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Text von Otto Karrer, bearbeitet von Eckhart Triebel
Anmerkungen
Die Handschrift Soest 33 (Sigle 'S') wurde im Jahre 1880 von Ludwig Keller entdeckt; im August desselben Jahres fand Heinrich Denifle den Codex Amplon. Fol. n. 181 in der Bibliotheca Amploniana, der als Handschrift 'E' in die Geschichte einging, deren Edition er 1886 veröffentlichte, in dem Jahr, als er auch das Handexemplar des Nikolaus von Kues entdeckte - Sigle 'C'. Diese drei zählen zu den wichtigsten der inzwischen bekannten Handschriften.
1927 erschien Karrers nachfolgend wiedergegebene Übersetzung des Textes.

Gegeben im Jahre des Herrn 1326 am 26. September, dem Tage, der zur Beantwortung der Sätze festgesetzt ist, die aus den Schriften und Aussprüchen Meister Eckeharts sowie aus Predigten entnommen sind, die ihm zugeschrieben werden - Sätze, die gewissen Leuten als irrig und, was schlimmer ist, der Häresie verdächtig erscheinen, wie sie sagen.
Ich, besagter Bruder Eckehart aus dem Predigerorden, antworte darauf:
Erstlich erkläre ich öffentlich vor Euch Kommissären, Meister Renher von Friesland, Doktor der Theologie, und Bruder Petrus de Estate, neuerlich Kustos der Minoritenbrüder: In Anbetracht der Freiheit und der Privilegien unseres Ordens bin ich nicht gehalten, vor Euch zu erscheinen, noch auch die gegen mich erhobenen Vorwürfe zu beantworten, zumal ich nie der Häresie beschuldigt worden oder jemals in solchem Rufe gestanden bin, wofür mein ganzes Leben und meine Lehre Zeugnis gibt, und ich stehe damit im Einklang mit der Ansicht meiner Brüder des ganzen Ordens und des Volkes beiderlei Geschlechtes im gesamten Bereich der ganzen Nation.
Daraus ist zweitens offenkundig, daß der Auftrag, der Euch von dem Ehrwürdigen Vater, dem Herrn Erzbischof von Köln, erteilt wurde, dessen Leben Gott erhalten möge, keinerlei Kraft hat. Entstammt er doch falscher Einflüsterung, einer üblen Wurzel also, einem schlimmen Baume. Wenn ich geringeren Ruf beim Volke genösse und minderen Eifer für die Gerechtigkeit hätte, fürwahr, ich bin überzeugt, daß von meinen Neidern derartiges nicht gegen mich wäre versucht worden. Indessen kommt es mir zu, dies geduldig zu tragen. Denn 'selig sind, die um der Gerechtigkeit willen leiden', und 'Gott züchtigt einen jeglichen Sohn, den er annimmt', nach dem Wort des Apostels. So kann ich denn mit Recht mit dem Psalmisten sagen: 'Ich bin auf Züchtigungen gefaßt'. Es wurden ja auch schon früher einmal die Meister der Theologie zu Paris von der Obrigkeit mit der Prüfung der Werke so hoch berühmter Männer wie des heiligen Thomas von Aquin und des Herrn Bruder Albert des Großen beauftragt, als wären sie verdächtig und irrig gewesen, und auch gegen Sankt Thomas persönlich ist oftmals von vielen geschrieben, geredet und öffentlich gepredigt worden, daß er Irrtümer und Irrlehren schriftlich und mündlich vorgetragen habe. Aber mit des Herrn Hilfe wurde sowohl in Paris wie auch vom Papste selbst und von der Römischen Kurie sein Leben wie seine Lehre gebilligt.

Nach diesen Vorbemerkungen antworte ich nun auf die mir zur Last gelegten Sätze. Die besagten Sätze, 49 an der Zahl, zerfallen in vierlei Gruppen:
- Erstens werden 15 Sätze angeführt, die einem von mir verfaßten Buche entnommen sind, das mit den Worten Benedictus Deus beginnt;
- zweitens werden vorgelegt 6 Sätze, die aus einer gewissen Antwort von mir oder aus meinen Worten entnommen wurden;
- drittens werden angeführt 12 Sätze, entnommen der ersten Auslegung, die ich über die Genesis verfaßt habe - dabei wundert mich nur, daß dem Inhalt meiner verschiedenen Bücher nicht mehr entgegengehalten wird; steht doch fest, daß ich hundert und mehr Dinge geschrieben habe, die dieser Leute Unwissenheit weder begreift noch versteht;
- viertens werden angeführt 16 Sätze, die aus mir zugeschriebenen Predigten entnommen sind.

Was nun die erste, zweite und dritte Gruppe betrifft, so erkläre und bekenne ich, daß ich solches gesagt und geschrieben habe, und ich erachte, wie aus meiner Darlegung hervorgehen wird, daß alles darin wahr ist, obschon manches ungewohnt, schwierig und subtil ist.
Wenn gleichwohl in den obengenannten oder in anderen meiner Worte und Schriften etwas falsch wäre, was ich nicht sehen kann, so bin ich allzeit bereit, einer besseren Einsicht nachzugeben. Denn 'kleine Geister bemeistern nicht große Dinge, und schon beim Versuch unterliegen sie, wenn sie wagen, was über ihre Kräfte geht', schreibt Hieronymus an Eliodor. Irren kann ich, aber nicht ein Häretiker sein. Denn das erste betrifft den Verstand, das Zweite aber den Willen.

