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Der Prophet spricht: 'Herr, des Volkes, das in dir ist, dessen erbarme dich' (Hosea 14,4). Unser Herr antwortete: 'Alles, was anfällig ist, das werde ich gesund machen und werde sie willig lieben.' Ich nehme das Schriftwort: 'Der Pharisäer begehrte, daß unser Herr mit ihm äße' und dazu: 'Unser Herr sprach zu der Frau: ‚vade in pace, geh in den Frieden" (Luk. 7,36/50). Es ist gut, wenn man vom Frieden zum Frieden kommt, es ist löblich; trotzdem ist es mangelhaft. Man soll laufen in den Frieden, man soll nicht anfangen im Frieden. Gott (= unser Herr) will sagen: Man soll versetzt und hineingestoßen werden in den Frieden und soll enden im Frieden. Unser Herr sprach: 'In mir allein habt ihr Frieden' (Joh. 16,33). Genau so weit wie in Gott, so weit in Frieden. Was irgend von einem in Gott ist, das hat Frieden; ist dagegen etwas von einem außerhalb Gottes, so hat es Unfrieden. Sankt Johannes spricht: 'Alles, was aus Gott geboren ist, das überwindet die Welt' (1 Joh. 5,4). Was aus Gott geboren ist, das sucht Frieden und läuft in den Frieden. Darum sprach er: 'Vade in pace, lauf in den Frieden!' Der Mensch, der sich im Laufen und in beständigem Laufen befindet, und zwar in den Frieden, der ist ein "himmlischer" Mensch. Der Himmel läuft beständig um, und im Laufe sucht er Frieden, Nun gebt acht! 'Der Pharisäer begehrte, daß unser Herr mit ihm äße.' Die Speise, die ich esse, die wird so vereint mit meinem Leibe wie mein Leib mit meiner Seele. Mein Leib und meine Seele sind vereint in einem Sein, nicht wie in einem Wirken - (nicht also,) wie sich meine Seele dem Auge im Wirken, das heißt darin, daß es sieht, vereint -; so auch wird die Speise, die ich esse, mit meiner Natur im Sein vereint, nicht dagegen im Wirken, und dies deutet auf die große Einigung, die wir mit Gott im Sein, nicht aber im Wirken haben sollen. Darum bat der Pharisäer unsern Herrn, daß er mit ihm äße. "Phariseus" besagt soviel wie: einer, der abgesondert ist und um kein Ende weiß 1. Alles Zubehör der Seele muß völlig abgelöst werden. Je edler die Kräfte sind, um so stärker lösen sie ab. Gewisse Kräfte sind so hoch über dem Körper und so abgesondert, daß sie völlig abschälend und abscheidend wirken! Ein Meister sagt ein schönes Wort: Was (nur je) einmal Körperliches berührt, das gelangt niemals da hinein 2. Zum zweiten (besagt "Pharisäer"), daß man abgelöst und abgezogen und eingezogen sein soll. Hieraus mag man entnehmen, daß ein ungelehrter Mensch (allein) durch Liebe und Begehren Wissen erlangen und lehren kann. Zum dritten besagt es (= "Pharisäer"). daß man kein Ende haben und nirgends abgeschlossen sein und nirgends haften und so in Frieden versetzt sein soll, daß man nichts (mehr) wisse von Unfrieden, wenn ein solcher Mensch in Gott versetzt wird durch die Kräfte, die völlig losgelöst sind. Darum sprach der Prophet: 'Herr, des Volkes, das in dir ist, dessen erbarme dich.' Ein Meister sagt: Das höchste Werk, das Gott je wirkte in allen Kreaturen, das ist Barmherzigkeit. Das Heimlichste und Verborgenste, selbst das, was er je in den Engeln wirkte, das wird emporgetragen in die Barmherzigkeit, und zwar in das Werk der Barmherzigkeit, so wie es in sich selbst ist und wie es in Gott ist. Was immer Gott wirkt, der erste Ausbruch ist (immer) Barmherzigkeit, (und zwar) nicht die, da er dem Menschen seine Sünde vergibt und da ein Mensch sich über den andern erbarmt; vielmehr will er ( = der Meister) sagen: Das höchste Werk, das Gott wirkt, das ist Barmherzigkeit. Ein Meister sagt: Das Werk (der) Barmherzigkeit ist Gott so wesensverwandt, daß zwar Wahrheit und Reichtum und Gutheit Gott benennen, wenngleich (von diesen) das eine ihn mehr aussagt als das andere: das höchste Werk Gottes aber ist Barmherzigkeit, und es bedeutet, daß Gott die Seele in das Höchste und Lauterste versetzt, das sie zu empfangen vermag: in. die Weite, in das Meer, in ein unergründliches Meer; dort wirkt Gott Barmherzigkeit. Darum sprach der Prophet: 'Herr, des Volkes, das in dir ist, dessen erbarme dich.' Welches Volk ist in Gott? Sankt Johannes spricht: 'Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm' (1 Joh. 4,16). Obwohl Sankt Johannes sagt, die Liebe vereinige, so versetzt doch die Liebe niemals in Gott; allenfalls verleimt sie (schon Vereinigtes). Die Liebe vereinigt nicht, in gar keiner Weise; was (schon) vereinigt ist, das heftet sie zusammen und bindet es zu. Liebe vereint im Wirken, nicht aber im Sein. Die besten Meister sagen, die Vernunft schäle völlig ab und erfasse Gott entblößt, wie er reines Sein in sich selbst sei. Das Erkennen bricht durch die Wahrheit und Gutheit hindurch und wirft sich auf das reine Sein und erfaßt Gott bloß, wie er ohne Namen ist 1. Ich (aber) sage: Weder das Erkennen noch die Liebe einigen. Die Liebe ergreift Gott selbst, insofern er gut ist, und entfiele Gott dem Namen "Gutheit", so würde die Liebe nimmermehr weiterkommen. Die Liebe nimmt Gott unter einem Fell, unter einem Kleide. Das tut die Vernunft nicht; die Vernunft nimmt Gott so, wie er in ihr erkannt wird; sie kann ihn aber niemals erfassen im Meer seiner Unergründlichkeit. Ich sage: Über diese beiden, (über das) Erkennen und (die) Liebe (hinaus) ragt die Barmherzigkeit; im Höchsten und Lautersten, das Gott zu wirken vermag, dort wirkt Gott Barmherzigkeit. Ein Meister spricht ein schönes Wort: daß etwas in der Seele ist, das gar heimlich und verborgen ist und weit oberhalb dessen, wo die Kräfte Vernunft und Wille ausbrechen [s. P. 43]. Sankt Augustinus sagt: Wie das, wo der Sohn aus dem Vater ausbricht im ersten Ausbruch, unaussprechlich ist., SO auch gibt es etwas gar Heimliches oberhalb des ersten Ausbruchs, in dem Vernunft und Wille ausbrechen 2 Ein Meister, der am allerbesten von der Seele gesprochen hat, sagt, daß das gesamte menschliche Wissen niemals darein eindringt. was die Seele in ihrem Grunde sei. (Zu begreifen,) was die Seele sei, dazu gehört übernatürliches Wissen. Wissen wir doch nichts von dem, wo die Kräfte aus der Seele in die Werke ausgehen; wir wissen wohl ein wenig davon, es ist aber gering. Was die Seele in ihrem Grunde sei, davon weiß niemand etwas. Was man davon wissen kann, das muß übernatürlich sein, es muß aus Gnade sein: dort wirkt Gott Barmherzigkeit 1. Amen. |
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