst ferner wissen, dass Gott in dieser unbeweglichen Abgeschiedenheit vorweltlich gestanden ist und noch steht, und sollst wissen, als Gott Himmel und Erde erschuf und alle Kreaturen, das ging seine unbewegliche Abgeschiedenheit so wenig an, als ob er nie Kreaturen geschaffen hätte. Ich sage noch mehr: Von allen Gebeten und guten Werken, die der Mensch in der Zeit wirken kann, wird Gottes Abgeschiedenheit so wenig bewegt, als ob nirgends in der Zeit ein Gebet oder ein gutes Werk geschähe, und Gott wird gegen den Menschen dadurch so wenig huldvoller oder geneigter, wie wenn das Gebet oder die guten Werke nicht vor sich gegangen wären. Ich sage noch mehr: Als der Sohn in der Gottheit Mensch werden wollte und ward und die Marter erlitt, das ging die unbewegliche Abgeschiedenheit Gottes so wenig an, als ob er nie Mensch geworden wäre. Nun könntest du sagen: So höre ich wohl, dass alles Gebet und alle guten Werke verloren sind, wenn sich Gott ihrer nicht annimmt, und dass ihn niemand damit bewegen kann, und man sagt doch, Gott will um alle Dinge gebeten werden. Hier sollst du wohl auf mich achten und mich recht verstehen [wenn es dir möglich ist], dass Gott mit seinem ersten Blick [wenn wir von einem ersten Blick da reden wollen] alle Dinge ansah, wie sie geschehen sollten, und mit demselben Blick sah, wann und wie er die Kreaturen erschaffen sollte. Er sah auch das geringste Gebet und gute Werk, das jemand je tun würde, und sah an, welches Gebet und welche Andacht er erhören sollte; er sah, dass du ihn morgen eifrig anrufen und mit rechtem Ernst bitten wirst, und dieses Anrufen und Gebet wird Gott nicht morgen erhören, denn er hat es in seiner Ewigkeit gehört, bevor du Mensch wurdest. Ist aber dein Gebet nicht vernünftig oder ohne Ernst, so wird es dir Gott nicht jetzt versagen, denn er hat es dir in seiner Ewigkeit versagt. So hat Gott mit seinem ersten ewigen Blick alle Dinge angesehen und wirkt gar nichts um eines Warums willen, denn es ist alles ein vorgewirktes Ding. Und so steht Gott allezeit in seiner unbeweglichen Abgeschiedenheit, während doch darum der Leute Gebet und gute Werke nicht verloren sind, denn wer recht tut, dem wird auch recht gelohnt. Philippus sagt: »Gott Schöpfer hält die Dinge in dem Lauf und der Ordnung, die er ihnen im Anfang gegeben hat.« Denn bei ihm ist nichts vergangen und auch nichts künftig, und er hat alle Heiligen geliebt, wie er sie vorhergesehen hat, ehe die Welt ward. Und wenn es dazu kommt, dass sich das in der Zeit zeigt, was er in der Ewigkeit angesehen hat, so wähnen die Leute, Gott habe sich eine neue Liebe beigelegt; und wenn er zürnt oder etwas Gutes tut, so werden wir gewandelt, er aber bleibt unwandelbar, wie der Sonnenschein den kranken Augen weh und den gesunden wohl tut, und bleibt doch für sich selbst unwandelbar derselbe Schein. Gott sieht nicht die Zeit, und in seinem Sehen geschieht auch keine Erneuerung. In diesem Sinne spricht auch Isidorus in dem Buch vom obersten Gute: Es fragen viele Leute, was Gott tat, ehe er Himmel und Erde erschuf, oder woher der neue Wille in Gott kam, dass er die Kreaturen schuf? und antwortete folgendes: Es stand nie ein neuer Wille in Gott auf, denn obwohl es richtig ist, das die Kreatur nicht für sich selbst war, wie sie jetzt ist, so war sie doch vorweltlich in Gott und seiner Vernunft. Gott schuf nicht Himmel und Erde, wie wir vergänglich sagen, dass sie wurden, sondern alle Kreaturen sind in dem ewigen Worte gesprochen. Nun könnte ein Mensch fragen: Hatte Christus auch unbewegliche Abgeschiedenheit, als er sprach: »Meine Seele ist betrübt bis in den Tod« und Maria, als sie unter dem Kreuze stand? und man spricht doch viel von ihrer Klage: Wie kann dies alles sich vertragen mit unbeweglicher Abgeschiedenheit? Hier sollst du erfahren, was die Meister sprechen, dass in einem jeden Menschen zweierlei Menschen sind: Der eine heißt der äußere Mensch, das ist die Sinnlichkeit; diesem Menschen dienen fünf Sinne, doch wirkt er mit der Kraft der Seele. Der andere Mensch heißt der innere Mensch, das ist des Menschen Innerlichkeit. Nun sollst du wissen, dass jeder Mensch, der Gott liebt, die Kräfte der Seele in dem äußeren Menschen nicht mehr anwendet, als die fünf Sinne zur Not bedürfen; und die Innerlichkeit wendet sich nur insoweit zu den fünf Sinnen, als sie ein Führer und Lehrer derselben ist und sie behütet, dass sie ihren Gegenstand nicht tierisch benutzen, wie manche Leute tun, die ihrer leiblichen Wollust nachleben wie die Tiere, die ohne Vernunft sind, und solche Leute sollten eigentlich mehr Tiere als Menschen heißen. Und die Kräfte, die die Seele überdies hat und den fünf Sinnen nicht gibt, gibt sie alle dem inneren Menschen, und wenn er einen hohen, edlen Gegenstand hat, so zieht sie alle die Kräfte, die sie den fünf Sinnen geliehen hat, zu sich heran, und es heißt dieser Mensch dann von Sinnen und verzückt, weil sein Gegenstand ein unvernünftiges Bild ist oder etwas Vernünftiges ohne Bild. Und wisset, dass Gott von jedem Geistmenschen begehrt, dass er ihn mit allen Kräften der Seele liebt. Darum sprach er: »Liebe deinen Gott von ganzem Herzen.« Nun gibt es manche Menschen, die verzehren die Kräfte der Seele ganz und gar in dem äußeren Menschen. Das sind die Leute, die alle ihre Sinne und Gedanken auf vergängliche Güter richten und nichts von dem inneren Menschen wissen. Wie nun ein guter Mensch manchmal den äußeren Menschen aller Kräfte der Seele beraubt, wenn sie eine hohe Aufgabe hat, so berauben tierische Leute den inneren Menschen aller Kräfte der Seele und gebrauchen sie für den äußeren Menschen. Nun musst du wissen, dass der äußere Mensch in Tätigkeit sein kann, während der innere gänzlich derselben entledigt und unbeweglich steht. Nun war in Christus auch ein äußerer und ein innerer Mensch und ebenso in unserer Frau, und alles, was Christus und unsere Frau je von äußeren Dingen redeten, das taten sie als äußerer Mensch, und der innere Mensch stand in einer unbeweglichen Abgeschiedenheit. Nimm dafür ein Ebenbild: Eine Tür geht in einer Angel auf und zu. Nun vergleiche ich das äußere Brett an der Türe dem äußeren Menschen und die Angel dem inneren Menschen. Wenn nun die Tür auf und zu geht, so bewegt sich das äußere Brett hin und her, und die Angel bleibt doch unbeweglich an einem Fleck und wird darum nicht im Geringsten verändert. In gleicher Weise ist es auch hier.
Nun frage ich, was die Aufgabe der reinen Abgeschiedenheit sei? Darauf antworte ich, dass weder dies noch das ihre Aufgabe ist. Sie beruht auf einem bloßen Nichts, denn sie beruht auf dem Höchsten, worin Gott mit seinem ganzen Wirken kann. Nun kann Gott nicht in allen Herzen trotz all seines Willens etwas wirken. Denn obwohl Gott allmächtig ist, so kann er doch nur wirken, wenn er Bereitschaft oder Macht findet. Sein Wirken ist in den Menschen anders als in den Steinen; dafür finden wir in der Natur ein Gleichnis. Wenn man einen Backofen heizt und einen Teig von Hafer und einen von Gerste und einen von Roggen und einen von Weizen hineinlegt, so ist nur eine Hitze in dem Ofen, und doch wirkt sie nicht in allen Teigen gleich; denn der eine wird ein schönes Brot, der andere wird rau und der dritte noch rauer. Daran ist nicht die Hitze schuld, sondern die Materie, die ungleich ist. Ebenso wirkt Gott nicht in allen Herzen gleich, sondern je nachdem er Bereitschaft und Empfänglichkeit findet. In den Herzen nun, in denen dies oder das ist, kann etwas sein, das Gott hindert aufs Höchste zu wirken. Soll daher ein Herz Bereitschaft für das Allerhöchste haben, so muss es auf einem bloßen Nichts beruhen, und darin ist auch die größte Möglichkeit, die es geben kann. Nimm dafür ein Gleichnis aus der Natur. Will ich auf eine weiße Tafel schreiben, so kann etwas, das auf der Tafel geschrieben steht, noch so erhaben sein, es stört mich doch, weil ich nicht darauf schreiben kann; und wenn ich schreiben will, so muss ich alles auslöschen, was auf der Tafel steht, und die Tafel passt mir dann am besten zum Schreiben, wenn nichts darauf steht. Ebenso ist es, wenn Gott aufs Allerhöchste in mein Herz schreiben will, dann muss alles aus dem Herzen heraus, was dies oder das geheißen ist, und so steht es um das abgeschiedene Herz. Daher mag dann Gott aufs Allerhöchste seinen obersten Willen wirken, und so ist des abgeschiedenen Herzens Aufgabe weder dies noch das. Nun frage ich aber: was ist des abgeschiedenen Herzens Gebet? Ich antworte: Abgeschiedenheit und Reinheit kann nicht bitten, denn wer bittet, der begehrt etwas von Gott, was ihm zuteil werde, oder was Gott ihm abnehmen soll. Nun begehrt aber das abgeschiedene Herz nach nichts und hat auch nichts, dessen es gerne ledig wäre. Darum ist es allen Gebets entledigt, und sein Gebet ist nichts anderes als mit Gott einförmig. In diesem Sinne können wir das Wort nehmen, das Dionysius über Sankt Pauls Wort spricht: »Es sind ihrer viel, die alle nach der Krone laufen, und sei wird doch nur einem zuteil.« Alle Kräfte der Seele laufen nach der Krone, und sie wird doch allein dem Wesen zuteil. Dazu also sagt Dionysius: Der Lauf ist nichts anderes als ein Abwenden von allen Kreaturen und ein Vereinigen mit der Ungeschaffenheit. Und wenn die Seele dazu kommt, dann verliert sei ihren Namen und zieht Gott in sich, dass sie an sich selbst zunichte wird, wie die Sonne das Morgenrot anzieht, das es zunichte wird. Dazu bringt den Menschen nichts als reine Abgeschiedenheit. Hierher kann auch das Wort, das Sankt Augustin spricht, passen: Die Seele hat einen himmlischen Eingang in die göttliche Natur, wo ihr alle Dinge zunichte werden. Dieser Eingang ist auf Erden nichts anderes als reine Abgeschiedenheit. Und wenn die Abgeschiedenheit aufs Höchste kommt, so wird sie aus Bewusstsein bewusstlos und aus Liebe lieblos und vor Licht finster. Darum können wir auch annehmen, was ein Meister spricht: Selig sind die Armen des Geistes, die Gott alle Dinge gelassen haben, wie er sie hatte, als wir nicht waren. Dass Gott in einem abgeschiedenen Herzen lieber ist als in allen anderen Herzen, das merken wir daran: Wenn du mich fragst, was Gott in allen Dingen suche, so antworte ich dir aus dem Buche der Weisheit, wo er spricht: »In allen Dinge suche ich Ruhe.« Es ist aber nirgends ganze Ruhe als allein in dem abgeschiedenen Herzen. Es kann sich aber kein Mensch für das göttliche Einfließen anders empfänglich machen als dadurch, dass er mit Gott einförmig wird, denn je nachdem ein Mensch mit Gott einförmig ist, ist er des göttlichen Einfließens empfänglich. Daher scheidet die Bilder ab, und einigt euch mit formlosem Wesen, denn Gottes geistiger Trost ist zart, darum will er sich niemandem bieten als dem, der leiblichen Trost verschmäht.
Nun höret, vernünftige Leute allesamt: Es ist niemand fröhlicher, als wer in der größten Abgeschiedenheit steht. Es kann keine leibliche oder fleischliche Lust ohne geistigen Schaden sein; wer darum im Fleisch ungeordnete Liebe sät, der ruft den Tod herbei; und wer im Geist ordentliche Liebe sät, der erntet im Geist das ewige Leben. Je mehr daher der Mensch vor dem Geschöpf flieht, umso mehr läuft ihm der Schöpfer nach. Daher ist Abgeschiedenheit das Allerbeste, denn sie reinigt die Seele und läutert das Gewissen und entzündet das Herz und erweckt den Geist und spornt die Begierde und vergoldet die Tugend und lässt Gott erkennen und scheidet die Kreatur ab und vereinigt sie mit Gott; denn die von Gott getrennte Liebe ist wie das Wasser im Feuer und die mit ihm vereinigte Liebe ist wie der Waben im Honig. Nun passt auf, vernünftige Geister allesamt! Das schnellste Tier, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist Leiden, denn es genießt niemand mehr der ewigen Seligkeit als wer mit Christus in der größten Bitternis steht. Es gibt nichts Galligeres als Leiden und nichts Honigsameres als Gelittenhaben. Das sicherste Fundament, worauf die Vollkommenheit beruhen kann, ist Demut, denn wessen Natur hier in der tiefsten Niedrigkeit kriecht, dessen Geist fliegt auf in das Höchste der Gottheit, denn Freude bringt Leid, und Leid bringt Freude. Der Menschen Tun ist vielerlei: Der eine lebt so, der andere anders. Wer in dieser Zeit zum höchsten Leben kommen will, der nehme mit kurzen Worten aus dieser ganzen Schrift die Lehre, mit der ich schließe:
Halte dich abgeschieden von allen Menschen, halte dich rein von allen eingezogenen Bildern, befreie dich von alledem, was Unfall, Haft und Kummer bringen kann, und richte dein Gemüt allzeit auf ein tugendhaftes Schauen, in dem du Gott in deinem Herzen trägst als stetes Ziel, von dem deine Augen niemals ablassen; und was andere Übungen angeht als Fasten, Wachen, Beten, die richte darauf als auf ihren Zweck und habe so viel davon, als sie dich dazu fördern können, so erreichst du das Ziel der Vollkommenheit. Nun könnte jemand sagen: Wer könnte den unverwandten Anblick des göttlichen Vorbildes aushalten? Darauf antworte ich: Niemand, der heutzutage lebt. Es ist dir allein darum gesagt, damit du weißt, was das Höchste ist und wonach du trachten und begehren sollst. Wenn aber dieser Anblick dir entzogen wird, so soll dir, wenn du ein guter Mensch bist, zumute sein, als ob dir deine ewige Seligkeit genommen wäre, und du sollst bald zu ihm wiederkehren, damit er dir wieder werde, und du sollst allezeit auf dich selbst Acht haben, und dein Ziel und deine Zuflucht soll darin sein, so sehr es dir möglich ist. Herr, gelobt seist du ewiglich. Amen.

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edna soledadova
 edna soledadova      13.03.2006 - 20:46:51 , level: 1, UP   NEW
krasne forum, ked si spominam tak som Eckharda mala rada...
nechces nieco aj len strucne po slovensky zacitovat?

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 al-caid      28.03.2006 - 22:54:40 , level: 2, UP   NEW
ja by som rad, len nemam zdroj ;)

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 al-caid      09.03.2006 - 22:21:21 , level: 1, UP   NEW
"Die Gerechten werden leben ewiglich, und ihr Lohn ist bei Gott." Nun merkt genau auf den Sinn dieses Wortes; mag er auch schlicht und allgemeinverständlich klingen, so ist er doch sehr beachtenswert und durchaus gut.
"Die Gerechten werden leben." Welches sind die Gerechten? Eine Schrift sagt:
(5) "Der ist gerecht, der einem jeden gibt, was sein ist," und den Heiligen und den Engeln, was ihrer ist, und dem Mitmenschen, was sein ist.
Gottes ist die Ehre. Wer sind die, die Gott ehren? Die aus sich selbst gänzlich ausgegangen sind und das Ihrige ganz und gar nicht suchen in irgendwelchen Dingen, was immer es
(10) sei, weder Großes noch Kleines; die auf nichts unter sich noch über sich noch neben sich noch an sich sehen; die nicht nach Gut noch Ehre noch Gemach noch Lust10 noch Nutzen noch Innigkeit noch Heiligkeit noch Lohn noch Himmelreich trachten und sich alles dieses entäußert haben, alles Ihrigen,—von diesen Leuten hat Gott Ehre, und die ehren Gott im eigentlichen Sinne und geben ihm, was sein ist.
(15) Den Engeln und den Heiligen soll man Freude geben. O Wunder über alle Wunder! Kann ein Mensch in diesem Leben Freude geben denen, die in dem ewigen Leben sind? Ja, wahrhaftig! Jeglicher Heilige hat so große Lust und so unaussprechliche Freude durch jegliches gute Werk,—durch ein gutes Wollen oder ein Begehren haben sie so große Freude, daß
(20) kein Mund es auszusprechen und kein Herz auszudenken vermag, wie große Freude sie dadurch haben. Warum ist dem so? Weil sie Gott so ganz über alle Maßen lieben und ihn so recht lieb haben, daß seine Ehre ihnen lieber ist als ihre Seligkeit. Und nicht nur die Heiligen und die Engel, vielmehr Gott selbst hat so große Lust daran, recht als sei es seine Seligkeit, und sein Sein hängt
(25) daran und sein Genügen und sein Wohlbehagen. Wohlan, nun merkt auf! Wollten wir Gott aus keinem andern Grunde dienen als um der großen Freude willen, welche die daran haben, die im ewigen Leben sind, und Gott selbst, wir könnten es gern tun und mit allem Fleiß.
Man soll auch denen Hilfe geben, die im Fegefeuer sind, und Förderung
(30) (und gutes Beispiel) denen, die noch leben.
Ein solcher Mensch ist gerecht in einer Weise, aber in einem andern Sinne sind die gerecht, die alle Dinge von Gott als gleich hinnehmen, was immer es sei, groß oder klein, lieb oder leid, und zwar ganz gleich, ohne Weniger oder Mehr, das eine wie das andere. Schlägst du das eine irgendwie höher an11 als das andere, so ist es verkehrt. Du sollst dich deines
(35) eigenen Willens entäußern.
Mir kam neulich der Gedanke: Wollte Gott nicht wie ich, so wollte ich doch wie er. Manche Leute wollen in allen Dingen ihren eignen Willen haben; das ist böse, es steckt ein Makel12 darin. Die anderen sind ein wenig besser: die wollen wohl, was Gott will, und gegen seinen Willen wollen sie nichts; wären sie aber
(40) krank, so wollten sie wohl, es möchte Gottes Wille sein, daß sie gesund wären. So wollten also diese Leute lieber, daß Gott nach ihrem Willen wollte, als daß sie nach seinem Willen wollten. Man muß es hingehen lassen, es ist aber das Rechte nicht. Die Gerechten haben überhaupt keinen Willen; was Gott will, das gilt ihnen alles gleich, wie groß das Ungemach13 auch sei.
(45) Den gerechten Menschen ist es so ernst mit der Gerechtigkeit, daß, wenn Gott nicht gerecht wäre, sie nicht die Bohne auf Gott achten würden;14 und sie stehen so fest in der Gerechtigkeit und haben sich so gänzlich ihrer selbst entäußert, daß sie weder die Pein der Hölle noch die Freude des Himmelreiches noch irgend etwas beachten. Ja, wäre alle Pein, die jene haben, die in der Hölle sind, Menschen oder Teufel, oder alle Pein, die je auf Erden erlitten wurde oder wird erlitten wer-
(45) den, wäre die mit der Gerechtigkeit verknüpft, sie würden es nicht im mindesten beachten; so fest stehen sie zu Gott und zur Gerechtigkeit. Nichts ist dem gerechten Menschen peinvoller und schwerer, als was der Gerechtigkeit zuwider ist: daß er nicht in allen Dingen gleich(mütig)15 ist. Wie das? Kann ein Ding die Menschen erfeuen und ein anderes sie betrüben, so sind sie nicht gerecht; vielmehr, wenn sie zu einer Zeit
(50) froh sind, so sind sie zu allen Zeiten froh; sind sie zu einer Zeit mehr und zur anderen weniger froh, so sind sie unrecht daran. Wer die Gerechtigkeit liebt, der steht so fest darauf, daß, was er liebt, sein Sein ist; kein Ding vermag ihn davon abzuziehen, und auf nichts sonst achtet er. Sankt Augustinus spricht: "Wo die Seele liebt, da ist sie eigentlicher als da, wo sie Leben gibt." [...]
(60) "Die Gerechten werden leben." Nichts ist so lieb und so begehrenswert unter allen Dingen wie das Leben. Und wiederum ist kein Leben so schlimm noch so beschwerlich, daß der Mensch nicht dennoch leben wolle. [...]
Warum lebst du? Um des Lebens willen, und du weißt dennoch nicht, warum du lebst. So begehrenswert ist das Leben in sich selbst, daß man es um seiner selbst willen
(65) begehrt. Die in der Hölle sind, in ewiger Pein, selbst die wollten ihr Leben nicht verlieren, weder die Teufel noch die Seelen, denn ihr Leben ist so edel, daß es unvermittelt von Gott in die Seele fließt. Weil es so unmittelbar von Gott fließt, darum wollen sie leben.
Was ist Leben? Gottes Sein ist mein Leben. Ist denn mein Leben Gottes Sein, so muß Gottes Sein mein sein und
(70) Gottes Wesenheit 16 meine Wesenheit, nicht weniger und nicht mehr.
[...]
Als Gott den Menschen schuf, da schuf er die Frau aus des Mannes Seite, auf daß sie ihm gleich wäre. Er schuf sie weder aus dem Haupte noch aus den Füßen, auf daß sie weder unter noch über ihm wäre, sondern daß sie gleich wäre. So auch soll die gerechte Seele gleich bei Gott sein und neben Gott,
(75) ganz gleich, weder darunter noch darüber.
Wer sind die, die in solcher Weise gleich sind? Die nichts gleich sind, die allein sind Gott gleich. Göttliches Wesen ist nichts gleich; in ihm gibt es weder Bild noch Form. Die Seelen, die in solcher Weise gleich sind, denen gibt der Vater gleich und enthält ihnen nichts vor. Was der Vater zu leisten vermag, das gibt er einer solchen Seele in gleicher Weise, fürwahr, wenn sie sich selbst nicht mehr gleicht als einem andern, und sie soll sich selbst nicht näher sein als einem andern. Ihre eigene Ehre, ihren Nutzen und was immer das Ihre ist, das soll sie
(80) nicht mehr begehren noch beachten als das eines Fremden.[...]
Ich sagte einst eben hier, und es ist auch wahr: Wenn der Mensch etwas von außerhalb seiner selbst bezieht oder nimmt, so ist das nicht recht. Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst erfassen und ansehen, sondern als mein Eigen und als das, was in einem ist; zudem soll man nicht dienen noch wirken um irgendein Warum, weder um Gott noch um die eigene Ehre noch um irgend
(85) etwas, was außerhalb von einem ist, sondern einzig um dessen willen, was das eigene Sein und das eigene Leben in einem ist. Manche einfältigen Leute wähnen, sie sollten Gott (so) sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen17 nehme ich Gott in mich hinein; durch die Liebe hingegen gehe ich in Gott ein. Manche sagen, die Seligkeit liege nicht im Erkennen, sondern allein im Willen.
(90) Die haben unrecht; denn läge sie allein im Willen, so handelte es sich nicht um Eines. Das Wirken und das Werden aber ist eins. Wenn der Zimmermann nicht wirkt, wird auch das Haus nicht. Wo die Axt ruht, ruht auch das Werden. Gott und ich, wir sind eins in solchem Wirken; er wirkt, und ich werde. Das Feuer verwandelt in sich, was ihm zugeführt wird, und dies wird zu seiner Natur. Nicht das Holz
(95) verwandelt das Feuer in sich, vielmehr verwandelt das Feuer das Holz in sich. So werden auch wir in Gott verwandelt, so daß wir ihn erkennen werden, wie er ist (1 Joh. 3: 2). Sankt Paulus sagt: "So werden wir erkennen: recht ich ihn, wie er mich, nicht weniger und nicht mehr, schlechthin gleich" (1 Kor. 13: 12). ‘Die Gerechten werden ewiglich leben, und ihr Lohn ist bei Gott’—ganz so gleich .
(100) Daß wir Gerechtigkeit um ihrer selbst willen und Gott ohne Warum lieben, dazu helfe uns Gott. Amen