Zum Verständnis dieser Sätze ist dreierlei zu beachten:
Das erste ist, daß jenes 'sofern' eine Beschränkung auf den strengen Begriff als solchen besagt und alles andere, auch alles nur gedanklich von dem Begriff Verschiedene, ausschließt. Z. B. obschon in Gott Denken und Sein dasselbe ist, so sagen wir dennoch nicht, daß Gott böse sei, wenn wir sagen, daß er das Böse erkenne. Und obschon in Gott-Vater Wesenheit und Vaterschaft dasselbe ist, so zeugt er dennoch nicht, insofern er Wesenheit, sondern insofern er Vater ist, wenngleich seine Wesenheit die Wurzel der Zeugung ist. Es gehen ja auch die absoluten göttlichen Tätigkeiten aus Gott entsprechend der Eigenheit seiner Attribute hervor, wie ein Grundsatz der Theologie besagt, weshalb auch Bernhard (V 1. De consideratione) ausführt, daß Gott liebe als Liebe, erkenne als Wahrheit, throne als Gerechtigkeit, herrsche als Majestät, wirke als Kraft, sich offenbare als Licht, etc.
Das zweite ist, daß der Gute und die Güte eins sind. Denn Guter, sofern einer gut ist, bezeichnet die bloße Güte, sowie Weißes die bloße Beschaffenheit des Weiß-seins bezeichnet. Indessen sind sie - der Gute und die Güte im Sohne, hl. Geiste und Vater eindeutig eins; spricht man aber von Gott und uns Guten zusammen, so ist die Einheit nur analog.
Das dritte ist, daß alles Zeugende, ja sogar alles Wirkende, sofern es zeugend und wirkend ist, zweierlei aufweist:
Erstens, daß es von Natur aus nicht zur Ruhe kommt und einhält, bis es dem Empfangenden und Gezeugten seine Form aufgeprägt hat, und indem diese übertragen und als solche geschenkt und eingeflößt wird, teilt es ihm sein Wesen und alles, was diesem zukommt, mit, also jede Tätigkeit und jede beliebige Eigenschaft. Daher kommt es, daß nach der Lehre des Philosophen nichts sich bewegt, was nicht bewegt wurde, und daß, was nicht berührt, auch nicht wirkt.
Zweitens, daß alles Wirkende, sofern es wirkt, sowie alles Hervorbringende, sofern es hervorbringt, ungezeugt ist, nicht geworden noch geschaffen, weil nicht von einem andern stammend. Ja es besteht sogar ein Beziehungsgegensatz zwischen dem Zeugenden, sofern es Zeugendes und Tätigkeitsprinzip ist, und dem Gezeugten, dem Sproß, dem Sohne, dem Geschaffenen, dem Gewordenen, kurz dem Vom-andern-seienden. Z. B. der Entwurf eines Kunstwerks, also etwa ein Haus im Geist des Künstlers, ist eine Art hervorgebrachten, gewordenen Sprößlings und, wenn ich so sagen darf, von einem Äußeren ins Leben gerufen, etwa durch ein wirkliches Haus oder von einem Lehrer; aber als solches ist es selbst kein Zeugendes, ist nicht Vater oder hervorbringendes Prinzip. Joh. 5: 'Aus sich vermag der Sohn nichts zu tun'
Woraus folgerichtig klar ist, daß Zeugendes und Gezeugtes wohl in den Dingen eins sind, aber einander entgegengesetzt und voneinander unterschieden der Beziehung nach, und zwar vermöge einer Realbeziehung in der Gottheit, wo Beziehung und Ding dasselbe ist, während sie in den Geschöpfen bloß durch gedankliche Beziehung unterschieden werden. Und das kommt daher, weil Tun und Empfangen zwar gleicherweise zwei erste Prinzipien sind, aber nur eine Bewegung; denn Bewegen und Bewegtwerden entsteht und vergeht gleichzeitig, gemäß der Natur der Beziehungen.
Nach dem Gesagten ziehe ich also mit offenkundigem Recht den Schluß auf die Wahrheit alles dessen, was in meinen Büchern und Aussprüchen beanstandet wird, wie auch auf die Unbildung und den Frevel meiner Gegner, gemäß jener Stelle aus dem Buch der Sprüche 8: 'Meine Kehle verkostet die Wahrheit', was das erste angeht, 'und meine Lippen verabscheuen den Frevler', was das zweite betrifft.

Antwort auf die Sätze, die dem Trostbuch entnommen wurden
Zum ersten, wenn es daher heißt: "Der Weise und die Weisheit, wahr und die Wahrheit " etc., so erkläre ich, daß dies unbedingt und einfach wahr ist, wie aus der dritten der soeben vorausgeschickten Bemerkungen erhellt.
Zum zweiten, wenn es heißt: "Der Gute, sofern er gut ist, ist ungemacht und ungeschaffen", so ist dasselbe zu sagen wie eben.
Zum dritten, wenn es heißt: "Die Güte zeugt sich und alles, was ihr eigen ist" etc., so
bleibe ich dabei, daß dies wahr ist, wie aus der dritten Vorbemerkung in deren erstem Teil erhellt. Überdies ergibt es sich aus dem angeführten Beispiel, denn das Weiße erhält sein Weiß-sein formell von der Weiße und von nichts anderem
Zum vierten, wenn es heißt: "Güte und Gut sind nur eine Güte allein" etc., so ist das wahr und erhellt aus der dritten und zweiten Vorbemerkung; und damit stimmt auch überein, was bei Matth. 10 gesagt ist: 'Ich bin gekommen, den Menschen von seinem Vater zu scheiden', und Matth. 23: 'Ihr sollt niemand Vater nennen auf Erden' und abermals: 'Er verleugne sich selbst und so folge er mir nach', und 2. Kor. 3: 'Die Herrlichkeit Gottes mit enthülltem Antlitz schauend, werden wir in eben dies Bild verwandelt' und Apg. 17: 'Gottes Geschlecht sind wir; in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir'
Wenn aber an der gleichen Stelle gesagt ist, daß "die höchsten Seelenkräfte in der Seele Lauterkeit stehen, abgeschieden von Raum und Zeit", so ist dies dasselbe, was der hl. Thomas lehrt: daß die sinnlichen Kräfte nicht in der Seele, sondern im Compositum als ihrem Träger sind, während Verstand und Wille in der Seele als ihrem Träger sind. Auch steht fest, daß der Verstand von Hier und Jetzt, also von Orts- und Zeitbezogenem absieht. Dies aber und alles Ähnliche in dem Buch Benedictus Deus dient zum sittlichen Leben, zur Hintansetzung und Verachtung des Zeitlichen und Körperhaften und zur Liebe Gottes, des höchsten Gutes
Auch ist hier in diesem vierten Satz mit Nachdruck zu bemerken, daß es heißt, besagte höchste Kräfte seien in der Seele und mit ihr geschaffen. Sinnlos also und böswillig oder aber aus Unverstand legt man mir in einem anderen Satz zur Last, daß ich etwas Ungeschaffenes als zur Seele gehörig lehre
Zum fünften, wenn es heißt: "Der Mensch soll beflissen sein, daß er sich entbilde seiner selbst" etc., so ist dies wahr und durchaus sittlich erbauend, in Übereinstimmung mit jener Stelle aus dem Buch der Sprüche im 12. Kap.: 'Nichts wird den Gerechten betrüben, was immer auch ihm zustoßen mag.' Steht doch fest, daß weder das ungeschaffene Gut, Gott, die Güte selbst, den guten Menschen in Unruhe bringt, noch auch die Kreatur, die er verachtet und von der er sich abgeschieden und fern hält
Zum sechsten, wenn es heißt: "Mein Herz und meine Liebe gibt dem Geschöpf die Güte" etc., so ist dies wahr. Das nach außen gerichtete Werk, das aus sich keinerlei sittliche Güte oder Verdienst besitzt, sofern es ohne Liebe getan wird, empfängt, aus der Liebe gewirkt, ein Sein aus dem Nichtsein und ist nun die ganze Welt wert, und Gott ist der einzige Lohn. So gemäß 1. Kor. 13: 'Wenn ich die Gabe der Weissagung hätte' etc. 'aber hätte ich die Liebe nicht, so bin ich nichts'
Zum siebtens, wenn es heißt: "Ein solcher Mensch ist so eins und so einwillig mit Gott" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist und einwandfrei und sittlich erbauend erscheint wie alles andere. Denn wie könnte wohl jemand selig oder auch gut sein, der wollte, was Gott nicht wollte, oder es anders wollte, als Gott es will? Z. B. wie könnte wohl jemand selig sein, der nicht beseligt werden wollte oder der das Gegenteil der Seligkeit wollte? Oder wie könnte einer weiß sein im Gegensatz zur Weiße und unähnlich der Weiße? Besteht doch alle Vollkommenheit des Menschen darin, daß er sich dem göttlichen Willen einfüge, indem er will, was Gott will, und auf die Weise, wie Gott es will, zumal alles, was Gott will, und wie er es will, ohne weiteres gut ist. Sicherlich aber soll der Mensch allzeit das Gute wollen
Zum achten, wenn es heißt: "Der gute Mensch, sofern er gut ist, tritt in alle Eigenschaft der Güte selbst" etc., so ist dies wahr, wie es dasteht
Zum neunten, wenn es heißt: "Vielleicht nimmt man Gott eigentlich mehr durch Entbehren als durch Empfangen" etc., so ist dies wahr; z. B. wenn jemand einer Gabe, etwa ein guter Sänger zu sein, oder irgend sonst etwas um Gottes willen entbehrt. Und so wird das Wort erfüllt: 'Was einer hat, wird ihm genommen werden' [Markus 4]. So lehrt auch [Chrysostomus] über die Stelle: 'Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen'. So nimmt das Auge, das selbst der Farbe entbehrt, die Farbe auf, erkennt sie und freut sich an ihr; eine farbige Wand aber weiß weder von sich, daß sie farbig ist, noch freut sie sich darüber, weshalb auch bei Matth. 5 die Armen selig gepriesen werden
Zum zehnten, wenn es heißt: "Unser Herr bat seinen Vater daß wir eins mit ihm seien" etc., so ist davon zu sagen, daß dies wahr ist. Denn so lautet das Wort Christi im Evangelium und so veranschaulicht deutlich das hier angewandte Gleichnis vom Feuer
Zum elften, wenn es heißt: "Kein Zweifel" daß auch die natürliche menschliche Tugend so edel etc., so erkläre ich wiederum: das ist wahr und genügend im Vorausgehenden erklärt, in Übereinstimmung mit dem Worte: 'Gottes Reich ist in euch', und: 'Alle Herrlichkeit der Königstochter kommt von innen'. Dies abzuleugnen oder zu bekämpfen verrät die größte Unwissenheit
Zum zwölften, wenn es heißt: "Der gute Mensch will und wollte allezeit leiden um Gottes willen" etc., so ist dies wahr, und wenn einer nicht so ist, so ist er eben kein guter Mensch, noch liebt er in vollkommener Weise Gott und was Gottes ist.