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Nun nehme ich das letzte Wort: 'Tempel Gottes'. Was ist "Gott", und was ist 'Tempel Gottes'?
Vierundzwanzig Meister (1) kamen zusammen und wollten besprechen, was Gott wäre. Sie kamen zu bestimmter Zeit (zusammen), und jeder von ihnen brachte sein Wort vor; von denen greife ich nun zwei oder drei heraus. Der eine sagte: Gott ist etwas, dem gegenüber alle wandelbaren und zeitlichen Dinge nichts sind, und alles, was Sein hat, das ist vor ihm gering. Der zweite sprach: Gott ist etwas, das notwendig über dem Sein ist, das in sich selbst niemandes bedarf und dessen doch alle Dinge bedürfen. Der dritte sprach: »Gott ist eine Vernunft, die da lebt in der Erkenntnis einzig ihrer selbst« [1]
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Ich lasse das erste und das letzte Wort beiseite und spreche von dem zweiten: daß Gott etwas ist, das notwendig über dem Sein sein muß. Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. Gott ist (zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und ist doch darüber. Mit eben dem, was er in allen Kreaturen ist, ist er doch darüber; was da in vielen Dingen Eins ist, das muß notwendig über den Dingen sein. Etliche Meister meinten, daß die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war.
Ein Meister sagt: Gott ist etwas, das da wirkt in Ewigkeit ungeteilt in sich selbst, das niemandes Hilfe noch eines Werkzeuges bedarf und in sich selbst verharrt, das nichts bedarf, dessen aber alle Dinge bedürfen und zu dem alle Dinge hindrängen als zu ihrem letzten Ziel. [2] Dieses Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite. Sankt Bernhard sagt: (Die Weise) Gott zu lieben, das ist Weise ohne Weise. Ein Arzt, der einen Kranken gesund machen will, der hat keine (bestimmte) Weise der Gesundheit, wie gesund er den Kranken machen wolle; er hat wohl eine Weise, womit er ihn gesund machen will; wie gesund aber er ihn machen will, das ist ohne (bestimmte) Weise: so gesund, wie er nur immer vermag. Wie lieb wir Gott haben sollen, dafür gibt es keine (bestimmte) Weise: so lieb, wie wir nur immer vermögen, das ist ohne Weise.
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Ein jedes Ding wirkt in (seinem) Sein; kein Ding kann über sein Sein hinaus wirken. Das Feuer vermag nirgends als im Holze zu wirken. Gott wirkt oberhalb des Seins in der Weite, wo er sich regen kann; er wirkt im Nichtsein. Ehe es noch Sein gab, wirkte Gott; er wirkte Sein, als es Sein noch nicht gab [Vgl. Prol. gen. n. 17 (der Satz vor Anm. 10)]. Grobsinnige Meister sagen, Gott sei ein lauteres Sein; er ist so hoch über dem Sein, wie es der oberste Engel über einer Mücke ist. Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das. Und ein Meister sagt: Wer da glaubt, daß er Gott erkannt habe, und dabei irgend etwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht. Wenn ich aber gesagt habe, Gott sei kein Sein und sei über dem Sein, so habe ich ihm damit nicht das Sein abgesprochen, vielmehr habe ich es in ihm erhöht [Vgl. Prol. op. prop n. 15 (letzter Satz)]. Nehme ich Kupfer im Golde, so ist es dort (vorhanden) und ist da in einer höheren Weise, als es in sich selbst ist. Sankt Augustinus sagt: Gott ist weise ohne Weisheit, gut ohne Gutheit, gewaltig ohne Gewalt
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Kleine Meister (2) lehren in der Schule, alle Wesen seien geteilt in zehn Seinsweisen [3], und diese sprechen sie sämtlich Gott ab. Keine dieser Seinsweisen berührt Gott, aber er ermangelt auch keiner von ihnen. Die erste, die am meisten Sein besitzt, in der alle Dinge ihr Sein empfangen, das ist die Substanz; und die letzte, die am allerwenigsten Sein enthält, die heißt Relation, und die ist in Gott dem Allergrößten, das am meisten Sein besitzt, gleich: sie haben ein gleiches Urbild in Gott. In Gott sind aller Dinge Urbilder gleich; aber sie sind ungleicher Dinge Urbilder. Der höchste Engel und die Seele und die Mücke haben ein gleiches Urbild in Gott. Gott ist weder Sein noch Gutheit. Gutheit haftet am Sein und reicht nicht weiter als das Sein; denn, gäbe es kein Sein, so gäbe es keine Gutheit, und das Sein ist noch lauterer als die Gutheit. Gott ist nicht gut noch besser noch allerbest. Wer da sagte, Gott sei gut, der täte ihm ebenso unrecht, wie wenn er die Sonne schwarz nennen würde. [4]
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Nun aber sagt doch Gott selbst: 'Niemand ist gut als Gott allein' (Mark. 10,18). Was ist gut? Das ist gut, was sich mitteilt. Den nennen wir einen guten Menschen, der sich mitteilt und nützlich ist. Darum sagt ein heidnischer Meister: Ein Einsiedler ist weder gut noch böse in diesem Sinne, weil er sich nicht mitteilt noch nützlich ist. Gott ist das Allermitteilsamste. Kein Ding teilt sich aus Eigenem mit, denn alle Kreaturen sind nicht aus sich selbst. Was immer sie mitteilen, das haben sie von einem andern. Sie geben auch nicht sich selbst. Die Sonne gibt ihren Schein und bleibt doch an ihrem Ort stehen; das Feuer gibt seine Hitze und bleibt doch Feuer; Gott aber teilt das Seine mit, weil er aus sich selbst ist, was er ist, und in allen Gaben, die er gibt, gibt er zuerst stets sich selbst. Er gibt sich als Gott, wie er es in allen seinen Gaben ist, soweit es bei dem liegt, der ihn empfangen möchte. Sankt Jakob spricht: 'Alle guten Gaben fließen von oben herab vom Vater der Lichter' (Jak. 1,17).
Wenn wir Gott im Sein nehmen, so nehmen wir ihn in seinem Vorhof, denn das Sein ist sein Vorhof, in dem er wohnt. Wo ist er denn aber in seinem Tempel, in dem er als heilig erglänzt? Vernunft ist 'der Tempel Gottes'. Nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft, wie jener andere Meister sagte: Gott sei eine Vernunft, die da lebt im Erkennen einzig ihrer selbst, nur in sich selbst verharrend dort, wo ihn nie etwas berührt hat; denn da ist er allein in seiner Stille. Gott erkennt im Erkennen seiner selbst sich selbst in sich selbst. (3)

Got in sin selbes bekanntnisse bekennet sich selben in im selben
(S. Predigt 43, Eig. 3).
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Nun nehmen wir's (= das Erkennen), wie's in der Seele ist, die ein Tröpflein Vernunft, ein "Fünklein", einen "Zweig" besitzt. Sie (= die Seele) hat Kräfte, die im Leibe wirken. Da ist eine Kraft, mit Hilfe derer der Mensch verdaut; die wirkt mehr in der Nacht als am Tage; kraft derer nimmt der Mensch zu und wächst. Die Seele hat weiterhin eine Kraft im Auge; durch die ist das Auge so subtil und so fein, daß es die Dinge nicht in der Grobheit aufnimmt, wie sie an sich selbst sind; sie müssen vorher gesiebt und verfeinert werden in der Luft und im Lichte; das kommt daher, weil es (= das Auge) die Seele bei sich hat. Eine weitere Kraft ist in der Seele, mit der sie denkt. Diese Kraft stellt in sich die Dinge vor, die nicht gegenwärtig sind, so daß ich diese Dinge ebenso gut erkenne, als ob ich sie mit den Augen sähe, ja, noch besser - ich kann mir eine Rose sehr wohl (auch) im Winter denkend vorstellen -‚ und mit dieser Kraft wirkt die Seele im Nichtsein und folgt darin Gott, der im Nichtsein wirkt.
Ein heidnischer Meister sagt: Die Seele, die Gott liebt, die nimmt ihn unter der Hülle der Gutheit - noch sind es alles heidnischer Meister Worte, die bisher angeführt wurden, die nur in einem natürlichen Lichte erkannten; noch kam ich nicht zu den Worten der heiligen Meister, die da erkannten in einem viel höheren Lichte - er sagt also: Die Seele, die Gott liebt, die nimmt ihn unter der Hülle der Gutheit. Vernunft aber zieht Gott die Hülle der Gutheit ab und nimmt ihn bloß, wo er entkleidet ist von Gutheit und von Sein und von allen Namen.
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Ich sagte in der Schule, daß die Vernunft edler sei als der Wille, und doch gehören sie beide in dieses Licht. Da sagte ein Meister in einer andern Schule (4), der Wille sei edler als die Vernunft, denn der Wille nehme die Dinge, wie sie in sich selbst sind; Vernunft aber nehme die Dinge, wie sie in ihr sind. Das ist wahr. Ein Auge ist edler in sich selbst als ein Auge, das an eine Wand gemalt ist. Ich aber sage, daß die Vernunft edler ist als der Wille. Der Wille nimmt Gott unter dem Kleide der Gutheit. Die Vernunft nimmt Gott bloß, wie er entkleidet ist von Gutheit und von Sein. Gutheit ist ein Kleid, darunter Gott verborgen ist, und der Wille nimmt Gott unter diesem Kleide der Gutheit. Wäre keine Gutheit an Gott, so würde mein Wille ihn nicht wollen. Wer einen König kleiden wollte am Tage, da man ihn zum König machte, und kleidete ihn in graue Kleider, der hätte ihn nicht wohl gekleidet. Nicht dadurch bin ich selig, daß Gott gut ist. Ich will (auch) niemals danach begehren, daß Gott mich selig mache mit seiner Gutheit, denn das vermöchte er gar nicht zu tun. Dadurch allein bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich dies erkenne. [5] Ein Meister sagt: Gottes Vernunft ist es, woran des Engels Sein gänzlich hängt. Man stellt die Frage, wo das Sein des Bildes ganz eigentlich sei: im Spiegel oder in dem, wovon es ausgeht? Es ist eigentlicher in dem, wovon es ausgeht. Das Bild ist in mir, von mir, zu mir. Solange der Spiegel genau meinem Antlitz gegenübersteht, ist mein Bild darin; fiele der Spiegel hin, so verginge das Bild. Des Engels Sein hängt daran, daß ihm die göttliche Vernunft gegenwärtig ist, darin er sich erkennt.
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'Wie ein Morgenstern mitten im Nebel.' Ich richte mein Augenmerk nun auf das Wörtlein 'quasi', das heißt "gleichwie"; das nennen die Kinder in der Schule ein "Beiwort". Dies ist es, auf das ich's in allen meinen Predigten abgesehen habe (5). Das Allereigentlichste, was man von Gott aussagen kann, das ist "Wort" und "Wahrheit". Gott nannte sich selbst ein "Wort". Sankt Johannes sprach: 'Im Anfang war das Wort' (Joh. 1,1), und er deutet damit (zugleich) an, daß man bei diesem Worte ein "Beiwort" sein solle. So wie der "freie Stern", nach dem der "Freitag" benannt ist, die Venus: der hat manchen Namen. Wenn er der Sonne voraufgeht und eher aufgeht als die Sonne, so heißt er ein "Morgenstern"; wenn er aber hinter der Sonne hergeht, so daß die Sonne eher untergeht, so heißt er ein "Abendstern"; manchmal läuft er oberhalb der Sonne, manchmal unterhalb. Vor allen Sternen ist er der Sonne beständig gleich nahe; er kommt ihr niemals ferner noch näher und zeigt damit an, daß ein Mensch, der hierzu kommen will, Gott allezeit nahe und gegenwärtig sein soll, so daß ihn nichts von Gott entfernen kann, weder Glück noch Unglück noch irgendeine Kreatur.
Der Schrifttext sagt weiterhin: 'Wie ein voller Mond in seinen Tagen.' Der Mond hat Herrschaft über alle feuchte Natur. Nie ist der Mond der Sonne so nahe, wie dann, wenn er voll ist und wenn er sein Licht unmittelbar von der Sonne empfängt. Davon aber, daß er der Erde näher ist als irgendein Stern, hat er zwei Nachteile: daß er bleich und fleckig ist und daß er sein Licht verliert. Nie ist er so kräftig, wie wenn er der Erde am allerfernsten ist, dann wirft er das Meer am allerweitesten aus; je mehr er abnimmt, um so weniger vermag er es auszuwerfen. Je mehr die Seele über irdische Dinge erhaben ist, um so kräftiger ist sie. Wer weiter nichts als die Kreaturen erkennen würde, der brauchte an keine Predigt zu denken, denn jegliche Kreatur ist Gottes voll und ist ein Buch. Der Mensch, der dazu gelangen will, wovon im voraufgehenden gesprochen wurde - hierauf läuft die ganze Predigt mit allem hinaus -‚ der muß sein wie ein Morgenstern: immerzu Gott gegenwärtig und immerzu "bei" (ihm) und gleich nahe und erhaben über alle irdischen Dinge und muß bei dem "Worte" ein "Beiwort" sein.
Es gibt ein hervorgebrachtes Wort: das ist der Engel und der Mensch und alle Kreaturen. Es gibt ein anderes Wort, gedacht und vorgebracht, durch das es möglich wird, daß ich mir etwas vorstelle. Noch aber gibt es ein anderes Wort, das da sowohl unvorgebracht wie ungedacht ist, das niemals austritt; vielmehr bleibt es ewig in dem, der es spricht. Es ist im Vater, der es spricht, immerfort im Empfangenwerden und innebleibend (6). Vernunft ist stets nach innen wirkend. Je feiner und je geistiger etwas ist, um so kräftiger wirkt es nach innen; und je kräftiger und feiner die Vernunft ist, um so mehr wird das, was sie erkennt, mit ihr vereint und mit ihr eins. So (aber) ist es nicht mit körperlichen Dingen; je kräftiger die sind, um so mehr wirken sie nach außen. Gottes Seligkeit (aber) liegt im Einwärtswirken der Vernunft, wobei das "Wort" innebleibend ist. Dort soll die Seele ein "Beiwort" sein und mit Gott ein Werk wirken, um in dem in sich selbst schwebenden Erkennen ihre Seligkeit zu schöpfen: in demselben, wo Gott selig ist.
Daß wir allzeit bei diesem "Wort" ein "Beiwort" sein mögen, dazu helfe uns der Vater und dieses nämliche Wort und der Heilige Geist. Amen.

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Der Prophet spricht: 'Herr, des Volkes, das in dir ist, dessen erbarme dich' (Hosea 14,4). Unser Herr antwortete: 'Alles, was anfällig ist, das werde ich gesund machen und werde sie willig lieben.'
Ich nehme das Schriftwort: 'Der Pharisäer begehrte, daß unser Herr mit ihm äße' und dazu: 'Unser Herr sprach zu der Frau: ‚vade in pace, geh in den Frieden" (Luk. 7,36/50). Es ist gut, wenn man vom Frieden zum Frieden kommt, es ist löblich; trotzdem ist es mangelhaft. Man soll laufen in den Frieden, man soll nicht anfangen im Frieden. Gott (= unser Herr) will sagen: Man soll versetzt und hineingestoßen werden in den Frieden und soll enden im Frieden. Unser Herr sprach: 'In mir allein habt ihr Frieden' (Joh. 16,33). Genau so weit wie in Gott, so weit in Frieden. Was irgend von einem in Gott ist, das hat Frieden; ist dagegen etwas von einem außerhalb Gottes, so hat es Unfrieden. Sankt Johannes spricht: 'Alles, was aus Gott geboren ist, das überwindet die Welt' (1 Joh. 5,4). Was aus Gott geboren ist, das sucht Frieden und läuft in den Frieden. Darum sprach er: 'Vade in pace, lauf in den Frieden!' Der Mensch, der sich im Laufen und in beständigem Laufen befindet, und zwar in den Frieden, der ist ein "himmlischer" Mensch. Der Himmel läuft beständig um, und im Laufe sucht er Frieden,
Nun gebt acht! 'Der Pharisäer begehrte, daß unser Herr mit ihm äße.' Die Speise, die ich esse, die wird so vereint mit meinem Leibe wie mein Leib mit meiner Seele. Mein Leib und meine Seele sind vereint in einem Sein, nicht wie in einem Wirken - (nicht also,) wie sich meine Seele dem Auge im Wirken, das heißt darin, daß es sieht, vereint -; so auch wird die Speise, die ich esse, mit meiner Natur im Sein vereint, nicht dagegen im Wirken, und dies deutet auf die große Einigung, die wir mit Gott im Sein, nicht aber im Wirken haben sollen. Darum bat der Pharisäer unsern Herrn, daß er mit ihm äße.
"Phariseus" besagt soviel wie: einer, der abgesondert ist und um kein Ende weiß 1. Alles Zubehör der Seele muß völlig abgelöst werden. Je edler die Kräfte sind, um so stärker lösen sie ab. Gewisse Kräfte sind so hoch über dem Körper und so abgesondert, daß sie völlig abschälend und abscheidend wirken! Ein Meister sagt ein schönes Wort: Was (nur je) einmal Körperliches berührt, das gelangt niemals da hinein 2. Zum zweiten (besagt "Pharisäer"), daß man abgelöst und abgezogen und eingezogen sein soll. Hieraus mag man entnehmen, daß ein ungelehrter Mensch (allein) durch Liebe und Begehren Wissen erlangen und lehren kann. Zum dritten besagt es (= "Pharisäer"). daß man kein Ende haben und nirgends abgeschlossen sein und nirgends haften und so in Frieden versetzt sein soll, daß man nichts (mehr) wisse von Unfrieden, wenn ein solcher Mensch in Gott versetzt wird durch die Kräfte, die völlig losgelöst sind. Darum sprach der Prophet: 'Herr, des Volkes, das in dir ist, dessen erbarme dich.'
Ein Meister sagt: Das höchste Werk, das Gott je wirkte in allen Kreaturen, das ist Barmherzigkeit. Das Heimlichste und Verborgenste, selbst das, was er je in den Engeln wirkte, das wird emporgetragen in die Barmherzigkeit, und zwar in das Werk der Barmherzigkeit, so wie es in sich selbst ist und wie es in Gott ist. Was immer Gott wirkt, der erste Ausbruch ist (immer) Barmherzigkeit, (und zwar) nicht die, da er dem Menschen seine Sünde vergibt und da ein Mensch sich über den andern erbarmt; vielmehr will er ( = der Meister) sagen: Das höchste Werk, das Gott wirkt, das ist Barmherzigkeit. Ein Meister sagt: Das Werk (der) Barmherzigkeit ist Gott so wesensverwandt, daß zwar Wahrheit und Reichtum und Gutheit Gott benennen, wenngleich (von diesen) das eine ihn mehr aussagt als das andere: das höchste Werk Gottes aber ist Barmherzigkeit, und es bedeutet, daß Gott die Seele in das Höchste und Lauterste versetzt, das sie zu empfangen vermag: in. die Weite, in das Meer, in ein unergründliches Meer; dort wirkt Gott Barmherzigkeit. Darum sprach der Prophet: 'Herr, des Volkes, das in dir ist, dessen erbarme dich.'
Welches Volk ist in Gott? Sankt Johannes spricht: 'Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm' (1 Joh. 4,16). Obwohl Sankt Johannes sagt, die Liebe vereinige, so versetzt doch die Liebe niemals in Gott; allenfalls verleimt sie (schon Vereinigtes). Die Liebe vereinigt nicht, in gar keiner Weise; was (schon) vereinigt ist, das heftet sie zusammen und bindet es zu. Liebe vereint im Wirken, nicht aber im Sein. Die besten Meister sagen, die Vernunft schäle völlig ab und erfasse Gott entblößt, wie er reines Sein in sich selbst sei. Das Erkennen bricht durch die Wahrheit und Gutheit hindurch und wirft sich auf das reine Sein und erfaßt Gott bloß, wie er ohne Namen ist 1. Ich (aber) sage: Weder das Erkennen noch die Liebe einigen. Die Liebe ergreift Gott selbst, insofern er gut ist, und entfiele Gott dem Namen "Gutheit", so würde die Liebe nimmermehr weiterkommen. Die Liebe nimmt Gott unter einem Fell, unter einem Kleide. Das tut die Vernunft nicht; die Vernunft nimmt Gott so, wie er in ihr erkannt wird; sie kann ihn aber niemals erfassen im Meer seiner Unergründlichkeit. Ich sage: Über diese beiden, (über das) Erkennen und (die) Liebe (hinaus) ragt die Barmherzigkeit; im Höchsten und Lautersten, das Gott zu wirken vermag, dort wirkt Gott Barmherzigkeit.
Ein Meister spricht ein schönes Wort: daß etwas in der Seele ist, das gar heimlich und verborgen ist und weit oberhalb dessen, wo die Kräfte Vernunft und Wille ausbrechen [s. P. 43]. Sankt Augustinus sagt: Wie das, wo der Sohn aus dem Vater ausbricht im ersten Ausbruch, unaussprechlich ist., SO auch gibt es etwas gar Heimliches oberhalb des ersten Ausbruchs, in dem Vernunft und Wille ausbrechen 2 Ein Meister, der am allerbesten von der Seele gesprochen hat, sagt, daß das gesamte menschliche Wissen niemals darein eindringt. was die Seele in ihrem Grunde sei. (Zu begreifen,) was die Seele sei, dazu gehört übernatürliches Wissen. Wissen wir doch nichts von dem, wo die Kräfte aus der Seele in die Werke ausgehen; wir wissen wohl ein wenig davon, es ist aber gering. Was die Seele in ihrem Grunde sei, davon weiß niemand etwas. Was man davon wissen kann, das muß übernatürlich sein, es muß aus Gnade sein: dort wirkt Gott Barmherzigkeit 1. Amen.

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Ich hân ein wörtelîn gesprochen des êrsten in dem latîne, daz stât geschriben in dem êwangeliô und sprichet alsô ze tiutsche: »unser herre Jêsus Kristus der gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«.
Ich habe ein Wörtlein gesprochen, zunächst auf lateinisch, das steht geschrieben im Evangelium und lautet zu deutsch also: »Unser Herr Jesus Christus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.«

Eyâ, nû merket mit vlîze diz wort: ez muoz von nôt sîn, daz si ein juncvrouwe was, der mensche, von der Jêsus wart enpfangen. Juncvrouwe ist alsô vil gesprochen als ein mensche, der von allen vremden bilden ledic ist, alsô ledic, als er was, dô er niht enwas. Sehet, nû möhte man vrâgen, wie der mensche, der geborn ist und vor gegangen ist in vernünftic leben, wie er alsô ledic müge sin aller bilde, als dô er niht enwas, und er weiz doch vil, daz sint allez bilde; wie mac er denne ledic sîn? Nû merket daz underscheit, daz wil ich iu bewîsen. Wære ich alsô vernünftic, daz alliu bilde vernünfticlîche in mir stüenden, diu alle menschen ie enpfiengen und diu in gote selber sint, wære ich der âne eigenschaft, daz ich enkeinez mit eigenschaft hæte begriffen in tuonne noch in lâzenne, mit vor noch mit nâch, mêr: daz ich in disem gegenwertigen nû vrî und ledic stüende nâch dem liebesten willen gotes und den ze tuonne âne underlâz, in der wârheit sô wære ich juncvrouwe âne hindernisse aller bilde als gewærliche, als ich was, dô ich niht enwas.
Wohlan, achtet nun aufmerksam auf dieses Wort: Notwendig muß es so sein, daß sie eine »Jungfrau« war, jener Mensch, von dem Jesus empfangen ward. Jungfrau besagt soviel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war. Seht, nun könnte man fragen, wie ein Mensch, der geboren ist und fortgediehen bis in vernunftfähiges Leben, wie der so ledig sein könne von allen Bildern, wie da er noch nicht war, und dabei weiß er doch vieles, das sind alles Bilder; wie kann er dann ledig sein? Nun gebt acht auf die Unterweisung, die will ich euch dartun. Wäre ich von so umfassender Vernunft, daß alle Bilder, die sämtliche Menschen je (in sich) aufnahmen, und (zudem) die, die in Gott selbst sind, in meiner Vernunft stünden, doch so, daß ich so frei von Ich-Bindung an sie wäre, daß ich ihrer keines im Tun noch im Lassen, mit Vor noch mit Nach als mir zu eigen ergriffen hätte, daß ich vielmehr in diesem gegenwärtigen Nun frei und ledig stünde für den liebsten Willen Gottes und ihn zu erfüllen ohne Unterlaß, wahrlich, so wäre ich Jungfrau ohne Behinderung durch alle Bilder, ebenso gewiß, wie ich's war, da ich noch nicht war.

Ich spriche aber: daz der mensche ist juncvrouwe, daz enbenimet im nihtes niht von allen den werken, diu er ie getete; des stât er megetlich und vrî âne alle hindernisse der obersten wârheit, als Jêsus ledic und vrî ist und megetlich in im selber. Als die meister sprechent, daz glîch und glîch aleine ein sache ist der einunge, her umbe sô muoz der mensche maget sîn, juncvrouwe, diu den megetlîchen Jêsusm enpfâhen sol.
Ich sage weiter: Daß der Mensch Jungfrau ist, das benimmt ihm gar nichts von allen den Werken, die er je tat; das alles (aber) läßt ihn magdlich und frei dastehen ohne jede Behinderung an der obersten Wahrheit, so wie Jesus ledig und frei ist und magdlich in sich selbst. Wie die Meister sagen, daß nur gleich und gleich Grund für die Vereinigung ist, darum muß der Mensch Magd sein, Jungfrau, die den magdlichen Jesus empfangen soll.

Nû merket und sehet mit vlîze! Daz nû der mensche iemer mê juncvrouwe wære, sô enkæme keiniu vruht von im. Sol er vruhtbære werden, sô muoz daz von nôt sîn, daz er ein wîp sî. Wîp ist daz edelste wort, daz man der sêle zuo gesprechen mac, und ist vil edeler dan juncvrouwe. Daz der mensche got enpfæhet in im, daz ist guot, und in der enpfenclichkeit ist er maget. Daz aber got vruhtbærlich in im werde, daz is bezzer; wan vruhtbærkeit der gâbe daz ist aleine dankbærkeit der gâbe, und dâ ist der geist ein wîp in der widerbernden dankbærkeit , dâ er gote widergebirt Jêsum in daz veterlîche herze.
Nun gebt acht und seht genau zu! Wenn nun der Mensch immerfort Jungfrau wäre, so käme keine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es notwendig, daß er Weib sei. »Weib« ist der edelste name, den man der Seele zulegen kann, und ist viel edler als »Jungfrau«. Daß der Mensch Gott in sich empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Daß aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser; denn Fruchtbarwerden der Gabe, das allein ist Dankbarkeit für die Gabe, und da ist der Geist Weib in der wiedergebärenden Dankbarkeit, wo er Jesum wiedergebiert in Gottes väterliches Herz.

Vil guoter gâben werdent enpfangen in der juncvröuwelichkeit und enwerdent niht wider îngeborn in der wîplîchen vruhtbærkeit mit dankbærem lobe in got. Die gâbe verderbent und werdent alle ze nihte, daz der mensche niemer sæliger noch bezzer dar abe wirt. Dâ enist im sîn juncvröuwelichkeit ze nihte nütze, wan er niht ein wîp enist zuo der juncvröuwelichkeit mit ganzer vruhtbærkeit. Dar an lît der schade. Dar umbe hân ich gesprochen: »Jêsus gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«. Daz muoz von nôt sîn, als ich iu bewîset hân.
Viele gute Gaben werden empfangen in der Jungfräulichkeit, werden aber nicht in weiblicher Fruchtbarkeit mit dankbarem Lobe wieder eingeboren in Gott. Diese Gaben verderben und werden alle zunichte, so daß der Mensch nimmer seliger noch besser davon wird. Dabei ist ihm seine Jungfräulichkeit zu nichts nütze, denn er ist über seine Jungfräulichkeit hinaus nicht Weib mit voller Fruchtbarkeit. Darin liegt der Schaden. Darum habe ich gesagt: »Jesus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.« Das muß notwendig so sein, wie ich euch dargetan habe.