Zum dreizehnten, wenn es heißt: "Ein guter Mensch, sofern er gut ist, hat Gottes Eigenschaft" etc., so sage ich, daß dies wahr ist. Der Beweis liegt in der ersten und zweiten der obigen einleitenden Vorbemerkungen
Zum vierzehnten, wenn es heißt: "Keine redliche Seele ist ohne Gott" etc., so ist Lehre und Wortlaut aus Seneca, ep. 73 [74]; ferner ist es die Lehre Ciceros (De Tusculanis quaestionibus 1. III) und Origenes (Homilia super Gen.) 26. Diese mögen für sich selbst antworten. Aber auch bei 1. Joh. 3 heißt es: 'Ein jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht, weil sein Same in ihm bleibt'
Zum fünfzehnten, wenn es heißt: "Aller Unterschied ist Gott fremd" etc., so ist das klar. Es leugnen, heißt Gott und seine Einheit leugnen. Deut. 6: 'Höre, Israel, dein Gott ist ein einiger Gott'. Bernhard (V De consideratione) sagt: 'Gott ist einer in einer Weise wie nichts anderes; er ist, wenn man so sagen dürfte, der einste', und weiter unten: 'Vergleiche diesem Einen alles, was sonst 'eins' genannt werden kann, und es wird nicht eins sein; und dennoch ist Gott dreifaltig', und weiter: Was hat doch das zu bedeuten: 'Eine Zahl jenseits von aller Zahl'? Darüber handelt Bernhard an der genannten Stelle ausführlich.
Dies also sind die 15 Sätze, die aus dem Buch Benedictus Deus von Leuten bekrittelt werden, die 'weder die Schrift noch die Kraft Gottes kennen', Matth. 22.
Antwort auf die Sätze, die einer Erwiederung auf die Sätze,
die dem Trostbuch entstammen, entnommen wurden

Es gilt nun an zweiter Stelle zu prüfen, was unwissende Leute aus meinen Aussprüchen in einer Erwiderung auf mir vorgeworfene Sätze aufgegriffen haben. Es sind sechs Punkte:
[Der erste Satz lautet:] "Wer aus Einfalt glaubte, sagte oder schriebe, es gebe etwas Ungeschaffenes in der Seele als deren Teil, der wäre darum noch kein Häretiker und würde auch nicht verdammt" [etc.] Ich antworte, daß dies wahr ist. Einzig das hartnäckige Festhalten an einem Irrtum macht ja den Häretiker aus. Viele tausend und abertausend gute Menschen glaubten in ihrem irdischen Leben, Gott, der doch Geist ist, sei etwas wie ein körperhaftes, wenn auch allen überlegenes Menschenwesen. Auch die Verschiedenheit der Personen in einem Wesen pflegten sie sich gänzlich falsch vorzustellen, und so noch vieles andere Zum zweiten, wenn es heißt: "Materie und Akcidens verleihen dem Zusammengesetzten (der zusammengesetzten Substanz) kein Sein, sondern das ganze Zusammengesetzte erhält sein Sein allein von der Wesensform" - so sage ich, daß dies wahr ist, und wer es nicht weiß, ist seiner eigenen Unwissenheit Zeuge.
Zum dritten, wenn es heißt: "Der Gute, sofern er gut ist, empfängt sein ganzes Sein von der ungeschaffenen Güte" etc., so ist dies wahr, nämlich effektiv (der Wirkursache nach); formell aber (der Form nach) empfängt er es von der innewohnenden Güte. So ist etwa im Bereich des Körperlichen eine Wand der Wirkursache nach durch den Maler farbig, formell aber durch die Farbe
Zum vierten, wenn es heißt: "Das ist das wahrste und beste Gebet, wodurch der Gute die Güte, der Gerechte die Gerechtigkeit verehrt" etc., so ist dies wahr, so wie es liegt, und stimmt überein mit der hl. Schrift beider Testamente, wie aus Jes. 1 und Ps. 49 hervorgeht und bei Matth. 15 im Sinn eines Vorwurfs steht: 'Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir'. Darüber auch im Ps. 72: 'Ihren Mund haben sie bis in den Himmel erhoben, ihre Zunge aber', d. i. ihre Leidenschaft, 'sank zur Erde nieder' Zum fünften, wenn es heißt: "Aequivoca werden auf Grund der verschiedenen Dinge unterschieden" etc., so ist dies wahr und die Quelle mancher Erkenntnisse und Erklärungen
Zum sechsten, wenn es heißt: "Die elementaren Eigenschaften erhalten ihr Sein univoce vom Subjekt, durch das Subjekt und in dem Subjekt" etc., so ist zu sagen, daß dies, so wie es liegt, wahr ist.