Êlîche liute die bringent des jâres lützel mê dan éine vruht. Aber ander êlîche liute die meine ich nû ze disem mâle: alle die mit eigenschaft gebunden sint an gebete, an vastenne, an wachenne und aller hande ûzerlîcher üebunge und kestigunge. Ein ieglîchiu eigenschaft eines ieglîchen werkes, daz die vrîheit benimet, in disem gegenwertigen nû gote ze wartenne und dem aleine ze volgenne in dem liehte, mit dem er dich anwîsende wære ze tuonne und ze lâzenne in einem ieglîchen nû vrî und niuwe, als ob dû anders nihet enhabest noch enwellest noch enkünnest: ein ieglîchiu eigenschaft oder vürgesetzet werk, daz dir dise vrîheit benimet alle zît niuwe, daz heize ich nû ein jâr; wan dîn sêle bringet dekeine vruht, si enhabe daz werk getân, daz dû mit eigenschaft besezzen hâst, noch dû engetriuwest gote noch dir selber, dû enhabest dîn werk volbrâht, daz dû mit eigenschaft begriffen hâst; anders sô enhâst dû dekeinen vride. Dar umbe sô enbringest dû ouch dekeine vruht, dû enhabest dîn werk getân. Daz setze ich vür ein jâr, und diu vruht ist nochdenne kleine, wan si ûz eigenschaft gegangen ist nâch dem werke und niht von vrîheit. Dise heize ich êlîche liute, wan sie an eigenschaft gebunden stânt. Dise bringent lützel vrühte, und diu selbe ist nochdenne kleine, als ich gesprochen hân.
Eheleute bringen im Jahr kaum mehr als eine Frucht hervor. Aber eine andere Art »Eheleute« habe ich nun diesmal im Sinn: alle diejenigen, die ichhaft gebunden sind an Gebet, an Fasten, an Wachen und allerhand äußerliche Übungen und Kasteiungen. Jegliche Ichgebundenheit an irgendwelches Werk, das dir die Freiheit benimmt, in diesem gegenwärtigen Nun Gott zu Gebote zu stehen und ihm allein zu folgen in dem Lichte, mit dem er dich anweisen würde zum Tun und Lassen, frei und neu in jedem Nun, als ob du anders nichts hättest noch wolltest noch könntest: - jegliche Ichgebundenheit oder jegliches vorsätzliche Werk, das dir diese allzeit neue Freiheit benimmt, das heiße ich nun ein Jahr; denn deine Seele bringt dabei keinerlei Frucht, ohne daß sie das Werk verrichtet hat, das du ichgebunden in Angriff genommen hast, und du hast auch weder zu Gott noch zu dir selbst Vertrauen, du habest denn dein Werk vollbracht, das du mit Ich-Bindung ergriffen hast; sonst hast du keinen Frieden. Darum bringst du auch keine Frucht, du habest denn dein Werk getan. Dies setze ich als ein Jahr an, und die Frucht ist dennoch klein, weil sie aus dem Werke hervorgegangen ist in Ichgebundenheit und nicht in Freiheit. Solche Menschen heiße ich »Eheleute«, weil sie in Ich-Bindung gebunden sind. Solche bringen wenig Frucht, und die ist zudem noch klein, wie ich gesagt habe.

Ein juncvrouwe, diu ein wîp ist, diu ist vrî und ungebunden âne eigenschaft, diu ist gote und ir selber alle zît glîch nâhe. Diu bringet vil vrühte und die sint grôz, minner noch mêr dan got selber ist. Dise vruht und dise geburt machet disiu juncvrouwe, diu ein wîp ist, geborn und bringet alle tage hundert mâl oder tûsent mâl vruht joch âne zal gebernde und vruhtbære werdende ûz dem aller edelsten grunde; noch baz gesprochen: jâ, ûz dem selben grunde, dâ der vater ûz gebernde ist sîn êwic wort, dar ûz wirt si vruhtbære mitgebernde. Wan Jêsus, daz lieht und der schîn des veterlîchen herzen - als sant paulus sprichet, daz er ist ein êre eund ein schîn des veterlîchen herzen, und er durchliuhtet mit gewalte daz veterlîchen herze - dirre Jêsus ist mit ir vereinet und si mit im, und si liuhtet und schînet mit im als ein einic ein und als ein lûter klâr lieht in dem veterlîchen herzen.
Eine Jungfrau, die ein Weib ist, die frei ist und ungebunden ohne Ich-Bindung, die ist Gott und sich selbst allzeit gleich nahe. Die bringt viele Früchte, und die sind groß, nicht weniger und nicht mehr als Gott selbst ist. Diese Frucht und diese Geburt bringt diese Jungfrau, die ein Weib ist, zustande, und sie bringt alle Tage hundertmal oder tausendmal Frucht, ja unzählige Male, gebärend und fruchtbar werdend aus dem alleredelsten Grunde; noch besser gesagt: fürwahr, aus demselben Grunde, daraus der Vater sein ewiges Wort gebiert, aus dem wird sie fruchtbar mitgebärend. Denn Jesus, das Licht und der Widerschein des väterlichen Herzens - wie Sankt Paulus sagt, daß er eine Ehre und ein Widerschein des väterlichen Herzens sei und mit Gewalt das väterliche Herz durchstrahle (vgl. Hebr. 1,3) -, dieser Jesus ist mit ihr vereint und sie mit ihm, und sie leuchtet und glänzt mit ihm als ein einiges Eins und als ein lauterklares Licht im väterlichen Herzen.

Ich hân ouch mê gesprochen, daz ein kraft in der sêle ist, diu berüeret niht zît noch vleisch; si vliuzet ûz dem geiste und blîbet in dem geiste und ist zemâle geistlich. In dirre kraft ist got alzemâle grüenende und blüejende in aller der vröude und in aller der êre, daz er in im selber ist. Dâ ist alsô herzenlîchiu vröude und alsô unbegrîfelîchiu grôze vröude, daz dâ nieman volle abe gesprechen kan. Wan der êwige vater gebirt sînen êwigen sun in dirre kraft âne underlâz, alsô daz disiu kraft mitgebernde ist der sun des vaters und sich selber den selben sun in der einiger kraft des vaters. Hæte ein mensche ein ganzez künicrîche oder allez daz guot von ertrîche und lieze daz lûterlîche durch got und würde der ermesten menschen einer, der ûf ertrîche iener lebet, und gæbe im im denne got alsô vil ze lîdenne, als er ie menschen gegap, und lite er allez diz unz an sînen tôt und gæbe im denne got einen blik ze einen mâle ze schouwenne, wie er in dirre kraft ist: sîn vröude würde alsô grôz, daz alles diss lîdens und armüetes wære nochdenne ze kleine. Jâ, engæbe im joch got her nâch niemer mê himelrîches, er hæte nochdenne alze grôzen lôn enpfangen umbe allez, daz er ie geleit; wan got ist in dirre kraft als in dem êwigen nû. Wære der geist alle zît mit gote vereinet in dirre kraft, der mensche enmöhte niht alten; wan daz nû, dâ got den êrsten menschen inne machete, und daz nû, dâ der leste mensche inne sol vergân, und daz nû, dâ ich inne spriche, diu sint glîch in gote und enist niht dan éin nû. Nû sehet, dirre mensche wonet in éinem liehte mit gote; dar umbe enist in im noch lîden noch volgen sunder ein glîchiu êwicheit. Disem menschen ist in der wâhrheit wunder abegenomen, und alliu dinc stânt weselîche in im. Dar umbe enpfæhet er niht niuwes von künftigen dingen noch von keinem zuovalle, wan er wonet in einem nû alle zît niuwe âne underlâz. Alsolîchiu götlîchiu hêrschaft ist in dirre kraft.
Ich habe auch öfter schon gesagt, daß eine Kraft in der Seele ist, die weder Zeit noch Fleisch berührt; sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ganz so grünend und blühend in aller der Freude und in aller der Ehre, wie er in sich selbst ist. Da ist so herzliche Freude und so unbegreiflich große Freude, daß niemand erschöpfend davon zu künden vermag. Denn der ewige Vater gebiert seinen ewigen Sohn in dieser Kraft ohne Unterlaß so, daß diese Kraft den Sohn des Vaters und sich selbst als denselben Sohn in der einigen Kraft des Vaters mitgebiert. Besäße ein Mensch ein ganzes Königreich oder alles Gut der Erde und gäbe das lauterlich um Gottes willen hin und würde der ärmsten Menschen einer, der irgendwo auf Erden lebt, und gäbe ihm dann Gott soviel zu leiden, wie er je einem Menschen gab, und litte er alles dies bis an seinen Tod, und ließe ihn dann Gott einmal nur mit einem Blick schauen, wie er in dieser Kraft ist: - seine Freude würde so groß, daß es an allem diesem Leiden und an dieser Armut immer noch zu wenig gewesen wäre. Ja, selbst wenn Gott ihm nachher nimmermehr das Himmelreich gäbe, er hätte dennoch allzu großen Lohn empfangen für alles, was er je erlitt; denn Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nun. Wäre der Geist allzeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern; denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun. Nun seht, dieser Mensch wohnt in einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm weder Leiden noch Zeitfolge, sondern eine gleichbleibende Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit alles Verwundern abgenommen, und alle Dinge stehen wesenhaft in ihm. Darum empfängt er nichts Neues von künftigen Dingen noch von irgendeinem »Zufall«, denn er wohnt in einem Nun, allzeit neu, ohne Unterlaß. Solche göttliche Hoheit ist in dieser Kraft.

Noch ein kraft ist, diu ist ouch unlîplich; si vliuzet ûz dem geiste und blîbet in dem geiste und ist zemâle geistlich. In dirre kraft ist got âne underlâz glimmende und brinnende mit aller sîner rîcheit, mit aller sîner süezicheit und mit aller sîner wunne. Wærlîche, in dirre kraft ist alsô grôziu vröude und alsô grôziu, unmæzigiu wunne, daz nieman vollen dar abe gesprechen noch geoffenbâren kan. Ich spriche aber: wære in der wârheit einen ougenblik die wunne und die vröude, diu dar inne ist: allez daz er gelîden möhte und daz got von im geliten wolte hân, daz wære im allez kleine und joch nihtes niht; ich spriche noch mê: ez wære im alzemâle ein vröude und ein gemach.
Noch eine Kraft gibt es, die ist auch unleiblich; sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ohne Unterlaß glimmend und brennend mit all seinem Reichtum, mit all seiner Süßigkeit und mit all seiner Wonne. Wahrlich, in dieser Kraft ist so große Freude und so große, unermeßliche Wonne, daß es niemand erschöpfend auszusagen oder zu offenbaren vermag. Ich sage wiederum: Gäbe es irgendeinen Menschen, der hierin mit der Vernunft wahrheitsgemäß einen Augenblick lang die Wonne und die Freude schaute, die darin ist, - alles, was er leiden konnte und was Gott von ihm erlitten haben wollte, das wäre ihm alles geringfügig, ja ein Nichts; ich sage noch mehr: es wäre ihm vollends eine Freude und ein Gemach.

Wilt dû rehte wizzen, ob dîn lîden dîn sî oder gotes, daz solt dû her an merken: lîdest dû umbe dîn selbes willen, in welher wîse daz ist, daz lîden tuot dir wê und ist dir swære ze Tragenne. Lîdest dû aber umbe got und got aleine, daz lîden entuot dir niht wê und ist dir ouch niht swære, wan got Treit den last. Mit guoter wârheit! Wære ein mensche, der lîden wolte durch got und lûterlîche got aleine, und viele allez daz lîden ûf in zemâle daz alle menschen ie geliten und daz al diu werlt hât gemeinlich, daz entæte im niht wê noch enwære im ouch niht swære, wan got der Trüege den last. Der mir einen zentener leite ûf mînen hals und in denne ein ander Trüege ûf mînen hals, als liep leite ich hundert ûf als einen, wan ez enwære mir niht swære noch entæte mir ouch niht wê. Kürzlîche gesprochen: swaz der mensche lîdet durch got und got aleine, daz machet im got lîhte und süeze. Als ich sprach in dem beginne, dâ mite wir under predige begunden: »Jêsus der gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«. War umbe? Daz muoste sîn von nôt, daz sie ein juncvrouwe was und ouch ein wîp. Nû hân ich iu geseit, daz Jêsus enpfangen wart; ich enhân iu aber niht geseit, waz daz bürgelîn sî, alsô als ich nû dar abe sprechen wil.
Willst du recht wissen, ob dein Leiden dein sei oder Gottes, das sollst du hieran erkennen: Leidest du um deiner selbst willen, in welcher Weise es immer sei, so tut dir dieses Leiden weh und ist dir schwer zu ertragen. Leidest du aber um Gott und um Gottes willen allein, so tut dir dieses Leiden nicht weh und ist dir auch nicht schwer, denn Gott Trägt die Last. In voller Wahrheit: Gäbe es einen Menschen, der um Gott und rein nur um Gottes willen leiden wollte, und fiele auf ihn alles das Leiden miteinander, das sämtliche Menschen je erlitten und das die ganze Welt mitsammen Trägt, das täte ihm nicht weh und wäre ihm auch nicht schwer, denn Gott Trüge die Last. Wenn mir einer einen Zentner auf meinen Nacken legte und ihn dann ein anderer auf meinem Nacken hielte, so lüde ich mir ebenso lieb hundert auf wie einen, denn es wäre mir nicht schwer und täte mir auch nicht weh. Kurz gesagt: Was immer der Mensch um Gott und um Gottes willen allein leidet, das macht ihm Gott leicht und süß. So denn habe ich am Anfang gesagt, womit wir unsere Predigt begannen: »Jesus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war«. Warum? Das mußte notwendig so sein, daß sie eine Jungfrau war und dazu ein Weib. Nun habe ich euch darüber gesprochen, daß Jesus empfangen ward; ich habe euch aber (noch) nicht gesagt, was das »Burgstädtchen« sei, so wie ich (denn) jetzt darüber sprechen will.
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Ich hân underwîlen gesprochen, ez sî ein kraft in dem geiste, diu sî aleine vrî. Underwîlen hân ich geprochen, ez sî ein huote des geistes; underwîlen hân ich gesprochen, ez sî ein liehte des geistes; underwîlen hân ich gesprochen, ez sî ein vünkelîn. Ich spriche aber nû: ez enist weder diz noch daz; nochdenne ist es ein waz, daz ist hœher boben diz und daz dan der himel ob der erde. Dar umbe nenne ich ez nû in einer edelerr wîse dan ich ez ie genannte, und ez lougent der edelkeit und der wîse und ist dar enboben. Ez ist von allen Namen vrî und von allen formen blôz, ledic und vrî zemâle,als got ledic und vrî ist in im selber. Ez ist sô gar ein und einvaltic, als got ein und einvaltic ist, daz man mit dekeiner wîse dar zuo geluogen mac. Diu selbe kraft, dar abe ich gesprochen hân, dâ got inne ist blüejende und grüenende mit aller sîner gotheit und der geist in gote, in dirre selber kraft ist der vatergebernde sînen eingebornen sun als gewæhrlîche als in im selber, wan er wærliche lebet in dirre kraft, und der geist gebirt mit dem vater den selben eingebornen sun und sich selber den selben sun und ist der selbe sun in disem liehte und ist diu wârheit sprichet ez selbe.
Ich habe bisweilen gesagt, es sei eine Kraft im Geiste, die sei allein frei. Bisweilen habe ich gesagt, es sei eine Hut des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Licht des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Fünklein. Nun aber sage ich: Es ist weder dies noch das; Trotzdem ist es ein Etwas, das ist erhabener über dies und das als der Himmel über der Erde. Darum benenne ich es nun auf eine edlere Weise, als ich es je benannte, und doch spottet es sowohl solcher Edelkeit wie der Weise und ist darüber erhaben. Es ist von allen Namen frei und aller Formen hloß, ganz ledig und frei, wie Gott ledig und frei ist in sich selbst. Es ist so völlig eins und einfaltig, wie Gott eins und einfaltig ist, so daß man mit keinerlei Weise dahinein zu lugen vermag. Jene nämliche Kraft, von der ich gesprochen habe, darin Gott blühend und grünend ist mir seiner ganzen Gottheit und der Geist in Gott, in dieser selben Kraft gebiert der Vater seinen eingeborenen Sohn so wahrhaft wie in sich selbst, denn er lebt wirklich in dieser Kraft, und der Geist gebiert mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn und sich selbst als denselben Sohn und ist derselbe Sohn in diesem Lichte und ist die Wahrheit. Könntet ihr mir meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit sagt es selbst.

Sehet, nû merket! Alsô ein und einvaltic ist diz bürgelîn boben alle wîse, dâ von ich iu sage und daz ich meine, in der sêle, daz disiu edele kraft, von der ich gesprochen hân, niht des wirdic ist, daz si iemer ze einem einigen mâle einen ougenblik geluoge in diz bürgelîn und ouch diu ander kraft, dâ ich von sprach, dâ got ist inne glimmende und brinnende mit aller sîner rîcheit und mit aller sîner wunne, diu engetar ouch niemer mê dar în geluogen; sô rehte ein und einvaltic ist diz bürgelîn, und sô enboben alle wîse und alle krefte ist diz einic ein, daz im niemer kraft noch wîse zuo geluogen mac noch got selber. Mit guoter wârheit und alsô wærlîche, als daz got lebet! Got selber luoget dâ niemer în einen ougenblik und geluogete noch nie dar în, als verre als er sich habende ist nâch wîse und ûf eigenschaft sîner persônen. Diz ist guot ze merkenne, wan diz einic ein ist sunder wîse und sunder eigenschaft. Und dar umbe: sol got iemer dar în geluogen, ez muoz in kosten alle sîne götlîche Namen und sîne persônlîche eigenschaft; daz muoz er alzemâle hie vor lâzen, sol er iemer mê dar în geluogen. Sunder als er ist einvaltic ein, âne alle wîse und eigenschaft: dâ enist er vater noch sun noch heiliger geist in disem sinne und ist doch ein waz, daz enist noch diz noch daz.
Seht, nun merkt auf! So eins und einfaltig ist dies »Bürglein« in der Seele, von dem ich spreche und das ich im Sinn habe, über alle Weise erhaben, daß jene edle Kraft, von der ich gesprochen habe, nicht würdig ist, daß sie je ein einziges Mal (nur) einen Augenblick in dies Bürglein hineinluge, und auch die andere Kraft, von der ich sprach, darin Gott glimmt und brennt mit all seinem Reichtum und mit all seiner Wonne, die wagt auch nimmermehr da hineinzulugen; so ganz eins und einfaltig ist dies Bürglein und so erhaben über alle Weise und alle Kräfte ist dies einige Eine, daß niemals eine Kraft oder eine Weise hineinzulugen vermag noch Gott selbst. In voller Wahrheit und so wahr Gott lebt: Gott selbst wird niemals nur einen Augenblick da hineinlugen und hat noch nie hineingelugt, soweit er in der Weise und »Eigenschaft« seiner Personen existiert. Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum: Soll Gott je darein lugen, so muß es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine Personhafte Eigenheit; das muß er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen. Vielmehr, so wie er einfaltiges Eins ist, ohne alle Weise und Eigenheit, so ist er weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist in diesem Sinne und ist doch ein Etwas, das weder dies noch das ist.

Sehet, alsus als er ein ist und einvaltic, alsô kumet er in daz ein, daz ich dâ heize ein bürgelîn in der sêle, und anders kumet er enkeine wîse dar în; sunder alsô kumet er dar în und ist dâ inne. Mit dem teile ist diu sêle gote glîch und anders niht. Daz ich iu geseit hân, daz ist wâr; des setze ich iu die wârheit tz einem geziugen und mîne ze einem pfande.
Seht, so wie er eins und einfaltig ist, so kommt er in dieses Eine, das ich da heiße ein Bürglein in der Seele, und anders kommt er auf keine Weise da hinein; sondern nur so kommt er da hinein und ist darin. Mit dem Teile ist die Seele Gott gleich und sonst nicht. Was ich euch gesagt habe, das ist wahr; dafür setze ich euch die Wahrheit zum Zeugen und meine Seele zum Pfande.

Daz wir alsus sîn ein bürgelîn, in dem Jêsus ûfgange und werde enpfangen und êwiclîche in uns blîbe in der wîse, als ich gesprochen hân, des helfe und got. Âmen.
Daß wir so ein »Bürglein« seien, in dem Jesus aufsteige und empfangen werde und ewig in uns bleibe in der Weise, wie ich's gesagt habe, dazu helfe uns Gott. Amen.

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Text von Otto Karrer, bearbeitet von Eckhart Triebel
Anmerkungen
Die Handschrift Soest 33 (Sigle 'S') wurde im Jahre 1880 von Ludwig Keller entdeckt; im August desselben Jahres fand Heinrich Denifle den Codex Amplon. Fol. n. 181 in der Bibliotheca Amploniana, der als Handschrift 'E' in die Geschichte einging, deren Edition er 1886 veröffentlichte, in dem Jahr, als er auch das Handexemplar des Nikolaus von Kues entdeckte - Sigle 'C'. Diese drei zählen zu den wichtigsten der inzwischen bekannten Handschriften.
1927 erschien Karrers nachfolgend wiedergegebene Übersetzung des Textes.

Gegeben im Jahre des Herrn 1326 am 26. September, dem Tage, der zur Beantwortung der Sätze festgesetzt ist, die aus den Schriften und Aussprüchen Meister Eckeharts sowie aus Predigten entnommen sind, die ihm zugeschrieben werden - Sätze, die gewissen Leuten als irrig und, was schlimmer ist, der Häresie verdächtig erscheinen, wie sie sagen.
Ich, besagter Bruder Eckehart aus dem Predigerorden, antworte darauf:
Erstlich erkläre ich öffentlich vor Euch Kommissären, Meister Renher von Friesland, Doktor der Theologie, und Bruder Petrus de Estate, neuerlich Kustos der Minoritenbrüder: In Anbetracht der Freiheit und der Privilegien unseres Ordens bin ich nicht gehalten, vor Euch zu erscheinen, noch auch die gegen mich erhobenen Vorwürfe zu beantworten, zumal ich nie der Häresie beschuldigt worden oder jemals in solchem Rufe gestanden bin, wofür mein ganzes Leben und meine Lehre Zeugnis gibt, und ich stehe damit im Einklang mit der Ansicht meiner Brüder des ganzen Ordens und des Volkes beiderlei Geschlechtes im gesamten Bereich der ganzen Nation.
Daraus ist zweitens offenkundig, daß der Auftrag, der Euch von dem Ehrwürdigen Vater, dem Herrn Erzbischof von Köln, erteilt wurde, dessen Leben Gott erhalten möge, keinerlei Kraft hat. Entstammt er doch falscher Einflüsterung, einer üblen Wurzel also, einem schlimmen Baume. Wenn ich geringeren Ruf beim Volke genösse und minderen Eifer für die Gerechtigkeit hätte, fürwahr, ich bin überzeugt, daß von meinen Neidern derartiges nicht gegen mich wäre versucht worden. Indessen kommt es mir zu, dies geduldig zu tragen. Denn 'selig sind, die um der Gerechtigkeit willen leiden', und 'Gott züchtigt einen jeglichen Sohn, den er annimmt', nach dem Wort des Apostels. So kann ich denn mit Recht mit dem Psalmisten sagen: 'Ich bin auf Züchtigungen gefaßt'. Es wurden ja auch schon früher einmal die Meister der Theologie zu Paris von der Obrigkeit mit der Prüfung der Werke so hoch berühmter Männer wie des heiligen Thomas von Aquin und des Herrn Bruder Albert des Großen beauftragt, als wären sie verdächtig und irrig gewesen, und auch gegen Sankt Thomas persönlich ist oftmals von vielen geschrieben, geredet und öffentlich gepredigt worden, daß er Irrtümer und Irrlehren schriftlich und mündlich vorgetragen habe. Aber mit des Herrn Hilfe wurde sowohl in Paris wie auch vom Papste selbst und von der Römischen Kurie sein Leben wie seine Lehre gebilligt.

Nach diesen Vorbemerkungen antworte ich nun auf die mir zur Last gelegten Sätze. Die besagten Sätze, 49 an der Zahl, zerfallen in vierlei Gruppen:
- Erstens werden 15 Sätze angeführt, die einem von mir verfaßten Buche entnommen sind, das mit den Worten Benedictus Deus beginnt;
- zweitens werden vorgelegt 6 Sätze, die aus einer gewissen Antwort von mir oder aus meinen Worten entnommen wurden;
- drittens werden angeführt 12 Sätze, entnommen der ersten Auslegung, die ich über die Genesis verfaßt habe - dabei wundert mich nur, daß dem Inhalt meiner verschiedenen Bücher nicht mehr entgegengehalten wird; steht doch fest, daß ich hundert und mehr Dinge geschrieben habe, die dieser Leute Unwissenheit weder begreift noch versteht;
- viertens werden angeführt 16 Sätze, die aus mir zugeschriebenen Predigten entnommen sind.

Was nun die erste, zweite und dritte Gruppe betrifft, so erkläre und bekenne ich, daß ich solches gesagt und geschrieben habe, und ich erachte, wie aus meiner Darlegung hervorgehen wird, daß alles darin wahr ist, obschon manches ungewohnt, schwierig und subtil ist.
Wenn gleichwohl in den obengenannten oder in anderen meiner Worte und Schriften etwas falsch wäre, was ich nicht sehen kann, so bin ich allzeit bereit, einer besseren Einsicht nachzugeben. Denn 'kleine Geister bemeistern nicht große Dinge, und schon beim Versuch unterliegen sie, wenn sie wagen, was über ihre Kräfte geht', schreibt Hieronymus an Eliodor. Irren kann ich, aber nicht ein Häretiker sein. Denn das erste betrifft den Verstand, das Zweite aber den Willen.