Antwort auf die Sätze, die der Auslegung des Buches Genesis entnommen wurden
Es gilt nun an dritter Stelle, die meiner ersten Auslegung der Genesis entnommenen Sätze ins Auge zu fassen, und deren sind zwölf: [Im ersten (Satz) wird gesagt:] "Hieraus geht deutlich hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen ist" etc. Da ist zu sagen, daß dies, so wie es liegt, wahr ist. Sie ist deshalb nicht weniger wahr und ist auch in buchstäblichem und geschichtlichem Sinne auszulegen. Zum zweiten, wenn es heißt: "Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist, und zwar gilt 'Gerechtigkeit' eindeutig von der Gottheit, und im Verhältnis von Geschöpf und Gott in analogem Sinne. Es ist also eine und dieselbe Gerechtigkeit und Güte, einfachhin und absolut genommen in der Gottheit, in den Geschöpfen aber analogerweise, wie oben mehrfach dargetan wurde.
Zum dritten, wenn es heißt: "Das Sein ist die Aktualität aller Wesensformen; und das Sein ist es, was jegliches Ding ersehnt", so ist dies wahr. Das erste ist ein Wort des hl. Thomas, das zweite, wie es hier in dem Satz gesagt ist, ist ein Ausspruch Avicennas.
Zum vierten, wenn es heißt: "Das Sein selbst empfängt sein Dasein nicht in einem andern oder von einem andern" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist. Zu unterscheiden ist freilich zwischen dem formhaft innewohnenden und dem absoluten Sein, das Gott ist.
Zum fünften, wenn es heißt: "Das Sein ist Gott", so muß man sagen, daß dies wahr ist hinsichtlich des absoluten Seins, wenn auch nicht vom formhaft innewohnenden. Und diese Lehre wird im vorliegenden Zusammenhang durch fünferlei Gründe erwiesen, auf die man wahrheitsgemäß nichts erwidern kann. Spricht doch er selbst die Wahrheit: 'Ich bin, der ich bin,' 'er, der da ist, hat mich gesandt'. Siehe hierüber die eingehende Erörterung Bernhards (1. V De consideratione).
Zum sechsten, wenn es heißt: "Von Gott allein haben alle Dinge Sein, Eins-sein" etc., so ist dies wahr, so wie es soeben zum fünften Satz gesagt ist.
Zum siebten, wenn es heißt: "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar von Gott selbst sein ganzes Sein" etc., so ist dies wahr, so wie es soeben, zum gleichen fünften Satz, gesagt wurde. Zum achten, wenn es heißt: "Der Anfang, in dem Gott Himmel und Erde schuf, ist das erste, einfache Jetzt der Ewigkeit" etc., so muß man sagen, daß dies wahr und notwendig ist, so wie es dasteht. Denn das Schaffen und überhaupt jede Tätigkeit Gottes ist selbst sein Wesen. Daraus folgt jedoch keineswegs, daß, wenn auch Gottes Schöpfungsakt von Ewigkeit ist, deshalb auch die Welt von Ewigkeit Dasein habe, wie unwissende Leute meinen. Denn die Schöpfung, passiv genommen, ist ebensowenig ewig, wie das Geschaffene selbst.
Zum neunten, wenn es heißt: "Das letzte im Seienden ist auch das erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich des Seins wie das Höchste im Seienden", so muß man sagen, daß dies wahr ist. Ein Beispiel: Alle Glieder des Leibes verhalten sich gleichmäßig, weil unmittelbar, zum Sein des Leibes. Denn obwohl ein Mensch ohne Arme, Augen und derlei Glieder wohl leben kann, so wäre doch ein Wesen wenn es eines gäbe, dem es von Natur unmöglich wäre, Augen und dergleichen zu besitzen, kein Mensch nach Art eines Menschen. Denn es gibt zwar eine wechselweise Ordnung (Stufung) der Glieder untereinander, aber diese bezieht sich nicht auf das Sein des Ganzen; denn dieses ist eins, und im Einen gibt es keinerlei Ordnung. [1] So verhält es sich beispielsweise auch mit den Seelenkräften in ihrer Beziehung untereinander und in ihrer Beziehung auf das Sein der Seele, das ein einheitliches ist, wie der hl. Thomas lehrt. Wie es daher in der Genesis heißt: 'Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde', so steht im 101.Psalm und im Hebräerbrief: 'Im Anfang hast du, Herr, die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk'.
Zum zehnten, wenn es heißt: "Gott ist auf alle Weise und in jeder Hinsicht einer" etc., so muß gesagt werden, daß dies, wie es liegt, wahr ist und mit dem Schrifttum des Kanons, der Heiligen und Lehrer übereinstimmt.
Zum elften, wenn es heißt: "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem andern ist", so ist zu sagen, daß dies wahr und ein Wort Avicennas und Alberts in seiner Schrift de causis ist. Der Grund und die Notwendigkeit dieser Lehre beruht einerseits darauf, daß ich in dem Urteil: 'Der Mensch ist ein Lebewesen', nicht das Sein aussage - in diesem Zusammenhang nämlich ist das 'ist' nicht Prädikat, sondern ein drittes Hinzukommendes: Prädikatskopula - die nicht die Existenz, sondern die bloße Beziehung des Prädikats 'Lebewesen' zum Subjekt 'Mensch' ausdrückt - andererseits, darauf, das das Sein des Menschen eine Ursache hat, daß er von einem andern ist, von Gott nämlich, dem ersten Sein, während unbedingt gilt, unabhängig von jeder Voraussetzung, daß der Mensch ein Lebewesen ist. Denn was immer auch jemand dagegen wollen oder tun möchte, so bleibt doch das Urteil: 'Der Mensch ist ein Lebewesen' wahr, selbst wenn es gar keinen existierenden Menschen gäbe.