Zum Verständnis dieser Sätze ist dreierlei zu beachten:
Das erste ist, daß jenes 'sofern' eine Beschränkung auf den strengen Begriff als solchen besagt und alles andere, auch alles nur gedanklich von dem Begriff Verschiedene, ausschließt. Z. B. obschon in Gott Denken und Sein dasselbe ist, so sagen wir dennoch nicht, daß Gott böse sei, wenn wir sagen, daß er das Böse erkenne. Und obschon in Gott-Vater Wesenheit und Vaterschaft dasselbe ist, so zeugt er dennoch nicht, insofern er Wesenheit, sondern insofern er Vater ist, wenngleich seine Wesenheit die Wurzel der Zeugung ist. Es gehen ja auch die absoluten göttlichen Tätigkeiten aus Gott entsprechend der Eigenheit seiner Attribute hervor, wie ein Grundsatz der Theologie besagt, weshalb auch Bernhard (V 1. De consideratione) ausführt, daß Gott liebe als Liebe, erkenne als Wahrheit, throne als Gerechtigkeit, herrsche als Majestät, wirke als Kraft, sich offenbare als Licht, etc.
Das zweite ist, daß der Gute und die Güte eins sind. Denn Guter, sofern einer gut ist, bezeichnet die bloße Güte, sowie Weißes die bloße Beschaffenheit des Weiß-seins bezeichnet. Indessen sind sie - der Gute und die Güte im Sohne, hl. Geiste und Vater eindeutig eins; spricht man aber von Gott und uns Guten zusammen, so ist die Einheit nur analog.
Das dritte ist, daß alles Zeugende, ja sogar alles Wirkende, sofern es zeugend und wirkend ist, zweierlei aufweist:
Erstens, daß es von Natur aus nicht zur Ruhe kommt und einhält, bis es dem Empfangenden und Gezeugten seine Form aufgeprägt hat, und indem diese übertragen und als solche geschenkt und eingeflößt wird, teilt es ihm sein Wesen und alles, was diesem zukommt, mit, also jede Tätigkeit und jede beliebige Eigenschaft. Daher kommt es, daß nach der Lehre des Philosophen nichts sich bewegt, was nicht bewegt wurde, und daß, was nicht berührt, auch nicht wirkt.
Zweitens, daß alles Wirkende, sofern es wirkt, sowie alles Hervorbringende, sofern es hervorbringt, ungezeugt ist, nicht geworden noch geschaffen, weil nicht von einem andern stammend. Ja es besteht sogar ein Beziehungsgegensatz zwischen dem Zeugenden, sofern es Zeugendes und Tätigkeitsprinzip ist, und dem Gezeugten, dem Sproß, dem Sohne, dem Geschaffenen, dem Gewordenen, kurz dem Vom-andern-seienden. Z. B. der Entwurf eines Kunstwerks, also etwa ein Haus im Geist des Künstlers, ist eine Art hervorgebrachten, gewordenen Sprößlings und, wenn ich so sagen darf, von einem Äußeren ins Leben gerufen, etwa durch ein wirkliches Haus oder von einem Lehrer; aber als solches ist es selbst kein Zeugendes, ist nicht Vater oder hervorbringendes Prinzip. Joh. 5: 'Aus sich vermag der Sohn nichts zu tun'
Woraus folgerichtig klar ist, daß Zeugendes und Gezeugtes wohl in den Dingen eins sind, aber einander entgegengesetzt und voneinander unterschieden der Beziehung nach, und zwar vermöge einer Realbeziehung in der Gottheit, wo Beziehung und Ding dasselbe ist, während sie in den Geschöpfen bloß durch gedankliche Beziehung unterschieden werden. Und das kommt daher, weil Tun und Empfangen zwar gleicherweise zwei erste Prinzipien sind, aber nur eine Bewegung; denn Bewegen und Bewegtwerden entsteht und vergeht gleichzeitig, gemäß der Natur der Beziehungen.
Nach dem Gesagten ziehe ich also mit offenkundigem Recht den Schluß auf die Wahrheit alles dessen, was in meinen Büchern und Aussprüchen beanstandet wird, wie auch auf die Unbildung und den Frevel meiner Gegner, gemäß jener Stelle aus dem Buch der Sprüche 8: 'Meine Kehle verkostet die Wahrheit', was das erste angeht, 'und meine Lippen verabscheuen den Frevler', was das zweite betrifft.

Antwort auf die Sätze, die dem Trostbuch entnommen wurden
Zum ersten, wenn es daher heißt: "Der Weise und die Weisheit, wahr und die Wahrheit " etc., so erkläre ich, daß dies unbedingt und einfach wahr ist, wie aus der dritten der soeben vorausgeschickten Bemerkungen erhellt.
Zum zweiten, wenn es heißt: "Der Gute, sofern er gut ist, ist ungemacht und ungeschaffen", so ist dasselbe zu sagen wie eben.
Zum dritten, wenn es heißt: "Die Güte zeugt sich und alles, was ihr eigen ist" etc., so
bleibe ich dabei, daß dies wahr ist, wie aus der dritten Vorbemerkung in deren erstem Teil erhellt. Überdies ergibt es sich aus dem angeführten Beispiel, denn das Weiße erhält sein Weiß-sein formell von der Weiße und von nichts anderem
Zum vierten, wenn es heißt: "Güte und Gut sind nur eine Güte allein" etc., so ist das wahr und erhellt aus der dritten und zweiten Vorbemerkung; und damit stimmt auch überein, was bei Matth. 10 gesagt ist: 'Ich bin gekommen, den Menschen von seinem Vater zu scheiden', und Matth. 23: 'Ihr sollt niemand Vater nennen auf Erden' und abermals: 'Er verleugne sich selbst und so folge er mir nach', und 2. Kor. 3: 'Die Herrlichkeit Gottes mit enthülltem Antlitz schauend, werden wir in eben dies Bild verwandelt' und Apg. 17: 'Gottes Geschlecht sind wir; in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir'
Wenn aber an der gleichen Stelle gesagt ist, daß "die höchsten Seelenkräfte in der Seele Lauterkeit stehen, abgeschieden von Raum und Zeit", so ist dies dasselbe, was der hl. Thomas lehrt: daß die sinnlichen Kräfte nicht in der Seele, sondern im Compositum als ihrem Träger sind, während Verstand und Wille in der Seele als ihrem Träger sind. Auch steht fest, daß der Verstand von Hier und Jetzt, also von Orts- und Zeitbezogenem absieht. Dies aber und alles Ähnliche in dem Buch Benedictus Deus dient zum sittlichen Leben, zur Hintansetzung und Verachtung des Zeitlichen und Körperhaften und zur Liebe Gottes, des höchsten Gutes
Auch ist hier in diesem vierten Satz mit Nachdruck zu bemerken, daß es heißt, besagte höchste Kräfte seien in der Seele und mit ihr geschaffen. Sinnlos also und böswillig oder aber aus Unverstand legt man mir in einem anderen Satz zur Last, daß ich etwas Ungeschaffenes als zur Seele gehörig lehre
Zum fünften, wenn es heißt: "Der Mensch soll beflissen sein, daß er sich entbilde seiner selbst" etc., so ist dies wahr und durchaus sittlich erbauend, in Übereinstimmung mit jener Stelle aus dem Buch der Sprüche im 12. Kap.: 'Nichts wird den Gerechten betrüben, was immer auch ihm zustoßen mag.' Steht doch fest, daß weder das ungeschaffene Gut, Gott, die Güte selbst, den guten Menschen in Unruhe bringt, noch auch die Kreatur, die er verachtet und von der er sich abgeschieden und fern hält
Zum sechsten, wenn es heißt: "Mein Herz und meine Liebe gibt dem Geschöpf die Güte" etc., so ist dies wahr. Das nach außen gerichtete Werk, das aus sich keinerlei sittliche Güte oder Verdienst besitzt, sofern es ohne Liebe getan wird, empfängt, aus der Liebe gewirkt, ein Sein aus dem Nichtsein und ist nun die ganze Welt wert, und Gott ist der einzige Lohn. So gemäß 1. Kor. 13: 'Wenn ich die Gabe der Weissagung hätte' etc. 'aber hätte ich die Liebe nicht, so bin ich nichts'
Zum siebtens, wenn es heißt: "Ein solcher Mensch ist so eins und so einwillig mit Gott" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist und einwandfrei und sittlich erbauend erscheint wie alles andere. Denn wie könnte wohl jemand selig oder auch gut sein, der wollte, was Gott nicht wollte, oder es anders wollte, als Gott es will? Z. B. wie könnte wohl jemand selig sein, der nicht beseligt werden wollte oder der das Gegenteil der Seligkeit wollte? Oder wie könnte einer weiß sein im Gegensatz zur Weiße und unähnlich der Weiße? Besteht doch alle Vollkommenheit des Menschen darin, daß er sich dem göttlichen Willen einfüge, indem er will, was Gott will, und auf die Weise, wie Gott es will, zumal alles, was Gott will, und wie er es will, ohne weiteres gut ist. Sicherlich aber soll der Mensch allzeit das Gute wollen
Zum achten, wenn es heißt: "Der gute Mensch, sofern er gut ist, tritt in alle Eigenschaft der Güte selbst" etc., so ist dies wahr, wie es dasteht
Zum neunten, wenn es heißt: "Vielleicht nimmt man Gott eigentlich mehr durch Entbehren als durch Empfangen" etc., so ist dies wahr; z. B. wenn jemand einer Gabe, etwa ein guter Sänger zu sein, oder irgend sonst etwas um Gottes willen entbehrt. Und so wird das Wort erfüllt: 'Was einer hat, wird ihm genommen werden' [Markus 4]. So lehrt auch [Chrysostomus] über die Stelle: 'Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen'. So nimmt das Auge, das selbst der Farbe entbehrt, die Farbe auf, erkennt sie und freut sich an ihr; eine farbige Wand aber weiß weder von sich, daß sie farbig ist, noch freut sie sich darüber, weshalb auch bei Matth. 5 die Armen selig gepriesen werden
Zum zehnten, wenn es heißt: "Unser Herr bat seinen Vater daß wir eins mit ihm seien" etc., so ist davon zu sagen, daß dies wahr ist. Denn so lautet das Wort Christi im Evangelium und so veranschaulicht deutlich das hier angewandte Gleichnis vom Feuer
Zum elften, wenn es heißt: "Kein Zweifel" daß auch die natürliche menschliche Tugend so edel etc., so erkläre ich wiederum: das ist wahr und genügend im Vorausgehenden erklärt, in Übereinstimmung mit dem Worte: 'Gottes Reich ist in euch', und: 'Alle Herrlichkeit der Königstochter kommt von innen'. Dies abzuleugnen oder zu bekämpfen verrät die größte Unwissenheit
Zum zwölften, wenn es heißt: "Der gute Mensch will und wollte allezeit leiden um Gottes willen" etc., so ist dies wahr, und wenn einer nicht so ist, so ist er eben kein guter Mensch, noch liebt er in vollkommener Weise Gott und was Gottes ist.
Zum dreizehnten, wenn es heißt: "Ein guter Mensch, sofern er gut ist, hat Gottes Eigenschaft" etc., so sage ich, daß dies wahr ist. Der Beweis liegt in der ersten und zweiten der obigen einleitenden Vorbemerkungen
Zum vierzehnten, wenn es heißt: "Keine redliche Seele ist ohne Gott" etc., so ist Lehre und Wortlaut aus Seneca, ep. 73 [74]; ferner ist es die Lehre Ciceros (De Tusculanis quaestionibus 1. III) und Origenes (Homilia super Gen.) 26. Diese mögen für sich selbst antworten. Aber auch bei 1. Joh. 3 heißt es: 'Ein jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht, weil sein Same in ihm bleibt'
Zum fünfzehnten, wenn es heißt: "Aller Unterschied ist Gott fremd" etc., so ist das klar. Es leugnen, heißt Gott und seine Einheit leugnen. Deut. 6: 'Höre, Israel, dein Gott ist ein einiger Gott'. Bernhard (V De consideratione) sagt: 'Gott ist einer in einer Weise wie nichts anderes; er ist, wenn man so sagen dürfte, der einste', und weiter unten: 'Vergleiche diesem Einen alles, was sonst 'eins' genannt werden kann, und es wird nicht eins sein; und dennoch ist Gott dreifaltig', und weiter: Was hat doch das zu bedeuten: 'Eine Zahl jenseits von aller Zahl'? Darüber handelt Bernhard an der genannten Stelle ausführlich.
Dies also sind die 15 Sätze, die aus dem Buch Benedictus Deus von Leuten bekrittelt werden, die 'weder die Schrift noch die Kraft Gottes kennen', Matth. 22.
Antwort auf die Sätze, die einer Erwiederung auf die Sätze,
die dem Trostbuch entstammen, entnommen wurden

Es gilt nun an zweiter Stelle zu prüfen, was unwissende Leute aus meinen Aussprüchen in einer Erwiderung auf mir vorgeworfene Sätze aufgegriffen haben. Es sind sechs Punkte:
[Der erste Satz lautet:] "Wer aus Einfalt glaubte, sagte oder schriebe, es gebe etwas Ungeschaffenes in der Seele als deren Teil, der wäre darum noch kein Häretiker und würde auch nicht verdammt" [etc.] Ich antworte, daß dies wahr ist. Einzig das hartnäckige Festhalten an einem Irrtum macht ja den Häretiker aus. Viele tausend und abertausend gute Menschen glaubten in ihrem irdischen Leben, Gott, der doch Geist ist, sei etwas wie ein körperhaftes, wenn auch allen überlegenes Menschenwesen. Auch die Verschiedenheit der Personen in einem Wesen pflegten sie sich gänzlich falsch vorzustellen, und so noch vieles andere Zum zweiten, wenn es heißt: "Materie und Akcidens verleihen dem Zusammengesetzten (der zusammengesetzten Substanz) kein Sein, sondern das ganze Zusammengesetzte erhält sein Sein allein von der Wesensform" - so sage ich, daß dies wahr ist, und wer es nicht weiß, ist seiner eigenen Unwissenheit Zeuge.
Zum dritten, wenn es heißt: "Der Gute, sofern er gut ist, empfängt sein ganzes Sein von der ungeschaffenen Güte" etc., so ist dies wahr, nämlich effektiv (der Wirkursache nach); formell aber (der Form nach) empfängt er es von der innewohnenden Güte. So ist etwa im Bereich des Körperlichen eine Wand der Wirkursache nach durch den Maler farbig, formell aber durch die Farbe
Zum vierten, wenn es heißt: "Das ist das wahrste und beste Gebet, wodurch der Gute die Güte, der Gerechte die Gerechtigkeit verehrt" etc., so ist dies wahr, so wie es liegt, und stimmt überein mit der hl. Schrift beider Testamente, wie aus Jes. 1 und Ps. 49 hervorgeht und bei Matth. 15 im Sinn eines Vorwurfs steht: 'Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir'. Darüber auch im Ps. 72: 'Ihren Mund haben sie bis in den Himmel erhoben, ihre Zunge aber', d. i. ihre Leidenschaft, 'sank zur Erde nieder' Zum fünften, wenn es heißt: "Aequivoca werden auf Grund der verschiedenen Dinge unterschieden" etc., so ist dies wahr und die Quelle mancher Erkenntnisse und Erklärungen
Zum sechsten, wenn es heißt: "Die elementaren Eigenschaften erhalten ihr Sein univoce vom Subjekt, durch das Subjekt und in dem Subjekt" etc., so ist zu sagen, daß dies, so wie es liegt, wahr ist.

Antwort auf die Sätze, die der Auslegung des Buches Genesis entnommen wurden
Es gilt nun an dritter Stelle, die meiner ersten Auslegung der Genesis entnommenen Sätze ins Auge zu fassen, und deren sind zwölf: [Im ersten (Satz) wird gesagt:] "Hieraus geht deutlich hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen ist" etc. Da ist zu sagen, daß dies, so wie es liegt, wahr ist. Sie ist deshalb nicht weniger wahr und ist auch in buchstäblichem und geschichtlichem Sinne auszulegen. Zum zweiten, wenn es heißt: "Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist, und zwar gilt 'Gerechtigkeit' eindeutig von der Gottheit, und im Verhältnis von Geschöpf und Gott in analogem Sinne. Es ist also eine und dieselbe Gerechtigkeit und Güte, einfachhin und absolut genommen in der Gottheit, in den Geschöpfen aber analogerweise, wie oben mehrfach dargetan wurde.
Zum dritten, wenn es heißt: "Das Sein ist die Aktualität aller Wesensformen; und das Sein ist es, was jegliches Ding ersehnt", so ist dies wahr. Das erste ist ein Wort des hl. Thomas, das zweite, wie es hier in dem Satz gesagt ist, ist ein Ausspruch Avicennas.
Zum vierten, wenn es heißt: "Das Sein selbst empfängt sein Dasein nicht in einem andern oder von einem andern" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist. Zu unterscheiden ist freilich zwischen dem formhaft innewohnenden und dem absoluten Sein, das Gott ist.
Zum fünften, wenn es heißt: "Das Sein ist Gott", so muß man sagen, daß dies wahr ist hinsichtlich des absoluten Seins, wenn auch nicht vom formhaft innewohnenden. Und diese Lehre wird im vorliegenden Zusammenhang durch fünferlei Gründe erwiesen, auf die man wahrheitsgemäß nichts erwidern kann. Spricht doch er selbst die Wahrheit: 'Ich bin, der ich bin,' 'er, der da ist, hat mich gesandt'. Siehe hierüber die eingehende Erörterung Bernhards (1. V De consideratione).
Zum sechsten, wenn es heißt: "Von Gott allein haben alle Dinge Sein, Eins-sein" etc., so ist dies wahr, so wie es soeben zum fünften Satz gesagt ist.
Zum siebten, wenn es heißt: "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar von Gott selbst sein ganzes Sein" etc., so ist dies wahr, so wie es soeben, zum gleichen fünften Satz, gesagt wurde. Zum achten, wenn es heißt: "Der Anfang, in dem Gott Himmel und Erde schuf, ist das erste, einfache Jetzt der Ewigkeit" etc., so muß man sagen, daß dies wahr und notwendig ist, so wie es dasteht. Denn das Schaffen und überhaupt jede Tätigkeit Gottes ist selbst sein Wesen. Daraus folgt jedoch keineswegs, daß, wenn auch Gottes Schöpfungsakt von Ewigkeit ist, deshalb auch die Welt von Ewigkeit Dasein habe, wie unwissende Leute meinen. Denn die Schöpfung, passiv genommen, ist ebensowenig ewig, wie das Geschaffene selbst.
Zum neunten, wenn es heißt: "Das letzte im Seienden ist auch das erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich des Seins wie das Höchste im Seienden", so muß man sagen, daß dies wahr ist. Ein Beispiel: Alle Glieder des Leibes verhalten sich gleichmäßig, weil unmittelbar, zum Sein des Leibes. Denn obwohl ein Mensch ohne Arme, Augen und derlei Glieder wohl leben kann, so wäre doch ein Wesen wenn es eines gäbe, dem es von Natur unmöglich wäre, Augen und dergleichen zu besitzen, kein Mensch nach Art eines Menschen. Denn es gibt zwar eine wechselweise Ordnung (Stufung) der Glieder untereinander, aber diese bezieht sich nicht auf das Sein des Ganzen; denn dieses ist eins, und im Einen gibt es keinerlei Ordnung. [1] So verhält es sich beispielsweise auch mit den Seelenkräften in ihrer Beziehung untereinander und in ihrer Beziehung auf das Sein der Seele, das ein einheitliches ist, wie der hl. Thomas lehrt. Wie es daher in der Genesis heißt: 'Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde', so steht im 101.Psalm und im Hebräerbrief: 'Im Anfang hast du, Herr, die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk'.
Zum zehnten, wenn es heißt: "Gott ist auf alle Weise und in jeder Hinsicht einer" etc., so muß gesagt werden, daß dies, wie es liegt, wahr ist und mit dem Schrifttum des Kanons, der Heiligen und Lehrer übereinstimmt.
Zum elften, wenn es heißt: "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem andern ist", so ist zu sagen, daß dies wahr und ein Wort Avicennas und Alberts in seiner Schrift de causis ist. Der Grund und die Notwendigkeit dieser Lehre beruht einerseits darauf, daß ich in dem Urteil: 'Der Mensch ist ein Lebewesen', nicht das Sein aussage - in diesem Zusammenhang nämlich ist das 'ist' nicht Prädikat, sondern ein drittes Hinzukommendes: Prädikatskopula - die nicht die Existenz, sondern die bloße Beziehung des Prädikats 'Lebewesen' zum Subjekt 'Mensch' ausdrückt - andererseits, darauf, das das Sein des Menschen eine Ursache hat, daß er von einem andern ist, von Gott nämlich, dem ersten Sein, während unbedingt gilt, unabhängig von jeder Voraussetzung, daß der Mensch ein Lebewesen ist. Denn was immer auch jemand dagegen wollen oder tun möchte, so bleibt doch das Urteil: 'Der Mensch ist ein Lebewesen' wahr, selbst wenn es gar keinen existierenden Menschen gäbe.
Zum zwölften, wenn es in der Genesiserklärung heißt: "Das äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich" etc., so muß gesagt werden, daß dies wahr ist, und zwar geht dies hervor aus dem bereits oben Gesagten, wobei ich unterscheide zwischen dem Guten der Natur, das mit dem Seienden der Veränderung unterliegt, und dem Guten der Gnade, dessen Ziel das ewige Leben ist, gemäß der angeführten Stelle: 'Gottes Reich ist in euch'. Und somit fügt der äußere Akt dem inneren keinerlei sittliche Güte hinzu, wie Thomas (I II q. 20 a. 4) lehrt. Soviel zum dritten Abschnitt.
Es ist somit offenbar, daß in jedem der angeführten Sätze, die enthalten sind erstens im Buch Benedictus Deus, zweitens in meinen Aussprüchen und Erwiderungen an Kritiker, drittens in meiner ersten Auslegung der Genesis - und die ich tatsächlich alle geschrieben und geäußert zu haben bekenne -, daß in einem jeden davon, sage ich, die Wahrheit und der Grund der Wahrheit ersichtlich wird, wie ich oben dargelegt habe. Es ergibt sich aber auch entweder die wirkliche Bosheit oder die gröbliche Unwissenheit meiner Widersacher, die in ihren grobsinnlichen Vorstellungen Göttliches, Hohes, Unkörperhaftes zu beurteilen sich unterfangen, im Gegensatz zu dem Worte des Boethius in dem Buch De Trinitate: 'In göttlichen Dingen gilt es geistig zu denken und nicht zu bildhaftem Werk der Phantasie herabzusinken'.
Ich verwahre mich nochmals dagegen, daß ich für dies oder für sonst etwas, was ich in den einzelnen Kommentaren über die verschiedenen Bücher der Schrift geschrieben habe, oder für beliebiges aus dem vielen andern mich vor Euch oder irgend jemand anderem als dem Papst oder der Pariser Universität zu verantworten hätte, es sei denn, daß es etwa, was ferne sei, den Glauben anginge, zu dem ich mich allzeit bekenne. Dennoch wollte ich, gleichsam als Werk der Übergebühr, jedoch unter Protest wegen der Freiheit meines Ordens, vor Euch diese Dinge aus freien Stücken darlegen, um nicht den Anschein zu erwecken, als ergriffe ich die Flucht vor dem, was mir fälschlich zugemutet wird.