Zum zwölften, wenn es in der Genesiserklärung heißt: "Das äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich" etc., so muß gesagt werden, daß dies wahr ist, und zwar geht dies hervor aus dem bereits oben Gesagten, wobei ich unterscheide zwischen dem Guten der Natur, das mit dem Seienden der Veränderung unterliegt, und dem Guten der Gnade, dessen Ziel das ewige Leben ist, gemäß der angeführten Stelle: 'Gottes Reich ist in euch'. Und somit fügt der äußere Akt dem inneren keinerlei sittliche Güte hinzu, wie Thomas (I II q. 20 a. 4) lehrt. Soviel zum dritten Abschnitt.
Es ist somit offenbar, daß in jedem der angeführten Sätze, die enthalten sind erstens im Buch Benedictus Deus, zweitens in meinen Aussprüchen und Erwiderungen an Kritiker, drittens in meiner ersten Auslegung der Genesis - und die ich tatsächlich alle geschrieben und geäußert zu haben bekenne -, daß in einem jeden davon, sage ich, die Wahrheit und der Grund der Wahrheit ersichtlich wird, wie ich oben dargelegt habe. Es ergibt sich aber auch entweder die wirkliche Bosheit oder die gröbliche Unwissenheit meiner Widersacher, die in ihren grobsinnlichen Vorstellungen Göttliches, Hohes, Unkörperhaftes zu beurteilen sich unterfangen, im Gegensatz zu dem Worte des Boethius in dem Buch De Trinitate: 'In göttlichen Dingen gilt es geistig zu denken und nicht zu bildhaftem Werk der Phantasie herabzusinken'.
Ich verwahre mich nochmals dagegen, daß ich für dies oder für sonst etwas, was ich in den einzelnen Kommentaren über die verschiedenen Bücher der Schrift geschrieben habe, oder für beliebiges aus dem vielen andern mich vor Euch oder irgend jemand anderem als dem Papst oder der Pariser Universität zu verantworten hätte, es sei denn, daß es etwa, was ferne sei, den Glauben anginge, zu dem ich mich allzeit bekenne. Dennoch wollte ich, gleichsam als Werk der Übergebühr, jedoch unter Protest wegen der Freiheit meines Ordens, vor Euch diese Dinge aus freien Stücken darlegen, um nicht den Anschein zu erwecken, als ergriffe ich die Flucht vor dem, was mir fälschlich zugemutet wird.

Antwort auf die Sätze, die den Predigten entnommen wurden
Ich bin von Rechts wegen ebensowenig gehalten, mich wegen der Sätze zu verteidigen, die aus mir zugeschriebenen Predigten entnommen sind - denn allenthalben wird auch von Geistlichen, Studierenden und Gebildeten verstümmelt und falsch weitergegeben, was sie gehört haben. Nur das eine habe ich zu bemerken, daß ich keinen dieser Sätze, so wie sie angeführt werden, soweit sie einen Irrtum enthalten oder nach Häresie schmecken, innerlich glaube noch geglaubt oder gehalten oder gepredigt habe. Ich trete jedoch dafür ein, daß in manchen von ihnen immerhin etwas Wahres berührt wird, was bei richtiger und gesunder Auslegung sich aufrecht erhalten läßt. Es gibt ja 'keine falsche Lehre, der nicht ein Körnchen Wahrheit untermischt wäre', wie Beda in einer Homilie sagt. Wo solche Sätze aber einen Irrtum einschließen oder wenigstens in den Seelen der Zuhörer hervorrufen, verwerfe und verabscheue ich sie. Aber da bin es nicht ich, dem solcher Irrtum oder solche Irrtümer von irgend welchen Neidlingen angerechnet werden könnte oder dürfte, wie auch Augustinus [in] (De Trinitate 1. I c. 3) bemerkt: 'Ich glaube, daß manche, und gewiß nicht die Schwerfälligsten im Geist, an vielen Stellen meiner Schriften mir Gedanken unterschieben werden, die ich niemals hatte, oder auch Gedanken mir absprechen werden, die ich hatte. Aber wer möchte nicht einsehen, daß ich nicht für den Irrtum verantwortlich bin, wenn solche, die mir zu folgen meinen, unvermerkt in irgend ein Mißverständnis geraten, wo ich gezwungen war, durch gewisse unzugängliche und dunkle Gebiete meinen Weg zu nehmen? Hat doch auch niemand ein Recht, den heiligen Verfassern der göttlichen Offenbarung die zahlreichen und mannigfachen Irrtümer der Häretiker zur Last zu legen, weil diese alle aus den hl. Schriften ihre falschen, trügerischen Ansichten zu verteidigen suchen'. Dennoch will ich ein übriges tun und für die einzelnen Sätze noch gesondert Rede und Antwort stehen.