Antwort auf die Sätze, die den Predigten entnommen wurden
Ich bin von Rechts wegen ebensowenig gehalten, mich wegen der Sätze zu verteidigen, die aus mir zugeschriebenen Predigten entnommen sind - denn allenthalben wird auch von Geistlichen, Studierenden und Gebildeten verstümmelt und falsch weitergegeben, was sie gehört haben. Nur das eine habe ich zu bemerken, daß ich keinen dieser Sätze, so wie sie angeführt werden, soweit sie einen Irrtum enthalten oder nach Häresie schmecken, innerlich glaube noch geglaubt oder gehalten oder gepredigt habe. Ich trete jedoch dafür ein, daß in manchen von ihnen immerhin etwas Wahres berührt wird, was bei richtiger und gesunder Auslegung sich aufrecht erhalten läßt. Es gibt ja 'keine falsche Lehre, der nicht ein Körnchen Wahrheit untermischt wäre', wie Beda in einer Homilie sagt. Wo solche Sätze aber einen Irrtum einschließen oder wenigstens in den Seelen der Zuhörer hervorrufen, verwerfe und verabscheue ich sie. Aber da bin es nicht ich, dem solcher Irrtum oder solche Irrtümer von irgend welchen Neidlingen angerechnet werden könnte oder dürfte, wie auch Augustinus [in] (De Trinitate 1. I c. 3) bemerkt: 'Ich glaube, daß manche, und gewiß nicht die Schwerfälligsten im Geist, an vielen Stellen meiner Schriften mir Gedanken unterschieben werden, die ich niemals hatte, oder auch Gedanken mir absprechen werden, die ich hatte. Aber wer möchte nicht einsehen, daß ich nicht für den Irrtum verantwortlich bin, wenn solche, die mir zu folgen meinen, unvermerkt in irgend ein Mißverständnis geraten, wo ich gezwungen war, durch gewisse unzugängliche und dunkle Gebiete meinen Weg zu nehmen? Hat doch auch niemand ein Recht, den heiligen Verfassern der göttlichen Offenbarung die zahlreichen und mannigfachen Irrtümer der Häretiker zur Last zu legen, weil diese alle aus den hl. Schriften ihre falschen, trügerischen Ansichten zu verteidigen suchen'. Dennoch will ich ein übriges tun und für die einzelnen Sätze noch gesondert Rede und Antwort stehen.
Zum ersten, wenn es daher heißt: "Der Vater zeugt in mir seinen Sohn" etc., so ist zu bemerken, daß dieser Satz mehreres besagen kann: Das eine wäre, daß der Mensch, der in Gottes Liebe und Erkenntnis steht, zu nichts anderem wird, als was Gott selbst ist. Dies erkläre ich für gänzlich falsch und ich habe solches weder gesagt noch geglaubt noch geschrieben oder gepredigt. Es ist irrig und, wenn in verwegener Vermessenheit behauptet, häretisch - denn ohne dies letztere ist kein Irrtum Häresie. Das ergibt sich auch aus Augustinus (XXIV q. 3) Decretum Gratiani: 'Wie der Apostel sollst du jemand erst nach wiederholter Zurechtweisung als Häretiker meiden' - und das Wort 'Häretiker' erklärt die Glosse: 'Einer, der seinen Irrtum hartnäckig verteidigt.' Und weiter unten heißt es im selben Kapitel: 'Wer aber seine Behauptung, mag sie auch falsch und verkehrt sein, ohne Hartnäckigkeit vertritt, in Bereitschaft, sie zu verbessern, ist keinesfalls den Häretikern zuzurechnen.' Und weiter sagt Augustinus im 31. Kap.: 'Solche, die in der Kirche Christi einer Krankheit oder Verdorbenheit anrüchig sind, sind Häretiker, wenn sie der belehrenden Zurechtweisung trotzig widerstehen und ihre verpesteten und todbringenden Lehren nicht ausmerzen wollen, sondern fortfahren, sie zu verteidigen.' Soweit Augustinus.
Was im übrigen die Sache betrifft, die in diesem ersten Satz aufgestellt wird, so muß man wissen, daß ohne Zweifel Gott, und zwar der eine - weil es keinen anderen gibt - in einem jeden Seienden enthalten ist nach Macht und Gegenwart und Wesen [als ungeborener Vater und geborener Sohn].
Und der Vater ist nur Vater als ungezeugt-zeugender, und der Sohn nur Sohn, sofern er gezeugt ist, und zwar als alleiniger, weil er Gott ist. Wo immer daher Gott ist, da ist der Vater, der ungezeugt-zeugende, und wo immer Gott ist, da ist auch der gezeugte Sohn. Wenn daher Gott in mir ist, so zeugt Gott Vater auch in mir seinen Sohn, und in mir ist auch der gezeugte Sohn, der eine, ungeteilte, denn es gibt keinen anderen Sohn in der Gottheit als den einen, und der ist Gott.
Ferner ist zu merken, daß der Sohn im eigentlichen Sinn in der Gottheit ist, und zwar als einziger, wie gesagt. Er ist 'der Eingeborene im Schoß des Vaters', Joh. 1, d. i. in seinem Innersten; er, das 'Ebenbild Gottes des Unsichtbaren, der Erstgeborene vor aller Kreatur', Kol. 1, er, das 'Wort, das im Anfang' und das Gott war, Joh. 1. Und weil er allein Sohn im wahren Sinn, darum auch Erbe im Ursinn, Gal. 4, und daher kommt es, daß niemand außer ihm Erbe oder Sohn ist, sondern nur durch ihn und in ihm, als Glied von ihm durch Gnade und heilige Liebe. Wie immer wir also Söhne sein mögen - sofern wir viele und gesondert sind, sind wir doch nicht Erben, weil wir in Wahrheit auch nur insoweit Söhne sind, als wir durch die in uns sich vollziehende Kindschaftsannahme jenem Ein- und Erstgeborenen gleichgestaltet werden, wie das Unvollkommene dem Vollkommenen, das zweite dem ersten, das Glied dem Haupte - weshalb er ja auch 'Erstgeborener' heißt. Deshalb fügt bezeichnenderweise der Apostel, nachdem er gesagt hatte: 'Wenn Söhne, so auch Erben', hinzu: 'Erben zwar Gottes, aber Miterben Christi', Röm. 8.
Was die Behauptung betrifft, die dem Satze sich anschließt: "Gott zeugt mich als seinen Sohn" "ohne allen Unterschied" - so hat dies auf den ersten Blick eine üble Färbung. Aber es ist doch wahr, weil Gott Vater in mir seinen Sohn zeugt und durch diesen nämlichen Sohn und in ihm mich selbst als seinen Sohn in ihm zeugt; und der Sohn, der in mir gezeugt ist, ist der Sohn ohne allen Unterschied der Natur dem Vater gegenüber; einer, ungeschieden, ohne jede Unterscheidung, nicht einer in mir und ein anderer in einem anderen Menschen; desgleichen ungeschieden, nicht getrennt oder gesondert von mir, als wäre er gleichsam gar nicht in mir; ist er doch als Gott in allem und überall. Dies halte ich für wahren und gesunden Christenglauben, und das heißt Gott in seinem einzigen Sohne die Ehre geben, durch den uns der Vater wiedergeboren und in seiner unaussprechlichen Liebe zu Kindern angenommen hat. Mit dem Gesagten stimmt auch überein, was der hl. Thomas [in] (I 2 q. 108 a. 1.) lehrt.
Was aber an letzter Stelle im gleichen Satze folgt: "Wir werden umgestaltet und verwandelt in Gott", ist ein Irrtum. Denn der heilige oder gute Mensch, wer immer er auch sei, und wie innig er auch mit Gott verbunden sein mag, wird doch nicht selbst Gott und nicht selbst Christus oder Erstgeborener, noch auch werden durch ihn die anderen gerettet, noch ist er das Ebenbild Gottes als sein eingeborener Sohn, sondern er ist nach seinem Bilde, ein Glied dessen, der in Wahrheit und vollkommen der Sohn, der Erstgeborene und der Erbe ist, während wir die Miterben sind, wie gesagt. Und das will das Bild sagen, von dem die Rede ist: Wie nämlich viele Brote auf verschiedenen Altären verwandelt werden in ihn selbst, den wahren, einzigen Leib Christi, der von der Jungfrau Maria empfangen und geboren wurde und unter Pilatus gelitten hat, wobei jedoch die sinnenfälligen Zeichen der einzelnen Stücke erhalten bleiben, so wird auch unser Geist durch die Kindschaftsgnade und werden wir überhaupt dem wahren Sohn Gottes geeint als Glieder des einen Hauptes der Kirche, das Christus ist.
Zum zweiten, wenn es heißt: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden" (daß er der eingeborene Sohn sei ... er möchte auch Vater sein) etc., so ist das dem Wortlaut nach Irrtum, wenn es nicht, wie bei Augustinus (De Trinitate I. 9 c. 12) besagen will, daß vom Erkannten einerseits und vom Erkennenden anderseits sozusagen ein Sproß entsteht, der Erkennendem und Erkanntem gemeinsam zugehört. So trifft es auch zu zwischen Schauendem und Geschautem und scheint der Fall zu sein zwischen Sinnesobjekt und Sinn im Zustand der Tätigkeit, wie der Philosoph sagt. Und das Bild in uns ist vollkommener, wenn die Seele Gott erkennt, denkt und liebt, als wenn sie sich selbst denkt und liebt, wie Augustinus und die Lehrer sagen. Das zu berücksichtigen und dem Volk zu lehren, ist gar nützlich und leitet zum sittlichen Leben und guten Wandel an, sofern es den Menschen antreibt, häufig und gern an Gott zu denken und ihn mehr als sich selbst oder sonst etwas Geschaffenes zu lieben.
Zum dritten, wenn es heißt: "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde der Gottheit versenkt" etc., so ist zu sagen, daß es wahr ist und auf dasselbe hinausläuft, was Plotin über die vier Stufen der Tugenden lehrt, nämlich die bürgerliche, reinigende, die des geläuterten Gemütes und die vorbildliche worüber auch Thomas (I 2 q. 61) im letzten Abschnitt handelt. Und das ist gar nützlich zur Empfehlung der wahren Tugend der Liebe, deren Wurzel und letzter Grund der hl. Geist ist. Somit soll, wie 'die Wasser zurückkehren' 'zur Quelle, von der sie entsprungen sind', der Mensch um den Besitz der Liebe besorgt sein. Denn die Wurzel aller Liebe ist Gott, und er ist selbst 'die Liebe'. 'Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm' Zum vierten, wenn es heißt: "Der demütige Mensch ist Gottes so mächtig" wie Gott seiner selbst etc., so ist dies dem Wortlaut nach Irrtum. Aber das ist wahr, daß Gott dem Demütigen seine Gnade gibt, wie Jakobus und Petrus bezeugen. Soviel aber ein Mensch an Gnade besitzt und soweit er Gottes Sohn ist, soviel vermag er über Gott und dessen Werke, weil er ja nichts anderes will und nicht auf andere Weise, als was Gott will und tut.
Zum fünften, wenn es heißt: "Es ist eine Kraft in der Seele, die hat ein Wirken mit Gott", so ist dies Irrtum dem Wortlaut nach, wenn es nicht so ausgelegt wird, wie bereits zum vierten und oben zum zweiten Satz bemerkt wurde Zum sechsten, wenn es heißt: "Es ist eine Kraft in der Seele, wäre die Seele so, sie wäre ungeschaffen und unschaffbar", so ist dies falsch und Irrtum. Denn wie ein anderer Satz besagt, sind auch die obersten Kräfte der Seele 'in ihr und mit ihr geschaffen'. Ich habe auch solches gar nicht behauptet, sondern was ich ausgeführt habe - um Gottes Güte und Liebe den Menschen gegenüber zu preisen - ist dies: daß 'Gott den Menschen aus Erde schuf nach seinem Bilde' und 'ihn nach seinem Vorbild mit Kraft begabt hat' Eccli. 17, auf daß er Geist sei, wie auch Gott selbst Geist ist - Gott reiner Geist, ungeschaffen, 'ohne jegliche Vermischung mit etwas anderem'. Seinen eingeborenen Sohn zwar, den er zeugt und der sein Ebenbild ist, den hat er derart nach sich selbst ausgestattet, daß er wie der Vater ungeschaffen und unendlich ist; den Menschen aber, der ja geschaffen ist, hat er nach seinem Bilde gemacht, nicht als sein Bild; und hat ihn ausgestattet nicht 'mit' sich selbst, sondern 'nach sich' selbst.
Wenn aber im gleichen Satze gesagt wird: "Dem Intellekt ist ebenso gegenwärtig, was jenseits des Meeres ist, wie dieser Ort, an welchem ich stehe", so ist dies wahr. Denn der Intellekt sieht ab von Hier und Jetzt. Es wird ja selbst schon das Vorstellungsbild in der Seele nicht schneller und leichter erzeugt, wenn das Objekt gegenwärtig, als wenn es abwesend und beliebig entfernt ist.
Zum siebten, wenn es heißt: "Die menschliche Natur ist allen Menschen gleich eigen und gemeinsam", so ist dies wahr, und es zu leugnen bedeutet grobe Unwissenheit. Ist es doch wahr, daß Gott durch die Annahme der menschlichen Natur dieser selbst und allen, die an ihr teilhaben, dasselbe mitteilt wie Christus, nach jener Stelle im 8. Kap. des Römerbriefes: 'Alles hat er uns mit ihm gegeben', und Weish. 7: 'Alle Güter sind mir gekommen gleich mit ihm' - wobei gleich sowohl gleichzeitig als gleicherweise bedeuten oder auch im Sinne gleicher Wirkung gebraucht sein kann. Sofern z. B. das Feuer seine Form im Holze hervorbringt, teilt es ihm alles mit, was der Form des Feuers eigen ist.'Gott nämlich spricht einmal, aber zwei', d. i. mehreres, wird vernommen, heißt es beim Psalmisten. 'Allen redet er' alles, nach Augustinus, 'aber nicht alle hören' in gleicher Weise, sondern ein jeder nach seinem besonderen Vermögen, entsprechend der Stelle bei Matth. 25: 'Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eines'. Somit folgt daraus nicht, wie diese Unwissenden meinen, daß ich oder ein beliebiger Mensch alle Gnade und alles, was der Gnade eigen ist, besäßen, was Christo zukommt Doch ist es dienlich, die obige Wahrheit recht zu beherzigen: zur Förderung der Andacht und damit wir Gott dankbar seien, da er 'die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab' und Fleisch annahm in Christo um meinetwillen, d. i. des Menschen willen. Denn nach der Ansicht vieler Lehrer hat Gott seinen Sohn einzig zur Rettung des Menschen ins Fleisch gesandt. Auch werden wir dadurch, daß er die menschliche Natur annahm, belehrt, in Demut und der Vernunft gemäß Gott zu dienen. Denn der Mensch ist von Erde, was den Leib angeht, aber ein Vernunftwesen der Seele nach.
Zum achten zu dem Satz, der von dem Bild in der Seele handelt - daß nämlich "das Bild der Dreifaltigkeit in der Seele gleichsam deren einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand" etc. - ist zu bemerken, daß die Stelle dunkel ist und nur aus den im Kontext angeführten Beispielen einiges Licht erhält. Ich sehe deshalb keine Gefahr darin.
Wenn es am Ende heißt: "Ich selbst bin dieses Bild", so ist dies irrig und falsch. Denn es ist durchaus nichts Geschaffenes in diesem Bild, sondern nach dem Bilde sind Engel und Menschen geschaffen. Das Bild aber im eigentlichen Sinn und der Abglanz ist weder geschaffen noch auch ein Werk der Natur.

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Zum neunten, wenn es heißt: Der Mensch könne dazu gelangen, daß "der äußere Mensch gehorsam ist dem inneren Menschen bis zu seinem Tod" etc., so ist dies offenkundig als wahr erwiesen durch die Heiligen und Märtyrer, nach dem Worte: 'Um die Gerechtigkeit kämpfe für deine Seele, ja bis zum Tode kämpfe für die Gerechtigkeit', und bei Joh.: 'Wer seine Seele haßt um meinetwillen' der wird sie erhalten zum ewigen Leben.
Zum zehnten, wenn es heißt: "Ich dachte neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte" etc., so habe ich ein solches Wort vor langer Zeit einmal gebraucht, aber es ist schlecht verstanden worden. Ich wollte nämlich nicht etwa behaupten, daß man zu Gott nicht beten solle, sondern ich sagte es, um Gottes Güte zu preisen, die an der Türe steht und klopft, wie es in der Geh. Offenb., 3. Kap., heißt. Auch wollte ich sagen, daß Gott bereiter ist zu geben aus seiner freigebigen Fülle, als der Mensch zu empfangen. Is. 30: 'Gott wartet eurer, daß er sich euer erbarme', und ähnlich.
Zum elften, wenn es heißt: "Der Mensch, der in Gottes Liebe steht" der muß sich selbst tot sein etc., so enthält dieser Satz zweierlei: Das erste, daß der vollkommene Mensch der Welt und den Geschöpfen abgestorben sein muß; desgleichen, daß der vollkommene Mensch seinen Nächsten so sehr lieben solle wie sich selbst. - Das ist beides wahr, in Übereinstimmung mit der Schrift, wo bei Matth. und Luk. 'so sehr wie dich selbst', bei Marcus 'gleichwie dich selbst' steht - ein Wort, das Augustinus sich oft zu eigen macht. Das 'Gleichwie' bedeutet 'ebenso sehr wie' - und das gehört freilich zur Vollkommenheit. Denn die Gnade ist erhabener als die Natur und gehört einer höheren Ordnung an. [6]. Und wer Gott aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit ganzem Gemüte und aus allen seinen Kräften liebt, der hat gewiß außer Gott nichts, was er im Verhältnis zu einem anderen mehr oder weniger liebte. Wer nämlich das eine mehr liebt als das andere, der liebt in den Geschöpfen das Geschöpf und liebt nicht das Eine: Gott in allem und alles in Gott. Im Einen gibt es kein Mehr oder Weniger. Das ist es auch, was der Herr ausdrücklich (bei Matth.) sagt: 'Wer mehr liebt', 'ist meiner nicht wert.' Denn Gott ist der Eine, 'in dem es keine Zahl', also kein Mehr und Weniger gibt.
Was im zwölften Satz über Paulus angeführt wird, ist durchaus wahr: Paulus ließ Gott um Gottes willen, da er zwar sich sehnte, 'aufgelöst und bei Christus zu sein', aber um der Brüder willen, die er in Christo liebte, und um Gottes willen noch länger zu leben verlangte. Um Gottes willen lassen ist Sache der Vollkommenheit - und Paulus ließ fürwahr um Gottes willen, was er von Gott nehmen konnte und was Gott ihm geben konnte: sonst hätte er ja die Gabe Gottes mehr geliebt als Gott selbst. Und das 'propter' um ... willen - wenn ich sage 'Gott um Gottes willen' - bezeichnet das Ziel, die Zweckursache, die stets die höchste und erste aller Ursachen ist.
Zum dreizehnten, wenn es heißt,: "Es ist in der Seele gleichsam eine Burg" etc., so habe ich zu bemerken: Es ist in dieser Predigt viel Dunkles und Zweifelhaftes, was ich niemals gesagt habe. Wahr jedoch ist, wie es dort heißt, daß Gott als Wahrheit erfaßt wird vom Verstand und als Gutheit vom Willen - also von Kräften der Seele unter der Rücksicht des Seins aber teilt er sich dem Wesen der Seele mit. Und es dient dies zur Lehre, daß der Mensch Gott lieben und nach ihm allein ohne alle Verhüllung trachten soll, in keuscher und reiner Liebe nach dem Wort Gottes Gen.15: 'Ich' 'bin dein übergroßer Lohn' .
Zum vierzehnten, wenn es heißt: "Wie mein Leib mit meiner Seele vereinigt ist im Sein" etc., so ist das wahr und ein Wort Christi bei Joh., das uns darüber belehrt, daß wir, wenn aller Liebe zu den Geschöpfen ledig geworden, mit Gott geeint werden, wie nach dem angeführten Beispiel die Speise der Form des Brotes oder Fisches ledig werden muß, um mit dem Speisenden eins zu werden. In diesem Zusammenhang möchte ich bemerken, daß man Beispiele zu gebrauchen pflegt, 'damit der Lernende Verständnis gewinne', wie der Philosoph sagt.
Wenn aber in dem gleichen Satz gesagt wird: "Ähnlich-sein ist übel und täuschend", so ist es dasselbe, was Augustinus (II 1. Soliloquiorum) ausspricht: 'Die Ähnlichkeit der Dinge ist die Mutter der Unwahrheit'. So trügt und täuscht z. B. reines Erz oder Bronze, daß es für Gold gehalten wird, weil es dem Golde ähnlich ist. Und Seneca sagt (Prologo Declamationum): 'Niemals wird der Nachahmer dem Vorbild ebenbürtig. Dies ist in der Natur der Sache gelegen: immer bleibt die Ähnlichkeit hinter der Wahrheit zurück'. Desgleichen Cicero (De natura deorum 1. I): 'Keine Kunst vermag es dem Erfindungsgeist der Natur gleichzutun'.
Zum fünfzehnten, wenn es heißt: "Alle Kreaturen sind ein bloßes Nichts" etc., so ist zu sagen, daß dies eine reine, fromme und nützliche Wahrheit ist, wohl tauglich zur sittlichen Unterweisung, um zur Verachtung der Welt, zur Liebe Gottes und Gottes allein zu führen. Das Gegenteil zu meinen ist ein Irrtum des unerfahrenen Menschen und ohne Zweifel eine gefährliche Häresie, wenn sie blindlings verteidigt wird. Darum heißt es bei Joh. 1: 'Alles durch ihn Gemachte ist , und ohne ihn ist nichts Gewordenes ist das Gewordene ein Nichts'. Dies und nichts anderes will dieser fünfzehnte Satz besagen.
Zum sechzehnten, wenn es heißt: "Wie es auch sei, daß dir ein anderes besser schiene oder besser wäre" etc., so ist zu sagen, daß dies durchaus wahr ist. Wenn der Mensch sich selbst gänzlich verleugnet und sich dem göttlichen Willen völlig gleichförmig macht, indem er einzig das will und liebt, daß in ihm selbst und in allem andern Gottes Ehre und Wille erfüllt werde bei allem, was Gott geben mag oder nicht geben mag - so wird alles und jedes eben deshalb, weil Gott es so und so will, von einem wahren Gottesfreund als das beste aufgenommen und ist dann auch wirklich das beste. Das beste ist: wollen, was Gott will. Denn eben dadurch, daß Gottes Wille etwas will, macht er es gut. Hierher gehört das Wort Matth. 6: 'Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.'
Die Sätze, die dem Trostbuch entnommen wurden:
Folgendes sind die Sätze, die aus dem in deutscher Sprache geschriebenen Büchlein entnommen wurden, das Meister Eckehart an die Königin von Ungarn sandte und das folgendermaßen anheb:Benedictus Deus - 'Gepriesen sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesus Christus':
Erstens. "Der Weise und die Weisheit, wahr und die Wahrheit, gerecht und die Gerechtigkeit, gut und die Güte entsprechen sich gegenseitig und hängen derart miteinander zusammen, daß die Güte weder geschaffen, noch gemacht, noch gezeugt sondern nur zeugend ist, und zwar den Guten zeugt, sofern er gut ist."
Zweitens. "Der Gute, sofern er gut ist, ist ungemacht und ungeschaffen, und doch ist er gezeugt, Kind und Sohn der Güte."
Drittens. "Die Güte zeugt sich und alles, was ihr eigen ist Sein, Erkennen, Lieben und Wirken aus dem Herzen und von dem Innigsten der Güte und aus ihr allein."
Viertens. "Güte und Gut sind nur eine Güte allein durchaus in allem, außer daß jenes zeugt und dieses gezeugt wird. Desungeachtet ist doch Zeugen in der Güte und Gezeugtwerden im Guten ein und dasselbe: ein Sein und Leben. Alles, was des Guten ist, das empfangt er von der Güte, und da ist und lebt und wohnt er, und da erkennt er sich selbst und alles, was er erkennt, und da liebt er, was immer er liebt, und wirkt mit der Güte und in der Güte alle seine Werke, und eben diese Güte mit ihm und in ihm, wie geschrieben steht und der Sohn sagt: 'Der Vater, der in mir bleibt, er tut die Werke', und 'Der Vater wirkt bis zur Stunde, und auch ich wirke', und alles, was des Vaters ist, das ist mein, und alles, was mein ist, das ist des Vaters, nämlich sein durch Geben und mein durch Empfangen."
"Auch soll man wissen, daß, wenn wir etwas 'gut' nennen, der Name oder das Wort Güte nichts anderes, weder mehr noch weniger in sich faßt und beschließt als die bloße und lautere Güte. Doch gibt er es , wenn wir etwas 'gut' nennen und wir sind uns dessen bewußt, daß seine Güte ihm gegeben, eingeflossen und eingeboren ist von der ungezeugten Güte. Darum heißt es im Evangelium: 'Wie der Vater das Leben in sich selbst hat, also hat er dem Sohne gegeben, daß er dasselbe Leben auch in sich selbst habe'. Es heißt 'in sich selbst', nicht 'aus sich selbst', denn der Vater hat es ihm gegeben."
Der Schluß lautet: "Alles, was ich nun gesagt habe vom Guten und von der Güte, das gilt auch ebenso von dem Wahren und von der Wahrheit, von dem Gerechten und von der Gerechtigkeit, von dem Weisen und von der Weisheit, von Gottes Sohn und von Gott dem Vater, von allem, was aus Gott geboren ist und was keinen Vater auf Erden hat, in dem sich auch nichts zeugt, was geschaffen und was nicht Gott selber ist und in dem auch keinerlei Bild ist als Gott, bloß und lauter allein. Denn so spricht auch Johannes in seinem Evangelium:" 'Die nicht aus dem Blute'" etc.
"Unter dem Willen des Mannes meint Johannes die höchsten Kräfte der Seele, der Natur. Die haben nichts mit etwas gemein und sie stehen in Lauterkeit abgeschieden von Zeit und Raum und von allem, was zeitlich und räumlich eine solche Beziehung oder einen Geschmack danach aufweist, die mit nichts etwas gemein haben, durch die der Mensch nach Gott gebildet und durch die er von Gottes Geschlecht und Art ist. Und dennoch, weil sie nicht selber Gott sind, weil sie in der Seele und mit der Seele geschaffen sind, müssen sie ihrer selbst entbildet und in Gott allein überbildet, in Gott und aus Gott geboren werden, auf daß Gott allein Vater sei; denn also sind sie auch Söhne und Gottes eingeborener Sohn. Denn alles dessen bin ich Sohn, das mich nach sich und in sich gestaltet und zeugt."

An dieser Stelle ein Einschub. Gegenüberstellung von fünf Texten:
1. Eckhart im edierten 'Original':
"Ein sôgetân mensche, gotes sun, guot der güete sun, gereht sun der gerehticheit, alsô verre er aleine ir sun ist, sô ist si ungeborn-gebernde, und ir geborn sun hât daz selbe eine wesen, daz diu gerehticheit hât und ist, und tritet in alle die eigenschaft der gerehticheit und der wârheit." (Acta Echardiana, Processus .. S. 202)

2. Die Übersetzung der Ersteller der ersten Liste (1326):
"Talis homo, filius dei, bonus et bonitatis filius, iustus et iustitiae filius, pro quanto ipse est ipsius solius filius, ipsa ingenita generans et genitus filius habet hoc ipsum unum esse quod iustitia ipsa et est et intrat in omnem propietatem iustitiae."

3. Die Übersetzung von Karrer (1927):
"Ein solcher Mensch ist dann Gottes Sohn, gut und der Güte Sohn, gerecht und Sohn der Gerechtigkeit. Sofern er nur Sohn von ihr allein ist, hat sie, nämlich die ungezeugt-zeugende (Güte, Wahrheit, Gerechtigkeit usf.) und er, der gezeugte Sohn, dasselbe eine Sein, das die Gerechtigkeit hat und ist, und er tritt in alle Eigenschaft der Gerechtigkeit [und Wahrheit]."

4. Die Übersetzung von Quint (1963):
"(Soweit) ein solcher Mensch, Gottes Sohn, gut als Sohn der Gutheit, gerecht als Sohn der Gerechtigkeit einzig ihr (d.h. der Gerechtigkeit) Sohn ist, ist sie ungeboren-gebärend, und ihr eingeborener Sohn hat dasselbe eine Sein, das die Gerechtigkeit hat und ist, und er tritt in den Besitz alles dessen, was der Gerechtigkeit und der Wahrheit eigen ist."

Fünftens: "Der Mensch soll beflissen sein, daß er sich entbilde und entblöße seiner selbst und aller Kreatur und keinen Vater kenne denn Gott allein. Dann kann ihn nichts verdrießen noch betrüben, weder Gott noch Kreatur, weder Geschaffenes noch Ungeschaffenes, und all sein Sein, Leben, Erkennen, ist aus Gott und in Gott und Gott."
Sechstens. "Mein Herz und meine Liebe gibt dem Geschöpf die Güte, was Gottes Eigenschaft ist."
Siebtens. "Ein solcher Mensch ist so eins und einwillig mit Gott, daß er alles das will, was Gott will, und in der Weise, wie Gott es will. Und darum, da Gott doch irgendwie will, daß ich auch Sünde getan habe, so wollte ich nicht, daß ich sie nicht getan hätte. Denn so geschieht Gottes Wille 'auf Erden', d. i. in Missetat, 'wie im Himmel', das ist im Rechttun, und so will der Mensch Gott um Gottes willen entbehren und um Gottes willen von Gott geschieden sein; und das ist allein rechte Reue meiner Sünde; so ist mir Sünde leid ohne Leid, und so hat auch Gott Leid um alle Bosheit ohne Leid. Leid und mein meistes Leid habe ich um Sünde, da ich nicht Sünde täte um alles, was geschaffen ist, doch ohne Leid."
Achtens. "Der gute Mensch, sofern er gut ist, tritt in alle Eigenschaft der Güte selbst, die Gott in sich selber ist."
Neuntens. "Vielleicht nimmt man Gott eigentlich mehr durch Entbehren als durch Empfangen. Denn wenn der Mensch empfängt, so hat die Gabe etwas in sich selbst, weshalb der Mensch froh und getröstet ist. So man aber nicht empfängt, so hat man nichts, und so hofft und weiß man nichts, des man sich freue als Gott und Gottes Willen allein."
Zehntens. "Unser Herr bat seinen Vater, daß wir eins seien, durch Einheit eins und nicht allein vereint. Dieser Rede und dieser Wahrheit haben wir ein offenkundiges Beispiel und Erweis in der Natur äußerlich sichtbar: Wenn das Feuer wirkt und angezündet ist und das Holz ergreift, so macht das Feuer das Holz fein und sich selbst unähnlich: es benimmt ihm Grobheit, Kälte, Schwere und Feuchtigkeit des Wassers und macht das Holz sich selbst, nämlich dem Feuer, ähnlich, mehr und mehr. Doch ruhen beide nicht und begnügen sich nicht und geben sich nicht zufrieden, weder Feuer noch Holz, mit keiner Wärme und Ähnlichkeit, bis daß das Feuer sich selbst im Holze erzeugt und ihm seine eigene Natur gibt und auch sein eigenes Sein, so daß das Ganze ein gleiches Feuer ist, ungeschieden, weder mehr noch weniger."
Und kurz danach folgt: "Und ich sage euch in der Wahrheit, daß die verborgene Kraft der Natur heimlich die Ähnlichkeit haßt, sofern sie Unterschied und Zweiung bedingt"
Und gleich darauf: "Und darum habe ich gesprochen, daß die Seele die Ähnlichkeit als solche haßt, aber sie liebt sie wegen des Einen, das in ihr verborgen ist und das ein wahrer Vater ist, ein Beginn ohne allen Beginn aller Dinge im Himmel und auf Erden"
Und hierfür wird das Wort des Evangeliums angeführt: Herr zeige uns den Vater, so genügt es uns! "Philippus, wer mich sieht" der sieht den Vater etc.
Elftens. "Kein Zweifel, daß auch die natürliche menschliche Tugend so edel und kräftig ist, daß ihr kein äußeres Werk zu schwer ist, noch groß genug, daß sie sich darin wie in einem Bilde darstellen könnte. Und darum ist ein anderes, mehr inneres Werk, das weder Zeit noch Ort umschließen oder fassen kann; und in diesem Werk ist etwas, was göttlich und Gott ähnlich ist, den auch weder Zeit noch Ort in sich begreift; denn er ist allenthalben und alle Zeit gleich gegenwärtig. Und auch darin gleicht es Gott, daß ihn keine Kreatur vollkommen empfangen könnte, noch Gottes Güte in sich bilden; und darum muß etwas Innigeres und Höheres sein, ungeschaffen ohne Maß und Weise, daß sich der himmlische Vater ganz darin einbilden und ergießen und darstellen könne: das ist der Sohn und der heilige Geist. Auch kann niemand das innere Werk der Tugend hindern, so wenig als man Gott hindern kann. Dies Werk scheint und leuchtet Tag und Nacht; dies Werk singt Gottes Lob und singt einen neuen Gesang." Im Folgenden wird gesagt: "Dies Werk ist Gott lieben".
Zwölftens. "Der gute Mensch will und wollte allezeit leiden um Gottes willen, und nicht nur gelitten haben. Leidend hat er, was er liebt: er liebt Leiden um Gottes willen, und er leidet um Gottes willen; und darum ist er Gottes Sohn, nach Gott und in Gott transformiert. Er liebt um seiner selbst willen, das heißt, er liebt um der Liebe und wirkt um des Wirkens willen. Und darum liebet Gott und wirkt ohne Unterlaß. Und für Gott wirken ist seine Natur, sein Wesen, sein Leben, sein Heil oder seine Seligkeit. Also wahrlich ist es dem Sohne Gottes, einem guten Menschen, soviel oder soweit er Gottes Sohn ist, sein Wesen, sein Leben, sein Heil oder seine Seligkeit, um Gottes willen zu leiden, um Gottes willen zu wirken. Denn, wie unser Herr spricht: 'Selig sind, die da leiden um der Gerechtigkeit willen'" etc
Dreizehntens. "Ein guter Mensch, sofern er gut ist, hat Gottes Eigenschaft nicht allein, sofern er alles, was er liebt und wirkt, um Gottes willen liebt und wirkt, den er liebt und für den er wirkt, sondern er liebt und wirkt auch um seiner selbst willen, der da liebt. Denn was er liebt, das ist Gott Vater ungeboren, und der da liebt, ist Gott Sohn, geboren. Nun ist der Vater in dem Sohne und der Sohn in dem Vater. Vater und Sohn sind eins."
Vierzehntens. Keine redliche Seele ist ohne Gott; der Same Gottes ist in uns. Hätte sie einen guten und weisen und fleißigen Werkmann, so nähme sie desto besser zu und wüchse auf in Ähnlichkeit Gottes, des Same sie auch ist, und würde die Frucht ähnlich: eine Natur Gottes. Birnbaumes Same wachset zu Birnbaum, Nußbaums Same zu Nußbaum, Same Gottes zu Gott"
Fünfzehntens. "Aller Unterschied ist Gott fremd." Unterschied ist weder in der Natur Gottes noch in den Personen" . Beweis: "Die göttliche Natur ist eine und diese ist eins, und jede Person ist eine und ist dasselbe eine, was die Natur ist, eine jede göttliche Person und alle drei Personen zusammen sind dasselbe eine"

Die Sätze, die einer Erwiederung auf die Sätze, die dem "Trostbuch" entstammen, entnommen wurden:
Dies sind die Sätze, die einer Erwiderung Meister Eckeharts auf die Sätze entnommen sind, die man in seinem Buch beanstandet hatte, das anhebt: (Benedictus Deus) 'Gepriesen sei Gott und der Vater', ein Buch, das er selbst geschrieben hat.

Erster Satz. Wer aus Einfalt glaubte, sagte oder schriebe, es gebe etwas Ungeschaffenes in der Seele als deren Teil, der wäre darum noch kein Häretiker und würde auch nicht verdammt. Und er fügt an, der Sentenzenmeister sei in dem Glauben befangen gestorben - nachdem er ihn mündlich und schriftlich vertreten habe - daß es nicht eine geschaffene Zuständlichkeit der Liebe in der Seele gebe, sondern daß diese vom ungeschaffenen heiligen Geiste allein bewegt werde.
Zweitens. Materie und Akcidens verleihen dem Zusammengesetzten kein Sein, sondern das ganze Zusammengesetzte erhält sein Sein allein von der Wesensform.
Drittens. Der Gute, sofern er gut ist, empfängt sein ganzes Sein von der ungeschaffenen Güte. Und dieses 'sofern er gut ist' bezeichnet einzig die Güte, die Gott selbst ist, sowie das Weiße die bloße Weiße
Der vierte das wahrste und beste Gebet das ist, wodurch der Gute die Güte, der Gerechte die Gerechtigkeit, der Wahre die Wahrheit verehrt. 'Die wahren Anbeter beten den Vater im Geiste und in der Wahrheit an.' Denn 'Gott ist Geist' und ist 'die Wahrheit'. Hinsichtlich der äußeren Kniebeugung, Verneigung des Kopfes und ähnlicher Übungen, die äußerlich seien und auf die Einbildungskraft des ungebildeten Volkes Eindruck machten, wird die Bemerkung eingestreut: 'Ihr betet an, was ihr nicht kennt'.
Fünftens. Aequivoca werden auf Grund der verschiedenen Dinge unterschieden; Univoca auf Grund der verschiedenen Eigenschaften der Dinge; Analoga werden weder durch das eine noch durch das andere unterschieden, sondern nur nach den verschiedenen Weisen der numerisch selben Sache. Als Beispiel dafür führt er an: Es ist eine und dieselbe animalische Gesundheit, von der aus etwa der Urin, die Lebensweise usf. analogerweise als gesund bezeichnet werden. In Urin selbst ist nicht mehr Gesundheit als in einem Stein; er heißt gesund deshalb, weil er durch irgend eine seiner Eigenschaften ein Zeichen jener Gesundheit enthält, in dem Lebewesen ist. Und danach fährt er fort: ganz ebenso stehe im vorliegenden Fall auch das Gute und das Sein in Gott einerseits und im Geschöpf anderseits im Verhältnis der Analogie zu einander, denn durch eine und dieselbe Güte, die in Gott ist und die Gott selbst ist; durch die sind alle Guten gut.
Der sechste die elementaren Eigenschaften ihr Sein univoce d. i. eindeutigvom Subjekt, durch das Subjekt und in dem Subjekt erhalten. Beim Analogieverhältnis hingegen, also im Fall der Gerechtigkeit, Wahrheit usf., ist es nicht so, sondern umgekehrt: Denn sie empfangen ihr Sein nicht vom Subjekt, sondern vielmehr das Subjekt empfängt von ihnen, durch sie und in ihnen das Gerechtsein, Wahrsein, Gutsein und alles derartige, das früher ist als seine Träger und noch bleibt, wenn diese schon zugrunde gegangen sind, wie Augustinus De Trinitate 1. VIII c. 3 schön ausführt.

Die Sätze, die der Auslegung des Buches Genesis entnommen wurden:
Folgendes sind die Sätze aus einem Buche Meister Eckeharts, und zwar jener Schrift entnommen, die er über die Genesis verfaßt hat.

Erstens. "Hieraus geht deutlich hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen ist. Denn das, was in diesem dritten Kapitel gesagt wird, erklären die Heiligen und Lehrer durchwegs bildlich. Wenn man demgemäß auslegt, was hier über die Schlange gesagt wird, so kann man unter der Schlange die sinnlichen Vermögen, unter dem Weibe das niedere und unter dem Manne das höhere Vernunftprinzip verstehen. Unter dieser Voraussetzung scheint man, unbeschadet der sonstigen Auslegungen der Heiligen und Lehrer, möglicherweise vielleicht ebensowohl historisch wie bildlich sagen zu können, daß der übertragene Sinn von Schlange, Weib und Mann sich mit dem geschichtlichen oder buchstäblichen decke, wie es auch im Buch der Richter im 9. Kap. heißt: 'Es hielten die Bäume Versammlung und salbten einen König über sich und sprachen zum Ölbaum: Herrsche du über uns'. So ist nämlich auch, wenn wir sagen: 'Es lacht die Flur' oder 'Das Wasser läuft' der buchstäbliche Sinn der, daß die Wiese blüht und das Blühen ihr Lachen ist und ihr Lachen das Blühen. Wenn man auf solche Weise erklärt, was hier von Schlange, Weib und Mann gesagt wird, so werden viele Zweifel wegfallen, die man geltend zu machen pflegt, z. B. wie die Schlange und das Weib zusammen reden konnten."
Zweitens. "Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit einerseits und die willfahrende anderseits. Desgleichen: Was mitwirkt, kann keine andere Gerechtigkeit sein als eben die gezeugte. Sowie daher niemand gerecht sein kann ohne Gerechtigkeit, so kann auch niemand als Gerechter gezeugt sein ohne gezeugte Gerechtigkeit."
Drittens. "Das Sein ist auch die Aktualität aller Wesensformen. Daher sagt Avicenna in seiner Metaphysik VIII c. 6: 'Was jedes Ding ersehnt, ist Sein und Vollkommenheit'."
Viertens. "Das Sein selbst empfängt sein Dasein nicht in einem andern oder von einem andern oder durch ein anderes, auch kommt es nicht zu etwas hinzu oder gesellt sich einem nachträglich bei, sondern es geht allem vorher und ist früher als alles andere; es ist also das Sein aller Dinge unmittelbar von der ersten und allgemeinen Ursache aller Dinge. Von diesem Sein und durch dieses Sein und in ihm ist alles, es selbst aber ist nicht von einem andern. Denn was von dem Sein verschieden ist, das ist überhaupt nicht oder ist nichts. Denn das Sein selbst verhält sich zu allem wie Wirklichkeit und Vollkommenheit; das Sein, sage ich, sofern es schlechthin Sein ist. Und weiter: 'Das Sein ist dasjenige, was wahrhaft ersehnt wird'. Darum gehört auch ein jedes Ding, so beweglich und veränderlich es auch sei, in das Bereich des Metaphysikers, sofern es nämlich ein Seiendes ist. Sogar die Materie, also die Wurzel der veränderlichen Dinge als solcher, und weiterhin das Sein aller Dinge hat - unter der Rücksicht des Seins sein Maß an der Ewigkeit, nicht an der Zeit."
Fünftens. "Das Sein ist Gott. Dieser Satz leuchtet ein. Denn erstens, wenn das Sein etwas von Gott Verschiedenes wäre, so könnte man von Gott weder sagen, daß er ist, noch daß er Gott ist. Denn wie könnte er sein oder etwas sein, wenn das Sein ihm gegenüber etwas anderes, Fremdes, Unterschiedenes ist? Oder wenn Gott ist, ohne das Sein zu sein, so gehört er jedenfalls anderswohin, da das Sein etwas anderes ist als er. Also ist Gott und das Sein dasselbe - oder aber Gott hat das Sein von einem andern und ist somit nicht, wie vorausgesetzt, selbst das erste, sondern etwas anderes als er ist früher als er und ist ihm Ursache seines Seins.
Ferner, alles, was ist, hat durch das Sein und von dem Sein Dasein oder Existenz. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, so haben die Dinge ihr Dasein anderswoher als von Gott.
Und weiter, vor dem Sein ist nichts. Somit ist dasjenige, was das Sein mitteilt, der Schaffende, ist Schöpfer. Denn Schaffen heißt das Sein aus dem Nichts verleihen. Nun steht aber fest, daß alles sein Sein von dem Sein selbst hat, so wie etwas beliebiges nur weiß ist vermöge der Weiße an sich. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, dann wäre der Schöpfer etwas anderes als Gott.
Und wiederum, alles, was Sein hat, ist - wie auch immer seine anderen Bestimmungen sein mögen -, so wie alles, was Weiße hat, weiß ist. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott, so könnten die Dinge ohne Gott sein, und dann wäre Gott nicht die erste Ursache, wäre den Dingen nicht Ursache, daß sie sind.
Weiter, außer dem Sein und vor dem Sein ist nur das Nichts. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott und Gott fremd, so wäre Gott nichts oder er wäre seinerseits von einem anderen aus sich Seienden, und zwar einem früheren aus sich Seienden, und dies wäre dann eigentlich Gott für Gott selbst und wäre der Gott aller Dinge. Darauf spielt das Wort des Buches Exodus, 3. Kap., an: 'Ich bin, der ich bin'."
Sechstens. "Von Gott allein haben alle Dinge Sein, Eins-sein, Wahrsein, Gut-sein. Das geht aus dem bereits Gesagten hervor. Denn wie könnte wohl etwas sein, wenn nicht von dem Sein und durch das Sein? Oder wie könnte etwas eins sein, wenn nicht von dem Einen und durch das Eine oder durch die Einheit? Oder wie könnte etwas wahr sein, wenn nicht durch die Wahrheit, oder gut, wenn nicht durch die Güte?"
Siebtens. "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar von Gott selbst sein ganzes Sein, seine ganze Einheit, Wahrheit, Güte. Die Erklärung dafür lautet folgendermaßen: Unmöglich kann dem Sein selbst irgend ein Sein oder irgend eine Weise oder Besonderheit des Seins abgehen oder mangeln. Denn eben dadurch, daß es mangelte oder abginge, ist es nicht und ist ein Nichts. Gott aber ist das Sein."
Achtens. "Der Anfang, 'in dem Gott Himmel und Erde schuf', ist das erste, einfache Jetzt der Ewigkeit: jenes ganz und gar selbe Jetzt, sage ich, in dem Gott von Ewigkeit her ist und in dem auch ewig war und ist und sein wird der Ausgang der göttlichen Personen. Moses will also sagen, daß Gott Himmel und Erde in jenem absoluten ersten Anfang geschaffen habe, in dem Gott selbst ohne jede Zwischenzeit und Unterbrechung ist. Als ich daher eines Tages gefragt wurde, warum Gott die Welt nicht Früher geschaffen habe, antwortete ich: weil er nicht konnte, darum, weil es kein Früher gab noch ein Früher gewesen war, ehe die Welt war.
Sodann, wie konnte er Früher geschaffen haben, da er alsbald in jenem Jetzt die Welt erschuf, in dem er Gott war? Man darf sich doch nicht fälschlich vorstellen, als wäre Gott gleichsam dagestanden, ein künftiges, zeitlich gemessenes Jetzt erwartend, um darin die Welt zu erschaffen. Denn zugleich und in einem damit, daß er Gott war und seinen ewigen, durchaus wesensgleichen Sohn zeugte, da schuf er auch die Welt. Iob: 'Einmal spricht Gott'. Er spricht, indem er den Sohn zeugt, denn der Sohn ist das Wort. Er spricht aber auch, indem er die Kreatur erschafft. Der Psalmist sagt: 'Er hat gesprochen, und es ist geworden; er hat befohlen, und es ist geschaffen'. Daher heißt es in einem anderen Psalm: 'Einmal hat Gott gesprochen - diese zwei habe ich vernommen' - : 'zwei', sage ich, nämlich Himmel und Erde, oder besser gesagt: 'diese zwei', nämlich den Ausgang der Personen und die Erschaffung der Welt - was beides indessen er in einem Mal spricht, 'einmal gesprochen hat'."
Neuntens. "Das letzte im Seienden ist auch das erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich des Seins wie das Höchste im Seienden, gemäß dem Worte: 'Wenn ich zum Himmel aufgefahren sein werde' etc."
Zehntens. "Gott ist auf alle Weise und in jeder Hinsicht einer, so daß in ihm keinerlei Vielheit zu finden ist, weder im Verstand noch außerhalb, wie Rabbi Moses (Dux dubitantium) 1. I c. 50 sagt. Wer nämlich (zwei oder) Unterschied sieht, sieht sicher nicht Gott. Denn Gott ist einer, jenseits aller Zahl und über alle Zahl erhaben und schickt sich nicht in irgend eine Zahl mit etwas anderem.
Zur Begründung dieses Ausspruchs führt er nachher an: 'Das Sein bildet keine Zahl mit dem Ding, noch überhaupt eine Form mit dem Geformten. Alles Sein aber und alle Form ist von Gott, dem ersten Sein und der ersten Form'. Es kann also in ihm keine Scheidung sein oder gedacht werden."
Elftens. "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem andern ist."
Zwölftens. "Wiederum aus der Genesiserklärung: "Das äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich, und nicht dies ist es eigentlich, was Gott wirkt oder zeugt. Denn was der Vater wirkt, das wirkt er bis zur Stunde ohne Unterlaß."

Die Sätze, die den Predigten entnommen wurden:
Die folgenden Sätze sind aus Predigten ausgezogen, die Meister Eckehart zugeschrieben werden:

Der erste Satz ist: "Der Vater zeugt in mir seinen Sohn, und da bin ich derselbe Sohn und nicht ein anderer." Da wir Söhne sind, sind wir noch nicht Erben.
Text im edierten Original:
Dâ der vater sînen sun in mir gebirt, dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander: wir sîn wol ein ander an menscheit, aber dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander. Dâ wir süne sin, dâ sîn wir rehte erben.
Zum selben Punkt anderwärts: "Gott wirkt alle seine Werke darum, daß wir sein eingeborener Sohn seien."
Es folgt: "Dieser Mensch steht in Gottes Erkennen und Lieben und wird kein anderes, denn was Gott selber ist."
Desgleichen: "Der Vater zeugt mich als seinen Sohn und denselben Sohn ohne allen Unterschied."
Es folgt: "Wir werden gänzlich umgestaltet und verwandelt in Gott in gleicher Weise, wie in dem Sakrament Brot verwandelt wird in den Leib Christi. Wieviel der Brote auch seien, so wird doch nur ein Leib." "Denn was in das andere verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Ebenso werde ich in sein Wesen verwandelt als eines, nicht als das gleiche Sein.
Zweitens. An anderer Stelle: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden, daß er der eingeborene Sohn sei, den der Vater ewig zeugt; er möchte auch Vater sein und nach dem Bilde der ewigen Vaterschaft ihn zeugen, von dem ich ewig gezeugt bin."
Drittens. "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde der Gottheit versenkt und gepflanzt, wo sie ihr Sein und ihr Wesen hat - nur da und sonst nirgends."
Viertens. "Der demütige Mensch ist Gottes so mächtig wie Gott seiner selbst, und was immer in allen Engeln und Heiligen sich finden mag, das ist dem demütigen Menschen zu eigen. Was immer Gott wirkt, das wirkt er, und was immer Gott ist, das ist er, ein Leben und ein Sein."
Fünftens: Auch,daß eine Kraft in der Seele ist, die ein Wirken mit Gott hat. Sie schafft und tut alles mit Gott und hat mit nichts etwas gemein und zeugt mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn.
Sechstens. "Eine Kraft ist in der Seele, wäre die Seele also, so wäre sie ungeschaffen und unschaffbar. Nun aber ist es nicht so; denn in dem andern Teile hat sie eine Abhängigkeit zur Zeit, da berührt sie die Geschaffenheit und ist geschaffen. Aber dieser Kraft, das ist dem Intellekt, ist ebenso gegenwärtig, was jenseits des Meeres ist wie dieser Ort, an dem ich stehe."
Desgleichen an anderer Stelle: "In der Seele ist eine Kraft oder Fähigkeit, die nicht geschaffen noch schaffbar ist, und wenn die ganze Seele so wäre, so wäre sie ungeschaffen", und dann wäre die Seele, soweit ihre Natur reichte, auch ungeschaffen. Nun hat es aber mit der Seele diese Bewandtnis, daß die Natur der Seele soweit reicht, als sie geschaffen ist.
Siebtens. Da nun die menschliche Natur allen Menschen gemeinsam und gleich eigen ist, so gab mir der Vater in der menschlichen Natur alles, was er nur je seinem Sohn gab. Hierin ist keine Ausnahme. Was immer es sei, es ist mir zu eigen wie ihm. Noch mehr sage ich: "In allem, was ihm der Vater gab in der menschlichen Natur, darin hatte er in erster Linie mich im Auge und meinte mehr mich als den Menschen Christus und gab mir mehr als ihm. Sicherlich, denn er gab es ihm meinetwegen, da er des nicht bedurfte, wohl aber ich. Deshalb hat der Vater mit allem, was er dem Sohn gab, mich gemeint und teilte mir's mit so gut wie ihm. Hier nehme ich nichts aus: nicht das Eins-sein mit der Gottheit noch die Heiligkeit noch irgend etwas anderes. Was immer er ihm in der menschlichen Natur gab, ist mir nicht fremder als ihm."
Als Grund dafür wird angegeben, daß "der Sohn nicht menschliche Person, sondern Natur annahm". Da also die menschliche Natur gemeinsam ist etc., wie oben.
Der achte Satz handelt von dem Bilde in der Seele, daß nämlich das "Bild" der Dreifaltigkeit in der Seele "gleichsam deren einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand." Und dies Bild der Seele ist nicht sich selbst eigen, "sondern zumeist dem, von dem es sein Sein und seine Natur empfangen hat", nicht ein anderes Sein, sondern dasselbe.
Das wird an der Stelle in drei Beispielen erklärt: Vom Bild in dem Spiegel, vom Bild der Mauer im Auge und vom Ast, der aus dem Baume hervorkommt. Demgemäß wird über das Bild in der Seele beigefügt, daß es gleichsam ein einiger Ausdruck ihrer selbst ist "und was hervorgeht, ist dasselbe wie das, was innen bleibt, und was innen bleibt, ist dasselbe wie das, was ausgeht. Dies Bild ist der Sohn [sapientia - die Weisheit]" des Vaters und ich bin dies Bild.
Neuntens. Der Mensch könne dazu gelangen, daß "der äußere Mensch gehorsam ist dem inneren Menschen bis zu seinem Tod und dann in stetem Frieden im Dienste Gottes ist allezeit."
Zehntens. "Ich dachte neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir gar sehr überlegen."
Elftens. Desgleichen, nach einigen Vorbemerkungen: "Der Mensch, der in Liebe steht, der muß sich selbst tot sein und allen geschaffenen Dingen und seiner selbst so wenig achten wie eines über tausend Meilen. Der Mensch bleibt in der Gleichheit und in der Einigkeit."
Weiter: "Der Mensch soll den Nächsten lieben wie sich selbst", nicht nur, "wie gemeinhin unverständige Leute sagen, daß er ihn lieben soll zu dem Gute", sondern "man soll ihn auf jede Weise und so sehr lieben wie sich selbst."
Hierher gehört auch: "Nun sprechen etliche Leute: Ich habe meinen Freund lieber, von dem mir gut geschieht, denn einen anderen Menschen. Ihnen ist unrecht; es ist unvollkommen, Und es ist natürlich einen Menschen lieber zu haben als einen andern."
Zwölftens. "Paulus spricht: Ich wollte ewiglich geschieden sein von Gott um meines Freundes und um Gottes willen."
Darauf folgt, das Paulus "in ganzer Vollkommenheit stand", als er dies Wort sprach. "Das will ich erklären: Das höchste, was der Mensch lassen kann, das ist, daß er Gott um Gottes willen lasse. Nun ließ Paulus Gott um Gottes willen: er ließ alles das, was er von Gott nehmen konnte und was Gott ihm geben konnte."
Dreizehntens. Es ist in der Seele gleichsam eine "Burg", von der "ich bisweilen gesagt habe, sie sei eine Hütte des Geistes", bisweilen, "es sei ein Fünklein." Es folgt: "Es ist gar ein und einfältig, wie Gott ein und einfältig ist, daß ihm nicht einmal Gott Vater zuschauen kann, sofern er sich nach Weise und Eigenschaft seiner Personen verhält. Und würde Gott es so sehen, es müßte ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine persönlichen Eigenschaften. Aber sofern er einfältig einer ist, ohne alle Weise und Eigenschaft, wo er weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist ist", "in diesem Sinn kann er eingehen in jenes eine, was ich die Burg nenne."
Vierzehntens. Wie "mein Leib und meine Seele in einem Sein vereinigt sind", und wie "die Speise die ich gegessen, ein Sein hat mit meiner Natur", so "werden wir mit Gott eins in einem Sein, nicht nur in einem Wirken."
Ferner: "Es ist etwas in der Seele, das ist so mit Gott verwandt, daß es eins ist und nicht vereint."
Ferner, zum Gleichen: "Ähnlichsein ist übel und täuschend. Wenn ich eins wäre, so wäre ich nicht ähnlich. Nichts ist äußerlich in der Einheit. Einheit gibt mir Eins-sein, nicht Ähnlich-sein."
Fünfzehntens. "Alle Kreaturen sind ein bloßes Nichts. Ich sage nicht, daß sie klein sind oder etwas sind, sie sind ein bloßes Nichts keine Kreatur hat Sein."
Sechzehntens. "Wie es auch sei, daß dir ein anderes besser schiene oder besser wäre - für den guten Menschen, der Gottes Willen sucht, für den ist das beste, was Gott über ihn zuläßt , es sei Hunger oder Durst, es sei Andacht oder Innigkeit, ob du deren hast oder nicht hast: das ist das beste."