Zum ersten, wenn es daher heißt: "Der Vater zeugt in mir seinen Sohn" etc., so ist zu bemerken, daß dieser Satz mehreres besagen kann: Das eine wäre, daß der Mensch, der in Gottes Liebe und Erkenntnis steht, zu nichts anderem wird, als was Gott selbst ist. Dies erkläre ich für gänzlich falsch und ich habe solches weder gesagt noch geglaubt noch geschrieben oder gepredigt. Es ist irrig und, wenn in verwegener Vermessenheit behauptet, häretisch - denn ohne dies letztere ist kein Irrtum Häresie. Das ergibt sich auch aus Augustinus (XXIV q. 3) Decretum Gratiani: 'Wie der Apostel sollst du jemand erst nach wiederholter Zurechtweisung als Häretiker meiden' - und das Wort 'Häretiker' erklärt die Glosse: 'Einer, der seinen Irrtum hartnäckig verteidigt.' Und weiter unten heißt es im selben Kapitel: 'Wer aber seine Behauptung, mag sie auch falsch und verkehrt sein, ohne Hartnäckigkeit vertritt, in Bereitschaft, sie zu verbessern, ist keinesfalls den Häretikern zuzurechnen.' Und weiter sagt Augustinus im 31. Kap.: 'Solche, die in der Kirche Christi einer Krankheit oder Verdorbenheit anrüchig sind, sind Häretiker, wenn sie der belehrenden Zurechtweisung trotzig widerstehen und ihre verpesteten und todbringenden Lehren nicht ausmerzen wollen, sondern fortfahren, sie zu verteidigen.' Soweit Augustinus.
Was im übrigen die Sache betrifft, die in diesem ersten Satz aufgestellt wird, so muß man wissen, daß ohne Zweifel Gott, und zwar der eine - weil es keinen anderen gibt - in einem jeden Seienden enthalten ist nach Macht und Gegenwart und Wesen [als ungeborener Vater und geborener Sohn].
Und der Vater ist nur Vater als ungezeugt-zeugender, und der Sohn nur Sohn, sofern er gezeugt ist, und zwar als alleiniger, weil er Gott ist. Wo immer daher Gott ist, da ist der Vater, der ungezeugt-zeugende, und wo immer Gott ist, da ist auch der gezeugte Sohn. Wenn daher Gott in mir ist, so zeugt Gott Vater auch in mir seinen Sohn, und in mir ist auch der gezeugte Sohn, der eine, ungeteilte, denn es gibt keinen anderen Sohn in der Gottheit als den einen, und der ist Gott.
Ferner ist zu merken, daß der Sohn im eigentlichen Sinn in der Gottheit ist, und zwar als einziger, wie gesagt. Er ist 'der Eingeborene im Schoß des Vaters', Joh. 1, d. i. in seinem Innersten; er, das 'Ebenbild Gottes des Unsichtbaren, der Erstgeborene vor aller Kreatur', Kol. 1, er, das 'Wort, das im Anfang' und das Gott war, Joh. 1. Und weil er allein Sohn im wahren Sinn, darum auch Erbe im Ursinn, Gal. 4, und daher kommt es, daß niemand außer ihm Erbe oder Sohn ist, sondern nur durch ihn und in ihm, als Glied von ihm durch Gnade und heilige Liebe. Wie immer wir also Söhne sein mögen - sofern wir viele und gesondert sind, sind wir doch nicht Erben, weil wir in Wahrheit auch nur insoweit Söhne sind, als wir durch die in uns sich vollziehende Kindschaftsannahme jenem Ein- und Erstgeborenen gleichgestaltet werden, wie das Unvollkommene dem Vollkommenen, das zweite dem ersten, das Glied dem Haupte - weshalb er ja auch 'Erstgeborener' heißt. Deshalb fügt bezeichnenderweise der Apostel, nachdem er gesagt hatte: 'Wenn Söhne, so auch Erben', hinzu: 'Erben zwar Gottes, aber Miterben Christi', Röm. 8.
Was die Behauptung betrifft, die dem Satze sich anschließt: "Gott zeugt mich als seinen Sohn" "ohne allen Unterschied" - so hat dies auf den ersten Blick eine üble Färbung. Aber es ist doch wahr, weil Gott Vater in mir seinen Sohn zeugt und durch diesen nämlichen Sohn und in ihm mich selbst als seinen Sohn in ihm zeugt; und der Sohn, der in mir gezeugt ist, ist der Sohn ohne allen Unterschied der Natur dem Vater gegenüber; einer, ungeschieden, ohne jede Unterscheidung, nicht einer in mir und ein anderer in einem anderen Menschen; desgleichen ungeschieden, nicht getrennt oder gesondert von mir, als wäre er gleichsam gar nicht in mir; ist er doch als Gott in allem und überall. Dies halte ich für wahren und gesunden Christenglauben, und das heißt Gott in seinem einzigen Sohne die Ehre geben, durch den uns der Vater wiedergeboren und in seiner unaussprechlichen Liebe zu Kindern angenommen hat. Mit dem Gesagten stimmt auch überein, was der hl. Thomas [in] (I 2 q. 108 a. 1.) lehrt.
Was aber an letzter Stelle im gleichen Satze folgt: "Wir werden umgestaltet und verwandelt in Gott", ist ein Irrtum. Denn der heilige oder gute Mensch, wer immer er auch sei, und wie innig er auch mit Gott verbunden sein mag, wird doch nicht selbst Gott und nicht selbst Christus oder Erstgeborener, noch auch werden durch ihn die anderen gerettet, noch ist er das Ebenbild Gottes als sein eingeborener Sohn, sondern er ist nach seinem Bilde, ein Glied dessen, der in Wahrheit und vollkommen der Sohn, der Erstgeborene und der Erbe ist, während wir die Miterben sind, wie gesagt. Und das will das Bild sagen, von dem die Rede ist: Wie nämlich viele Brote auf verschiedenen Altären verwandelt werden in ihn selbst, den wahren, einzigen Leib Christi, der von der Jungfrau Maria empfangen und geboren wurde und unter Pilatus gelitten hat, wobei jedoch die sinnenfälligen Zeichen der einzelnen Stücke erhalten bleiben, so wird auch unser Geist durch die Kindschaftsgnade und werden wir überhaupt dem wahren Sohn Gottes geeint als Glieder des einen Hauptes der Kirche, das Christus ist.