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Folgendes sind die Sätze aus einem Buche Meister Eckeharts, und zwar jener Schrift entnommen, die er über die Genesis verfaßt hat.

Erstens. "Hieraus geht deutlich hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen ist. Denn das, was in diesem dritten Kapitel gesagt wird, erklären die Heiligen und Lehrer durchwegs bildlich. Wenn man demgemäß auslegt, was hier über die Schlange gesagt wird, so kann man unter der Schlange die sinnlichen Vermögen, unter dem Weibe das niedere und unter dem Manne das höhere Vernunftprinzip verstehen. Unter dieser Voraussetzung scheint man, unbeschadet der sonstigen Auslegungen der Heiligen und Lehrer, möglicherweise vielleicht ebensowohl historisch wie bildlich sagen zu können, daß der übertragene Sinn von Schlange, Weib und Mann sich mit dem geschichtlichen oder buchstäblichen decke, wie es auch im Buch der Richter im 9. Kap. heißt: 'Es hielten die Bäume Versammlung und salbten einen König über sich und sprachen zum Ölbaum: Herrsche du über uns'. So ist nämlich auch, wenn wir sagen: 'Es lacht die Flur' oder 'Das Wasser läuft' der buchstäbliche Sinn der, daß die Wiese blüht und das Blühen ihr Lachen ist und ihr Lachen das Blühen. Wenn man auf solche Weise erklärt, was hier von Schlange, Weib und Mann gesagt wird, so werden viele Zweifel wegfallen, die man geltend zu machen pflegt, z. B. wie die Schlange und das Weib zusammen reden konnten."
Zweitens. "Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit einerseits und die willfahrende anderseits. Desgleichen: Was mitwirkt, kann keine andere Gerechtigkeit sein als eben die gezeugte. Sowie daher niemand gerecht sein kann ohne Gerechtigkeit, so kann auch niemand als Gerechter gezeugt sein ohne gezeugte Gerechtigkeit."
Drittens. "Das Sein ist auch die Aktualität aller Wesensformen. Daher sagt Avicenna in seiner Metaphysik VIII c. 6: 'Was jedes Ding ersehnt, ist Sein und Vollkommenheit'."
Viertens. "Das Sein selbst empfängt sein Dasein nicht in einem andern oder von einem andern oder durch ein anderes, auch kommt es nicht zu etwas hinzu oder gesellt sich einem nachträglich bei, sondern es geht allem vorher und ist früher als alles andere; es ist also das Sein aller Dinge unmittelbar von der ersten und allgemeinen Ursache aller Dinge. Von diesem Sein und durch dieses Sein und in ihm ist alles, es selbst aber ist nicht von einem andern. Denn was von dem Sein verschieden ist, das ist überhaupt nicht oder ist nichts. Denn das Sein selbst verhält sich zu allem wie Wirklichkeit und Vollkommenheit; das Sein, sage ich, sofern es schlechthin Sein ist. Und weiter: 'Das Sein ist dasjenige, was wahrhaft ersehnt wird'. Darum gehört auch ein jedes Ding, so beweglich und veränderlich es auch sei, in das Bereich des Metaphysikers, sofern es nämlich ein Seiendes ist. Sogar die Materie, also die Wurzel der veränderlichen Dinge als solcher, und weiterhin das Sein aller Dinge hat - unter der Rücksicht des Seins sein Maß an der Ewigkeit, nicht an der Zeit."
Fünftens. "Das Sein ist Gott. Dieser Satz leuchtet ein. Denn erstens, wenn das Sein etwas von Gott Verschiedenes wäre, so könnte man von Gott weder sagen, daß er ist, noch daß er Gott ist. Denn wie könnte er sein oder etwas sein, wenn das Sein ihm gegenüber etwas anderes, Fremdes, Unterschiedenes ist? Oder wenn Gott ist, ohne das Sein zu sein, so gehört er jedenfalls anderswohin, da das Sein etwas anderes ist als er. Also ist Gott und das Sein dasselbe - oder aber Gott hat das Sein von einem andern und ist somit nicht, wie vorausgesetzt, selbst das erste, sondern etwas anderes als er ist früher als er und ist ihm Ursache seines Seins.
Ferner, alles, was ist, hat durch das Sein und von dem Sein Dasein oder Existenz. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, so haben die Dinge ihr Dasein anderswoher als von Gott.
Und weiter, vor dem Sein ist nichts. Somit ist dasjenige, was das Sein mitteilt, der Schaffende, ist Schöpfer. Denn Schaffen heißt das Sein aus dem Nichts verleihen. Nun steht aber fest, daß alles sein Sein von dem Sein selbst hat, so wie etwas beliebiges nur weiß ist vermöge der Weiße an sich. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, dann wäre der Schöpfer etwas anderes als Gott.
Und wiederum, alles, was Sein hat, ist - wie auch immer seine anderen Bestimmungen sein mögen -, so wie alles, was Weiße hat, weiß ist. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott, so könnten die Dinge ohne Gott sein, und dann wäre Gott nicht die erste Ursache, wäre den Dingen nicht Ursache, daß sie sind.
Weiter, außer dem Sein und vor dem Sein ist nur das Nichts. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott und Gott fremd, so wäre Gott nichts oder er wäre seinerseits von einem anderen aus sich Seienden, und zwar einem früheren aus sich Seienden, und dies wäre dann eigentlich Gott für Gott selbst und wäre der Gott aller Dinge. Darauf spielt das Wort des Buches Exodus, 3. Kap., an: 'Ich bin, der ich bin'."
Sechstens. "Von Gott allein haben alle Dinge Sein, Eins-sein, Wahrsein, Gut-sein. Das geht aus dem bereits Gesagten hervor. Denn wie könnte wohl etwas sein, wenn nicht von dem Sein und durch das Sein? Oder wie könnte etwas eins sein, wenn nicht von dem Einen und durch das Eine oder durch die Einheit? Oder wie könnte etwas wahr sein, wenn nicht durch die Wahrheit, oder gut, wenn nicht durch die Güte?"
Siebtens. "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar von Gott selbst sein ganzes Sein, seine ganze Einheit, Wahrheit, Güte. Die Erklärung dafür lautet folgendermaßen: Unmöglich kann dem Sein selbst irgend ein Sein oder irgend eine Weise oder Besonderheit des Seins abgehen oder mangeln. Denn eben dadurch, daß es mangelte oder abginge, ist es nicht und ist ein Nichts. Gott aber ist das Sein."
Achtens. "Der Anfang, 'in dem Gott Himmel und Erde schuf', ist das erste, einfache Jetzt der Ewigkeit: jenes ganz und gar selbe Jetzt, sage ich, in dem Gott von Ewigkeit her ist und in dem auch ewig war und ist und sein wird der Ausgang der göttlichen Personen. Moses will also sagen, daß Gott Himmel und Erde in jenem absoluten ersten Anfang geschaffen habe, in dem Gott selbst ohne jede Zwischenzeit und Unterbrechung ist. Als ich daher eines Tages gefragt wurde, warum Gott die Welt nicht Früher geschaffen habe, antwortete ich: weil er nicht konnte, darum, weil es kein Früher gab noch ein Früher gewesen war, ehe die Welt war.
Sodann, wie konnte er Früher geschaffen haben, da er alsbald in jenem Jetzt die Welt erschuf, in dem er Gott war? Man darf sich doch nicht fälschlich vorstellen, als wäre Gott gleichsam dagestanden, ein künftiges, zeitlich gemessenes Jetzt erwartend, um darin die Welt zu erschaffen. Denn zugleich und in einem damit, daß er Gott war und seinen ewigen, durchaus wesensgleichen Sohn zeugte, da schuf er auch die Welt. Iob: 'Einmal spricht Gott'. Er spricht, indem er den Sohn zeugt, denn der Sohn ist das Wort. Er spricht aber auch, indem er die Kreatur erschafft. Der Psalmist sagt: 'Er hat gesprochen, und es ist geworden; er hat befohlen, und es ist geschaffen'. Daher heißt es in einem anderen Psalm: 'Einmal hat Gott gesprochen - diese zwei habe ich vernommen' - : 'zwei', sage ich, nämlich Himmel und Erde, oder besser gesagt: 'diese zwei', nämlich den Ausgang der Personen und die Erschaffung der Welt - was beides indessen er in einem Mal spricht, 'einmal gesprochen hat'."
Neuntens. "Das letzte im Seienden ist auch das erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich des Seins wie das Höchste im Seienden, gemäß dem Worte: 'Wenn ich zum Himmel aufgefahren sein werde' etc."
Zehntens. "Gott ist auf alle Weise und in jeder Hinsicht einer, so daß in ihm keinerlei Vielheit zu finden ist, weder im Verstand noch außerhalb, wie Rabbi Moses (Dux dubitantium) 1. I c. 50 sagt. Wer nämlich (zwei oder) Unterschied sieht, sieht sicher nicht Gott. Denn Gott ist einer, jenseits aller Zahl und über alle Zahl erhaben und schickt sich nicht in irgend eine Zahl mit etwas anderem.
Zur Begründung dieses Ausspruchs führt er nachher an: 'Das Sein bildet keine Zahl mit dem Ding, noch überhaupt eine Form mit dem Geformten. Alles Sein aber und alle Form ist von Gott, dem ersten Sein und der ersten Form'. Es kann also in ihm keine Scheidung sein oder gedacht werden."
Elftens. "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem andern ist."
Zwölftens. "Wiederum aus der Genesiserklärung: "Das äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich, und nicht dies ist es eigentlich, was Gott wirkt oder zeugt. Denn was der Vater wirkt, das wirkt er bis zur Stunde ohne Unterlaß."

Die Sätze, die den Predigten entnommen wurden
Die folgenden Sätze sind aus Predigten ausgezogen, die Meister Eckehart zugeschrieben werden:

Der erste Satz ist: "Der Vater zeugt in mir seinen Sohn, und da bin ich derselbe Sohn und nicht ein anderer." Da wir Söhne sind, sind wir noch nicht Erben.
Text im edierten Original:
Dâ der vater sînen sun in mir gebirt, dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander: wir sîn wol ein ander an menscheit, aber dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander. Dâ wir süne sin, dâ sîn wir rehte erben.
Zum selben Punkt anderwärts: "Gott wirkt alle seine Werke darum, daß wir sein eingeborener Sohn seien."
Es folgt: "Dieser Mensch steht in Gottes Erkennen und Lieben und wird kein anderes, denn was Gott selber ist."
Desgleichen: "Der Vater zeugt mich als seinen Sohn und denselben Sohn ohne allen Unterschied."
Es folgt: "Wir werden gänzlich umgestaltet und verwandelt in Gott in gleicher Weise, wie in dem Sakrament Brot verwandelt wird in den Leib Christi. Wieviel der Brote auch seien, so wird doch nur ein Leib." "Denn was in das andere verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Ebenso werde ich in sein Wesen verwandelt als eines, nicht als dasgleiche Sein.
Zweitens. An anderer Stelle: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden, daß er der eingeborene Sohn sei, den der Vater ewig zeugt; er möchte auch Vater sein und nach dem Bilde der ewigen Vaterschaft ihn zeugen, von dem ich ewig gezeugt bin."
Drittens. "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde der Gottheit versenkt und gepflanzt, wo sie ihr Sein und ihr Wesen hat - nur da und sonst nirgends."
Viertens. "Der demütige Mensch ist Gottes so mächtig wie Gott seiner selbst, und was immer in allen Engeln und Heiligen sich finden mag, das ist dem demütigen Menschen zu eigen. Was immer Gott wirkt, das wirkt er, und was immer Gott ist, das ist er, ein Leben und ein Sein."
Fünftens: Auch,daß eine Kraft in der Seele ist, die ein Wirken mit Gott hat. Sie schafft und tut alles mit Gott und hat mit nichts etwas gemein und zeugt mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn.
Sechstens. "Eine Kraft ist in der Seele, wäre die Seele also, so wäre sie ungeschaffen und unschaffbar. Nun aber ist es nicht so; denn in dem andern Teile hat sie eine Abhängigkeit zur Zeit, da berührt sie die Geschaffenheit und ist geschaffen. Aber dieser Kraft, das ist dem Intellekt, ist ebenso gegenwärtig, was jenseits des Meeres ist wie dieser Ort, an dem ich stehe."
Desgleichen an anderer Stelle: "In der Seele ist eine Kraft oder Fähigkeit, die nicht geschaffen noch schaffbar ist, und wenn die ganze Seele so wäre, so wäre sie ungeschaffen", und dann wäre die Seele, soweit ihre Natur reichte, auch ungeschaffen. Nun hat es aber mit der Seele diese Bewandtnis, daß die Natur der Seele soweit reicht, als sie geschaffen ist.
Siebtens. Da nun die menschliche Natur allen Menschen gemeinsam und gleich eigen ist, so gab mir der Vater in der menschlichen Natur alles, was er nur je seinem Sohn gab. Hierin ist keine Ausnahme. Was immer es sei, es ist mir zu eigen wie ihm. Noch mehr sage ich: "In allem, was ihm der Vater gab in der menschlichen Natur, darin hatte er in erster Linie mich im Auge und meinte mehr mich als den Menschen Christus und gab mir mehr als ihm. Sicherlich, denn er gab es ihm meinetwegen, da er des nicht bedurfte, wohl aber ich. Deshalb hat der Vater mit allem, was er dem Sohn gab, mich gemeint und teilte mir's mit so gut wie ihm. Hier nehme ich nichts aus: nicht das Eins-sein mit der Gottheit noch die Heiligkeit noch irgend etwas anderes. Was immer er ihm in der menschlichen Natur gab, ist mir nicht fremder als ihm."
Als Grund dafür wird angegeben, daß "der Sohn nicht menschliche Person, sondern Natur annahm". Da also die menschliche Natur gemeinsam ist etc., wie oben.
Der achte Satz handelt von dem Bilde in der Seele, daß nämlich das "Bild" der Dreifaltigkeit in der Seele "gleichsam deren einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand." Und dies Bild der Seele ist nicht sich selbst eigen, "sondern zumeist dem, von dem es sein Sein und seine Natur empfangen hat", nicht ein anderes Sein, sondern dasselbe
Das wird an der Stelle in drei Beispielen erklärt: Vom Bild in dem Spiegel, vom Bild der Mauer im Auge und vom Ast, der aus dem Baume hervorkommt. Demgemäß wird über das Bild in der Seele beigefügt, daß es gleichsam ein einiger Ausdruck ihrer selbst ist "und was hervorgeht, ist dasselbe wie das, was innen bleibt, und was innen bleibt, ist dasselbe wie das, was ausgeht. Dies Bild ist der Sohn [sapientia - die Weisheit]" des Vaters und ich bin dies Bild.
Neuntens. Der Mensch könne dazu gelangen, daß "der äußere Mensch gehorsam ist dem inneren Menschen bis zu seinem Tod und dann in stetem Frieden im Dienste Gottes ist allezeit."
Zehntens. "Ich dachte neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir gar sehr überlegen."
Elftens. Desgleichen, nach einigen Vorbemerkungen: "Der Mensch, der in Liebe steht, der muß sich selbst tot sein und allen geschaffenen Dingen und seiner selbst so wenig achten wie eines über tausend Meilen. Der Mensch bleibt in der Gleichheit und in der Einigkeit."
Weiter: "Der Mensch soll den Nächsten lieben wie sich selbst", nicht nur, "wie gemeinhin unverständige Leute sagen, daß er ihn lieben soll zu dem Gute", sondern "man soll ihn auf jede Weise und so sehr lieben wie sich selbst."
Hierher gehört auch: "Nun sprechen etliche Leute: Ich habe meinen Freund lieber, von dem mir gut geschieht, denn einen anderen Menschen. Ihnen ist unrecht; es ist unvollkommen, Und es ist natürlich einen Menschen lieber zu haben als einen andern."
Zwölftens. "Paulus spricht: Ich wollte ewiglich geschieden sein von Gott um meines Freundes und um Gottes willen."
Darauf folgt, das Paulus "in ganzer Vollkommenheit stand", als er dies Wort sprach. "Das will ich erklären: Das höchste, was der Mensch lassen kann, das ist, daß er Gott um Gottes willen lasse. Nun ließ Paulus Gott um Gottes willen: er ließ alles das, was er von Gott nehmen konnte und was Gott ihm geben konnte."
Dreizehntens. Es ist in der Seele gleichsam eine "Burg", von der "ich bisweilen gesagt habe, sie sei eine Hütte des Geistes", bisweilen, "es sei ein Fünklein." Es folgt: "Es ist gar ein und einfältig, wie Gott ein und einfältig ist, daß ihm nicht einmal Gott Vater zuschauen kann, sofern er sich nach Weise und Eigenschaft seiner Personen verhält. Und würde Gott es so sehen, es müßte ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine persönlichen Eigenschaften. Aber sofern er einfältig einer ist, ohne alle Weise und Eigenschaft, wo er weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist ist", "in diesem Sinn kann er eingehen in jenes eine, was ich die Burg nenne."
Vierzehntens. Wie "mein Leib und meine Seele in einem Sein vereinigt sind", und wie "die Speise die ich gegessen, ein Sein hat mit meiner Natur", so "werden wir mit Gott eins in einem Sein, nicht nur in einem Wirken."
Ferner: "Es ist etwas in der Seele, das ist so mit Gott verwandt, daß es eins ist und nicht vereint."
Ferner, zum Gleichen: "Ähnlichsein ist übel und täuschend. Wenn ich eins wäre, so wäre ich nicht ähnlich. Nichts ist äußerlich in der Einheit. Einheit gibt mir Eins-sein, nicht Ähnlich-sein."
Fünfzehntens. "Alle Kreaturen sind ein bloßes Nichts. Ich sage nicht, daß sie klein sind oder etwas sind, sie sind ein bloßes Nichts keine Kreatur hat Sein."
Sechzehntens. "Wie es auch sei, daß dir ein anderes besser schiene oder besser wäre - für den guten Menschen, der Gottes Willen sucht, für den ist das beste, was Gott über ihn zuläßt , es sei Hunger oder Durst, es sei Andacht oder Innigkeit, ob du deren hast oder nicht hast: das ist das beste."

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(Übersetzer: Edmund Tandetzki)

Im Namen des Herrn Amen. Im Jahre 1327 seiner Geburt, 10. Indiktion, am 24. Tag des Monats Januar.

In Anwesenheit der ehrwürdigen Herrn, des Magisters Reyner, Doktor der Heiligen Schrift, und des Bruders Albert, Lektor im Kölner Haus der Minderbrüder, die im besonderen zu Untersuchungsrichtern bestimmt wurden von dem in Christus ehrwürdigen Vater und Herrn Heinrich, dem Erzbischof der Heiligen Kölner Kirche und Erzkanzler des Heiligen Reiches über Italien, und von mir, Hermann genannt Raze von Köln, der durch kaiserliche Vollmacht als amtlicher Schreiber unterschrieben hat, und Bartholomeus von Broichurst, Geistlicher der Kölner Diözese, der durch dieselbe Vollmacht als amtlicher Schreiber unterschrieben hat, und der Zeugen, die unterschrieben haben und im besonderen dazu gerufen und gebeten worden sind, hat der gottesfürchtige Herr Bruder Konrad von Halberstadt in ausdrücklichem Auftrag, Willen und Befehl und mit Bestätigung und im Namen des ehrwürdigen und gottesfürchtigen Herrn Magister Eckhart, Doktor der heiligen Theologie, der anwesend war, und der es wollte, den Auftrag erteilte und bestätigte, einen gewissen Zettel oder Brief, den er in Händen hielt, Wort für Wort vorgelesen, und darin den heiligen apostolischen Stuhl angerufen und sich der Berichtigung desselben Stuhles unterworfen und mit Drängen um den Apostolos gebeten, und den Inquisitoren selbst einen Termin gesetzt, um dieselbe Berichtigung an der römischen Kurie zur Verhandlung zu bringen, so wie dies und anderes in genanntem Brief in diesen Worten enthalten ist:

Im Namen des Herrn, Amen. Nachdem durch mich, Magister Eckhart, Doktor der heiligen Theologie, beteuert wurde, daß ich nicht danach trachte, mich in irgendeinem Punkt der Ehrerbietung meines Herrn, ... des Kölner Erzbischofs, zu entziehen, ich ihn selbst sogar anrufen würde, wenn es sich ziemte, aber in diesem Teil seinem Frieden übertrage, sage und bringe ich in meinem und des Predigerordens Namen vor, daß ihr, Magister Reyner, Doktor der Heiligen Schrift, und Bruder Albert, Lektor im Kölner Haus der Minderbrüder, mich, den vorgenannten Magister Eckhart, zu sehr und mehr, als es sich ziemte, wegen der Abschnitte, die ihr für im Glauben irrend ansaht, obwohl sie es nicht waren, mich und meinen Orden verleumdet beschuldigt, der niemals von seiner Gründungszeit an weder wegen irgendeinem Magister der Heiligen Schrift, noch wegen irgendeinem einfachen Bruder der Provinz Theutonia der Häresie beschuldigt worden ist.
Und dass ihr mir überflüssige und mehrfach beschwerliche Fristen setzt, obwohl ihr schon längst vor einem halben Jahr eure ganze Untersuchung gegen mich hättet beendet haben können, nämlich durch Bekanntmachung und zur Sprache bringen, so wie es euch Kraft eurer Kommission zusteht, so oder anders und ohne eine häufige oder so große Verleumdung eines bedeutenden Ordens und meiner Person, besonders, da es durch euch bestimmt war, weshalb ihr dies nicht im mindesten machtet, weil ich immer und häufig angeboten habe, daß ich dem Recht und der Heiligen Kirche Gottes gehorchen werde, wenn ich vielleicht in irgendeinem Punkt gegen diese Kirche selbst vom Weg abgekommen wäre, wenn nur über meinen Irrtum etwas rechtmäßig verkündet und bekannt gewesen wäre, und weil es sich nicht eher ziemte, da es sich nicht schickt, eine Sache zu bestrafen, die frei von Schuld ist, und Streitfällen regelgerecht ein Ende gesetzt werden muß, besonders wenn es sich um eine größere Gefahr und Ärgernis handelt, und wenn eine Verzögerung für Geistliche wie für Laien Ärgernis bringt, wie im gegenwärtigen Fall, weil ihr weder einen Beschluß fasst, noch verkündet oder bekannt macht, daß ich im Vorausgeschickten, der Anklagepunkte, schuldig bin oder nicht, sondern mich allein aus Absicht oder eher aus Leichtfertigkeit an der Nase herumführt und täuscht und zwar offenkundig, gefährlich und mit größtem Ärgernis zum Schaden meines Standes und meines Ordens.
Und um mich mehr zu verleumden, beruft ihr des öfteren Brüder meines Ordens, die demselben Orden wegen offensichtlich bekannter Gründe außerordentlich verdächtig sind, die wegen des Makels ihrer eigenen Sünden der Schändlichkeit dies bei euch besorgen, die unverbesserlich sein, nicht bestraft werden wollen wegen ihrer offenkundigen Rechtsverstöße durch die Urteilssprüche der Richter, die selbst ihr darüber hinaus in unmöglicher Weise begünstigt zur Beschwerlichkeit und Schande für meinen Stand und meinen Orden, auf deren falsche Worte ihr euch mehr stützt, als auf meine Unschuld und Reinheit, die ich bereit bin vor dem Papst und der ganzen Kirche zu prüfen und zu erklären.
Trotz allem Vorausgeschickten habt ihr mich dennoch ohne Grund vor euch geladen am bevorstehenden Samstag zum Tadel für den vorgenannten Orden und mich, obwohl ich immer im Urteil der guten und gemeinen Menschen einen guten Ruf genossen habe, über den ihr euch gemäß der Rechte mehr freuen mußtet als über dessen Gegenteil, und ihr würdet gegen mich keinen Grund für eine so große Liebe finden im obengenannten berühmten verleumderischen Fall, da über die vorgenannten Abschnitte oder die, die ihnen ähnlich sind, schon längst vorher hinreichend erkannt und gehörig entschieden worden ist durch den ehrfürchtigen Herrn Bruder Nikolaus, Vikar mit besonderer Vollmacht des Herrn Papstes, und nicht über dasselbe mehrmals eine gerichtliche Untersuchung angestellt werden darf wegen des Vorausgeschickten, so wie es die Rechte sagen, und ihr euch im Vorausgeschickten auf mich gestürzt und die Sichel an fremdes Korn gelegt habt, was ihr wegen des Vorgenannten nicht durftet oder konntet.
Weil ich daher aus dem Vorausgeschickten der Meinung bin, daß ich und mein vorgenannter Orden durch euch belästigt worden sind und durch euch noch mehr belästigt werden können, rufe ich mit dieser Schrift den heiligen apostolischen Stuhl an und unterwerfe mich der Berichtigung desselben und mit Drängen bitte ich immer wieder um die Apostolos, rate zu dieser Berufung und dränge euch, vorgenannte Kommissare meines Herrn, des Kölner Erzbischof, anstatt eines vernichtenden Termins die vorgenannte Berufung an der römischen Kurie zur Verhandlung zu bringen, und als Frist setze ich euch den morgigen Sonntag Jubilate, und rufe für das Vorausgeschickte das Zeugnis jedes einzelnen Anwesenden an und im besonderen eures, Hermann genannt Raze von Köln und Bartholomeus de Broichurst, die als amtliche Schreiber hier anwesend sind.


Nachdem all dieses vorgelesen worden war, antwortete der ehrenhafte Herr Magister Godefrid von St. Kunibert, Kanonikus der Kölner Kirche, im Namen und ausdrücklichem Auftrag der Inquisitoren, die dies wollten und anwiesen, dem vorgenannten Bittsteller, daß die vorgenannten Herrn Inquisitoren bereit wären, ihm die Apostolos zu geben hinsichtlich der vorgenannten Berufung, und daß sie demselben den von nun an vorletzten Tag der Rechtsfrist bezeugen, um die Apostolos von denselben über die erwähnte Berufung zu erhalten.
Verhandelt wurde dies alles in einem Zimmer bei einem tieferen Ort des Domklosters, in der Stunde nach der Totenmesse, die in der Kirche selbst gefeiert worden ist, in Anwesenheit der ehrwürdigen und gottesfürchtigen Herrn, des Magisters Sigbert, Provinzial der Theutonia im unteren Deutschland, des Bruders Heinrich von Aquilia, Baccalaureus der Theologie, des Magisters Johannes Vogel, des Bruders Tilmann von Lützelnburg, Lektor der Sentenzen im Kölner Haus des Ordens der Heiligen Maria vom Berg Karmel, des Bruders Hugo, fürstlicher Lektor, des Bruders Johannes von Moirsberg aus dem Kölner Haus des Ordens des Heiligen Augustinus, der Brüder Lambert, Lektor der Minderbrüder, und Romanus, aus dem Kölner Haus des Ordens der Minderbrüder, des Bruders Johannes von Gripenstein, Prior, des Bruders Theodericus von Worms, des Bruders Hermann von Summo, des Bruders Johannes Juvenis und des Bruders Johannes von Tambach, alle aus dem Kölner Haus des Ordens der Prediger, und in Anwesenheit so viel wie möglich anderer glaubwürdiger Zeugen, die zum Vorausgeschickten gerufen und gebeten worden sind.
Und ich Hermann, genannt Raze von Köln, vorgenannter, durch kaiserliche Vollmacht amtlicher Schreiber, habe persönlich an jeder vorausgeschickten Einzelheit zusammen mit dem vorgenannten Bartholomeus von Broichurst, der als amtlicher Schreiber unterschrieben hat, und den vorgenannten Zeugen teilgenommen, daraufhin habe ich diese amtliche Urkunde angefertigt und in diese amtliche Form gebracht und mit meinem Zeichen in gewohnter Weise besiegelt, dazu gerufen und gebeten vom vorgenannten Magister Eckhart. Dies ist das Zeichen. (Am Rand das Signum).
Und ich Bartolomeus von Broichurst, Geistlicher der Kölner Kirche, vorgenannter, durch kaiserliche Vollmacht amtlicher Schreiber, weil ich an jeder vorausgeschickten Einzelheit, die oben in der vorliegenden amtlichen Urkunde enthalten ist, zusammen mit Hermann genannt Raze, oben genannter amtlicher Schreiber, und vorgenannten Zeugen persönlich teilgenommen habe, deshalb habe ich als Zeuge unterschrieben und der vorliegenden amtlichen Urkunde mein gewohntes Zeichen angefügt, vom vorgenannten Magister Eckhart gerufen und gebeten. Dies ist das Zeichen.

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Unser Herr spricht im Evangelium (1): »Ein edler Mensch zog aus in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen, und kehrte zurück« (Luk. 19, 12). Unser Herr lehrt uns in diesen Worten, wie edel der Mensch geschaffen ist in seiner Natur und wie göttlich das ist, wozu er aus Gnade zu gelangen vermag, und überdies, wie der Mensch dahin kommen soll. Auch ist in diesen Worten ein großer Teil der Heiligen Schrift berührt.
Man soll zum ersten wissen, und es ist auch deutlich offenbar, daß der Mensch in sich zweierlei Naturen hat: Leib und Geist. Darum sagt eine Schrift: Wer sich selbst erkennt, der erkennt alle Kreaturen, denn alle Kreaturen sind entweder Leib oder Geist. Darum sagt die Schrift vom Menschen, es gebe in uns einen äußeren und einen anderen, den inneren Menschen.
Zu dem äußeren Menschen gehört alles, was der Seele anhaftet, jedoch umfangen ist von und vermischt mit dem Fleische, und mit und in einem jeglichen Gliede ein körperliches Zusammenwirken hat, wie etwa mit dem Auge, dem Ohr, der Zunge, der Hand und dergleichen. Und dies alles nennt die Schrift den alten Menschen, den irdischen Menschen, den äußeren Menschen, den feindlichen Menschen, einen knechtischen Menschen.
Der andere Mensch, der in uns steckt, das ist der innere Mensch; den heißt die Schrift einen neuen Menschen, einen himmlischen Menschen, einen jungen Menschen, einen Freund und einen edlen Menschen. Und der ist gemeint, wenn unser Herr sagt, daß »ein edler Mensch auszog in ein fernes Land und sich ein Reich gewann und wiederkam.«
Man soll fürderhin wissen, daß Sankt Hieronymus und auch die Meister gemeinhin sagen, ein jeglicher Mensch habe von Anbeginn seines menschlichen Daseins an einen guten Geist, einen Engel, und einen bösen Geist, einen Teufel. Der gute Engel rät und treibt beständig an zu dem, was gut ist, was göttlich ist, was Tugend und himmlisch und ewig ist. Der böse Geist rät und treibt den Menschen allzeit hin zu dem, was zeitlich und vergänglich ist und was Untugend, böse und teuflisch ist. Derselbe böse Geist hält beständig Zwiesprache mit dem äußeren Menschen, und durch ihn stellt er heimlich allzeit dem inneren Menschen nach, ganz so wie die Schlange mit Frau Eva plauderte und durch sie mit dem Manne Adam (vgl. 1 Mos. 3, 1 ff.). Der innere Mensch ist Adam. Der Mann in der Seele [s. 18, 20b, 37, 40, 43] ist der gute Baum, der immerfort ohne Unterlaß gute Frucht bringt, von dem auch unser Herr spricht (vgl. Matth. 7, 17). Er ist auch der Acker, in den Gott sein Bild und Gleichnis eingesät hat und darein er den guten Samen, die Wurzel aller Weisheit, aller Künste, aller Tugenden, aller Güte sät: den Samen göttlicher Natur (2 Petr. 1, 4). Göttlicher Natur Samen das ist Gottes Sohn, Gottes Wort (Luk. 8, II).
Der äußere Mensch, das ist der feindliche Mensch und der böse, der Unkraut darauf gesät und geworfen hat (vgl. Matth. 13, 24 ff.). Von dem sagt Sankt Paulus: Ich finde in mir etwas, was mich hindert und wider das ist, was Gott gebietet und was Gott rät und was Gott gesprochen hat und noch spricht im Höchsten, im Grunde meiner Seele (vgl. Röm. 7, 23). Und anderswo spricht er und klagt: »0 weh mir unseligem Menschen! Wer löst mich von diesem sterblichen Fleische und Leibe?« (Röm. 7, 24). Und er sagt wieder anderswo, daß des Menschen Geist und sein Fleisch allzeit widereinander streiten. Das Fleisch rät Untugend und Bosheit; der Geist rät Liebe Gottes, Freude, Frieden und jede Tugend (vgl. Gal. 5, 17 ff.). Wer dem Geiste folgt und nach ihm, nach seinem Rate lebt, dem gehört das ewige Leben (vgl. Gal. 6, 8). Der innere Mensch ist der, von dem unser Herr sagt, daß »ein edler Mensch auszog in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen«. Das ist der gute Baum, von dem unser Herr sagt, daß er allzeit gute Frucht bringt und nimmer böse, denn er will die Gutheit und neigt zur Gutheit, zur Gutheit, wie sie in sich selbst schwebt, unberührt vom Dies und Das. Der äußere Mensch ist der böse Baum, der nimmer gute Frucht zu bringen vermag (vgl. Matth. 7, 18).

nobilis abiit in regionem longinquam

Vom Adel des inneren Menschen, des Geistes, und vom Unwert des äußeren Menschen, des Fleisches, sagen auch die heidnischen Meister Tullius und Seneca: { Keine vernunftbegabte Seele ist ohne Gott; der Same Gottes ist in uns. Hätte er einen guten, weisen und fleißigen Ackerer, so würde er um so besser gedeihen und wüchse auf zu Gott, dessen Same er ist, und die Frucht würde gleich der Natur Gottes. Birnbaums Same erwächst zum Birnbaum, Nußbaums Same zum Nußbaum, Same Gottes zu Gott (vgl. 1 Joh. 3, 9). } [s. VS 99 (Proc. col. I. n. 22)] Ist's aber so, daß der gute Same einen törichten und bösen Ackerer hat, so wächst Unkraut und bedeckt und verdrängt den guten Samen, so daß er nicht ans Licht kommt noch auswachsen kann. Doch spricht Origenes, ein großer Meister: Da Gott selbst diesen Samen eingesät und eingedrückt und eingeboren hat, so kann er wohl bedeckt und verborgen und doch niemals vertilgt noch in sich ausgelöscht werden; er glüht und glänzt, leuchtet und brennt und neigt sich ohne Unterlaß zu Gott hin.

Die erste Stufe des inneren und des neuen Menschen, spricht Sankt Augustinus, ist es, wenn der Mensch nach dem Vorbilde guter und heiliger Leute lebt, dabei aber noch an den Stühlen geht und sich nahe bei den Wänden hält, sich noch mit Milch labt.

Die zweite Stufe ist es, wenn er jetzt nicht nur auf die äußeren Vorbilder, (darunter) auch auf gute Menschen, schaut, sondern läuft und eilt zur Lehre und zum Rate Gottes und göttlicher Weisheit, kehrt den Rücken der Menschheit und das Antlitz Gott zu, kriecht der Mutter aus dem Schoß und lacht den himmlischen Vater an.

Die dritte Stufe ist es, wenn der Mensch mehr und mehr sich der Mutter entzieht und er ihrem Schoß ferner und ferner kommt, der Sorge entflieht, die Furcht abwirft, so daß, wenn er gleich ohne Ärgernis aller Leute (zu erregen) übel und unrecht tun könnte, es ihn doch nicht danach gelüsten würde; denn er ist in Liebe so mit Gott verbunden in eifriger Beflissenheit, bis der ihn setzt und führt in Freude und in Süßigkeit und Seligkeit, wo ihm alles das zuwider ist, was ihm (= Gott) ungleich und fremd ist.

Die vierte Stufe ist es, wenn er mehr und mehr zunimmt und verwurzelt wird in der Liebe und in Gott, so daß er bereit ist, auf sich zu nehmen alle Anfechtung, Versuchung, Widerwärtigkeit und Leid-Erduldung willig und gern, begierig und freudig.

Die fünfte Stufe ist es, wenn er allenthalben in sich selbst befriedet lebt, still ruhend im Reichtum und Überfluß der höchsten unaussprechlichen Weisheit.

Die sechste Stufe ist es, wenn der Mensch entbildet ist und überbildet von Gottes Ewigkeit und gelangt ist zu gänzlich vollkommenem Vergessen vergänglichen und zeitlichen Lebens und gezogen und hinüberverwandelt ist in ein göttliches Bild, wenn er Gottes Kind geworden ist. Darüber hinaus noch höher gibt es keine Stufe, und dort ist ewige Ruhe und Seligkeit, denn das Endziel des inneren Menschen und des neuen Menschen ist: ewiges Leben.

Für diesen inneren, edlen Menschen, in den Gottes Same und Gottes Bild eingedrückt und eingesät ist, - wie nämlich dieser Same und dieses Bild göttlicher Natur und göttlichen Wesens, Gottes Sohn, zum Vorschein komme und man seiner gewahr werde, wie er aber auch dann und wann verborgen werde, - dafür trägt der große Meister Origenes ein Gleichnis vor: Gottes Bild, Gottes Sohn, sei in der Seele Grund wie ein lebendiger Brunnen. Wenn aber jemand Erde, das ist irdisches Begehren, darauf wirft, so hindert und verdeckt es (ihn), so daß man nichts von ihm erkennt oder gewahr wird; gleichviel bleibt er in sich selbst lebendig, und wenn man die Erde, die von außen oben darauf geworfen ist, wegnimmt, so kommt er (wieder) zum Vorschein und wird man ihn gewahr. Und er sagt, daß auf diese Wahrheit hingedeutet sei im ersten Buche Mosis, wo geschrieben steht, daß Abraham in seinem Acker lebendige Brunnen ergraben hatte, Ubeltäter aber füllten sie mit Erde; danach aber, als die Erde herausgeworfen worden war, kamen die Brunnen lebendig wieder zum Vorschein (1 Mos. 26, 14 ff.).
Noch gibt's dafür wohl ein weiteres Gleichnis: Die Sonne scheint ohne Unterlaß; jedoch, wenn eine Wolke oder Nebel zwischen uns und der Sonne ist, so nehmen wir den Schein nicht wahr. Ebenso auch, wenn das Auge in sich selbst krank ist und siech oder verschleiert, so ist ihm der Schein nicht erkennbar. Überdies habe ich gelegentlich ein deutliches Gleichnis vorgetragen: Wenn ein Meister ein Bild macht aus Holz oder Stein, so trägt er das Bild nicht in das Holz hinein, sondern er schnitzt die Späne ab, die das Bild verborgen und verdeckt hatten; er gibt dem Holz nichts, sondern er benimmt und gräbt ihm die Decke ab und nimmt den Rost weg, und dann erglänzt, was darunter verborgen lag. Dies ist der Schatz, der verborgen lag im Acker, wie unser Herr im Evangelium spricht (Matth. 13, 44).
Sankt Augustinus sagt: Wenn des Menschen Seele sich vollends hinaufkehrt in die Ewigkeit, in Gott allein, so scheint auf und leuchtet das Bild Gottes; wenn aber die Seele sich nach außen kehrt, und sei's selbst zu äußerlicher Tugendübung, so wird dies Bild vollkommen verdeckt. Und dies soll es bedeuten, daß die Frauen das Haupt bedeckt tragen, die Männer aber entblößt, nach Sankt Paulus' Lehre (vgl. 1 Kor. 11,4 ff.). Und darum: Alles das von der Seele, was sich niederwärts wendet, das empfängt von dem, zu dem es sich kehrt, eine Decke, ein Kopftuch; dasjenige der Seele aber, was sich emporträgt, das ist bloßes Bild Gottes, Gottes Geburt, unverdeckt bloß in entblößter Seele. Von dem edlen Menschen, wie (nämlich) Gottes Bild, Gottes Sohn, der Same göttlicher Natur in uns nimmer vertilgt wird, wenngleich er verdeckt werden mag, sagt König David im Psalter: Obzwar den Menschen mancherlei Nichtigkeit, Leiden und Schmerzensjammer befällt, so bleibt er dennoch im Bilde Gottes und das Bild in ihm (vgl. Ps. 4, 2 ff.). Das wahre Licht leuchtet in der Finsternis, wenngleich man es nicht gewahr wird (vgl. Joh. 1,5).
»Nicht achtet darauf«, meint das Buch der Liebe, »daß ich braun bin, ich bin doch schön und wohlgestaltet; aber die Sonne hat mich entfärbt« (Hohel. 1, 5). »Die Sonne« ist das Licht dieser Welt und meint, daß (selbst) das Höchste und Beste, das geschaffen und gemacht ist, das Bild Gottes in uns verdeckt und entfärbt. »Nehmt weg«, spricht Salomon, »den Rost von dem Silber, so leuchtet und glänzt hervor das allerlauterste Gefäß« (Spr. 25, 4), das Bild, Gottes Sohn, in der Seele. Und das ist es, was unser Herr in jenen Worten sagen will, da er spricht, daß »ein edler Mensch auszog«, denn der Mensch muß aus allen Bildern und aus sich selbst ausgehen und allem dem gar fern und ungleich werden, wenn anders er (wirklich) den Sohn nehmen und Sohn werden will und soll in des Vaters Schoß und Herzen.

accipere sibi regnum

{ Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh. Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist Eins, und jede Person ist auch Eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist. } [s. VS 100 (Proc. col. I. n. 23)] Der Unterschied zwischen Sein und Wesenheit wird als Eins gefaßt und ist Eins. (Erst) da, wo es (d. h. dieses Eine) nicht (mehr) in sich verhält, da empfängt, besitzt und ergibt es Unterschied. Darum: Im Einen findet man Gott, und Eins muß der werden, der Gott finden soll. »Ein Mensch«, spricht unser Herr, »zog aus«. Im Unterschied findet man weder das Eine noch das Sein noch Gott noch Rast noch Seligkeit noch Genügen. Sei Eins, auf daß du Gott finden könnest! Und wahrlich, wärest du recht Eins, so bliebest du auch Eins im Unterschiedlichen, und das Unterschiedliche würde dir Eins und vermöchte dich nun ganz und gar nicht zu hindern. Das Eine bleibt gleichmäßig Eins in tausendmal tausend Steinen wie in vier Steinen, und Tausendmaltausend ist ebenso gewiß eine einfache Zahl, wie (die) Vier eine Zahl ist.
Ein heidnischer Meister sagt, daß das Eine aus dem obersten Gott geboren sei. Seine Eigenart ist es, mit dem Einen eins zu sein. Wer es unterhalb Gottes sucht, der betrügt sich selbst. Und zum vierten, sagt der gleiche Meister, hat dieses Eine mit nichts eigentlichere Freundschaft als mit Jungfrauen oder Mägden, wie denn Sankt Paulus spricht: »Ich habe euch keusche Jungfrauen dem Einen angetraut und verlobt« (2 Kor. 11, 2). Und ganz so sollte der Mensch sein, denn so spricht unser Herr: »Ein Mensch zog aus«.

Homo

»Mensch« in der eigenen Bedeutung des Wortes im Lateinischen bedeutet in einem Sinne den, der sich mit allem, was er ist und was sein ist, unter Gott beugt und fügt und aufwärts Gott anschaut, nicht das Seine, das er hinter, unter, neben sich weiß. Dies ist volle und eigentliche Demut; diesen Namen hat er von der Erde. Davon will ich nun nicht weiter sprechen. Wenn man »Mensch« sagt, so bedeutet dieses Wort auch etwas, was über die Natur, über die Zeit und über alles, was der Zeit zugekehrt ist oder nach Zeit schmeckt, erhaben ist, und das gleiche sage ich auch mit bezug auf Raum und Körperlichkeit. Überdies noch hat dieser »Mensch« in gewisser Weise mit nichts etwas gemein, das heißt, daß er weder nach diesem noch nach jenem gebildet oder verähnlicht sei und vom Nichts nichts wisse, so daß man in ihm nirgends vom Nichts etwas finde noch gewahr werde und daß ihm das Nichts so völlig benommen sei, daß man da einzig finde reines Leben, Sein, Wahrheit und Gutheit. Wer so geartet ist, der ist ein »edler Mensch«, fürwahr, nicht weniger und nicht mehr.
Noch gibt es eine andere Erklärungsweise und Belehrung für das, was unser Herr einen »edlen Menschen« nennt. Man muß nämlich auch wissen, daß diejenigen, die Gott unverhüllt erkennen, mit ihm zugleich die Kreaturen erkennen; denn die Erkenntnis ist ein Licht der Seele, und alle Menschen begehren von Natur nach Erkenntnis, denn selbst böser Dinge Erkenntnis ist gut. Nun sagen die Meister: Wenn man die Kreatur in ihrem eigenen Wesen erkennt, so heißt das eine »Abenderkenntnis«, und da sieht man die Kreaturen in Bildern mannigfaltiger Unterschiedenheit; wenn man aber die Kreaturen in Gott erkennt, so heißt und ist das eine »Morgenerkenntnis«, und auf diese Weise schaut man die Kreaturen ohne alle Unterschiede und aller Bilder entbildet und aller Gleichheit entkleidet in dem Einen, das Gott selbst ist. Auch dies ist der »edle Mensch«, von dem unser Herr sagt: »Ein edler Mensch zog aus«, darum edel, weil er Eins ist und Gott und Kreatur im Einen erkennt.

et reverti

Noch auf einen andern Sinn dessen, was der »edle Mensch« sei, will ich zu sprechen kommen und eingehen. Ich sage: Wenn der Mensch, die Seele, der Geist Gott schaut, so weiß und erkennt er sich auch als erkennend, das heißt: er erkennt, daß er Gott schaut und erkennt. Nun hat es etliche Leute bedünkt, und es scheint auch ganz glaubhaft, daß Blume und Kern der Seligkeit in jener Erkenntnis liegen, bei der der Geist erkennt, daß er Gott erkennt; denn, wenn ich alle Wonne hätte und wüßte nicht darum, was hülfe mir das und was für eine Wonne wäre mir das? Doch sage ich mit Bestimmtheit, daß dem nicht so ist. Ist es gleich wahr, daß die Seele ohne dies wohl nicht selig wäre, so ist doch die Seligkeit nicht darin gelegen; denn das erste, worin die Seligkeit besteht, ist dies, daß die Seele Gott unverhüllt schaut. Darin empfängt sie ihr ganzes Sein und ihr Leben und schöpft alles, was sie ist, aus dem Grunde Gottes und weiß nichts von Wissen noch von Liebe noch von irgend etwas überhaupt. Sie wird still ganz und ausschließlich im Sein Gottes. Sie weiß dort nichts als das Sein und Gott. Wenn sie aber weiß und erkennt, daß sie Gott schaut, erkennt und liebt, so ist das der natürlichen Ordnung nach ein Ausschlag aus dem und ein Rückschlag in das Erste; denn niemand erkennt sich als weiß als der, der wirklich weiß ist. Darum, wer sich als weiß erkennt, der baut und trägt auf dem Weiß-Sein auf, und er nimmt sein Erkennen nicht unmittelbar und (noch) unwissend direkt von der Farbe, sondern er nimmt das Erkennen ihrer (d. h. der Farbe) und das Wissen um sie von dem ab, was da gerade weiß ist, und schöpft das Erkennen nicht ausschließlich von der Farbe an sich; vielmehr schöpft er das Erkennen und Wissen von Gefärbtem oder von Weißem und erkennt sich als weiß. Weißes ist etwas viel Geringeres und viel Äußerlicheres als das Weiß-Sein (oder: die Weiße). Etwas ganz anderes ist die Wand und das Fundament, darauf die Wand gebaut ist.
Die Meister sagen, eine andere Kraft sei es, mit Hilfe deren das Auge sieht, und eine andere, durch die es erkennt, daß es sieht. Das erstere: daß es sieht, das nimmt es ausschließlich von der Farbe, nicht von dem, was gefärbt ist. Daher ist es ganz einerlei, ob das, was gefärbt ist, ein Stein sei oder (ein Stück) Holz, ein Mensch oder ein Engel: einzig darin, daß es Farbe habe, liegt das Wesentliche.
So auch, sage ich, nimmt und schöpft der edle Mensch sein ganzes Sein, Leben und seine Seligkeit bloß nur von Gott bei Gott und in Gott, nicht vom Gott-Erkennen, -Schauen oder -Lieben oder dergleichen. Darum sagt unser Herr beherzigenswert treffend, ewiges Leben sei dies: Gott allein als den einen, wahren Gott zu erkennen (Joh. 17, 3), nicht (aber): zu erkennen, daß man Gott erkennt. Wie sollte (denn auch) der Mensch sich als Gott-erkennend erkennen, der sich selbst nicht erkennt? Denn sicherlich, der Mensch erkennt sich selbst und andere Dinge überhaupt nicht, vielmehr nur Gott allein, fürwahr, wenn er selig wird und selig ist in der Wurzel und im Grunde der Seligkeit. Wenn aber die Seele erkennt, daß sie Gott erkennt, so gewinnt sie zugleich Erkenntnis von Gott und von sich selbst.
Nun ist aber eine andere Kraft - wie ich ausgeführt habe -, vermöge deren der Mensch sieht, und eine andere, durch die er weiß und erkennt, daß er sieht. Wahr ist es zwar, daß jetzt, hienieden, in uns jene Kraft, durch die wir wissen und erkennen, daß wir sehen, edler und höher ist als die Kraft, vermöge deren wir sehen; denn die Natur beginnt ihr Wirken mit dem Geringsten, Gott aber beginnt bei seinen Werken mit dem Vollkommensten. Die Natur macht den Mann aus dem Kinde und das Huhn aus dem Ei; Gott aber macht den Mann vor dem Kinde und das Huhn vor dem Ei. Die Natur macht das Holz zuerst warm und heiß, und danach erst läßt sie das Sein des Feuers entstehen; Gott aber gibt zuerst aller Kreatur das Sein, und danach in der Zeit und doch ohne Zeit und (jeweils) gesondert alles das, was dazu (d. h. zum Sein) hinzugehört. Auch gibt Gott den Heiligen Geist eher als die Gaben des Heiligen Geistes.
So also sage ich, daß es zwar Seligkeit nicht gibt, ohne daß der Mensch sich bewußt werde und wohl wisse, daß er Gott schaut und erkennt; doch verhüte Gott, daß meine Seligkeit darauf beruhe! Wem's anders genügt, der behalte es für sich, doch erbarmt's mich. Die Hitze des Feuers und das Sein des Feuers sind gar ungleich und erstaunlich fern voneinander in der Natur, obzwar sie nach Zeit und Raum gar nahe beieinander sind. Gottes Schauen und unser Schauen sind einander völlig fern und ungleich.
Darum sagt unser Herr gar recht, daß »ein edler Mensch auszog in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen, und zurückkam«. Denn der Mensch muß in sich selber Eins sein und muß dies suchen in sich und im Einen und empfangen im Einen, das heißt: Gott lediglich schauen; und »zurückkommen«, das heißt: wissen und erkennen, daß man Gott erkennt und weiß.
Und alles hier Vorgetragene hat der Prophet Ezechiel vorausgesprochen, als er sagte, daß »ein mächtiger Adler mit großen Flügeln, mit langen Gliedern voll mancherlei Federn zu dem lautern Berge kam und entnahm das Mark oder den Kern des höchsten Baumes, riß ab die Krone seines Laubes und brachte es herunter« (Ez. 17, 3 f.). Was unser Herr einen edlen Menschen heißt, das nennt der Prophet einen großen Adler. Wer ist denn nun edler, als der einerseits vom Höchsten und Besten, was die Kreatur besitzt, geboren ist und zum andern aus dem innersten Grunde göttlicher Natur und dessen Einöde? »Ich«, spricht unser Herr im Propheten Osee, »will die edle Seele führen in eine Einöde, und ich will dort sprechen in ihr Herz« (Hosea z, 14). Eines mit Einem, Eines von Einem, Eines in Einem und in Einem Eines ewiglich. Amen.


dendrite Vom edlen Mensch
axone 26-7 Judaizmus. Krestanstvo/Judaism. Christianity (1406830)
axone Mysteria Christiania