Zum zweiten, wenn es heißt: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden" (daß er der eingeborene Sohn sei ... er möchte auch Vater sein) etc., so ist das dem Wortlaut nach Irrtum, wenn es nicht, wie bei Augustinus (De Trinitate I. 9 c. 12) besagen will, daß vom Erkannten einerseits und vom Erkennenden anderseits sozusagen ein Sproß entsteht, der Erkennendem und Erkanntem gemeinsam zugehört. So trifft es auch zu zwischen Schauendem und Geschautem und scheint der Fall zu sein zwischen Sinnesobjekt und Sinn im Zustand der Tätigkeit, wie der Philosoph sagt. Und das Bild in uns ist vollkommener, wenn die Seele Gott erkennt, denkt und liebt, als wenn sie sich selbst denkt und liebt, wie Augustinus und die Lehrer sagen. Das zu berücksichtigen und dem Volk zu lehren, ist gar nützlich und leitet zum sittlichen Leben und guten Wandel an, sofern es den Menschen antreibt, häufig und gern an Gott zu denken und ihn mehr als sich selbst oder sonst etwas Geschaffenes zu lieben.
Zum dritten, wenn es heißt: "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde der Gottheit versenkt" etc., so ist zu sagen, daß es wahr ist und auf dasselbe hinausläuft, was Plotin über die vier Stufen der Tugenden lehrt, nämlich die bürgerliche, reinigende, die des geläuterten Gemütes und die vorbildliche worüber auch Thomas (I 2 q. 61) im letzten Abschnitt handelt. Und das ist gar nützlich zur Empfehlung der wahren Tugend der Liebe, deren Wurzel und letzter Grund der hl. Geist ist. Somit soll, wie 'die Wasser zurückkehren' 'zur Quelle, von der sie entsprungen sind', der Mensch um den Besitz der Liebe besorgt sein. Denn die Wurzel aller Liebe ist Gott, und er ist selbst 'die Liebe'. 'Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm' Zum vierten, wenn es heißt: "Der demütige Mensch ist Gottes so mächtig" wie Gott seiner selbst etc., so ist dies dem Wortlaut nach Irrtum. Aber das ist wahr, daß Gott dem Demütigen seine Gnade gibt, wie Jakobus und Petrus bezeugen. Soviel aber ein Mensch an Gnade besitzt und soweit er Gottes Sohn ist, soviel vermag er über Gott und dessen Werke, weil er ja nichts anderes will und nicht auf andere Weise, als was Gott will und tut.
Zum fünften, wenn es heißt: "Es ist eine Kraft in der Seele, die hat ein Wirken mit Gott", so ist dies Irrtum dem Wortlaut nach, wenn es nicht so ausgelegt wird, wie bereits zum vierten und oben zum zweiten Satz bemerkt wurde Zum sechsten, wenn es heißt: "Es ist eine Kraft in der Seele, wäre die Seele so, sie wäre ungeschaffen und unschaffbar", so ist dies falsch und Irrtum. Denn wie ein anderer Satz besagt, sind auch die obersten Kräfte der Seele 'in ihr und mit ihr geschaffen'. Ich habe auch solches gar nicht behauptet, sondern was ich ausgeführt habe - um Gottes Güte und Liebe den Menschen gegenüber zu preisen - ist dies: daß 'Gott den Menschen aus Erde schuf nach seinem Bilde' und 'ihn nach seinem Vorbild mit Kraft begabt hat' Eccli. 17, auf daß er Geist sei, wie auch Gott selbst Geist ist - Gott reiner Geist, ungeschaffen, 'ohne jegliche Vermischung mit etwas anderem'. Seinen eingeborenen Sohn zwar, den er zeugt und der sein Ebenbild ist, den hat er derart nach sich selbst ausgestattet, daß er wie der Vater ungeschaffen und unendlich ist; den Menschen aber, der ja geschaffen ist, hat er nach seinem Bilde gemacht, nicht als sein Bild; und hat ihn ausgestattet nicht 'mit' sich selbst, sondern 'nach sich' selbst.
Wenn aber im gleichen Satze gesagt wird: "Dem Intellekt ist ebenso gegenwärtig, was jenseits des Meeres ist, wie dieser Ort, an welchem ich stehe", so ist dies wahr. Denn der Intellekt sieht ab von Hier und Jetzt. Es wird ja selbst schon das Vorstellungsbild in der Seele nicht schneller und leichter erzeugt, wenn das Objekt gegenwärtig, als wenn es abwesend und beliebig entfernt ist.
Zum siebten, wenn es heißt: "Die menschliche Natur ist allen Menschen gleich eigen und gemeinsam", so ist dies wahr, und es zu leugnen bedeutet grobe Unwissenheit. Ist es doch wahr, daß Gott durch die Annahme der menschlichen Natur dieser selbst und allen, die an ihr teilhaben, dasselbe mitteilt wie Christus, nach jener Stelle im 8. Kap. des Römerbriefes: 'Alles hat er uns mit ihm gegeben', und Weish. 7: 'Alle Güter sind mir gekommen gleich mit ihm' - wobei gleich sowohl gleichzeitig als gleicherweise bedeuten oder auch im Sinne gleicher Wirkung gebraucht sein kann. Sofern z. B. das Feuer seine Form im Holze hervorbringt, teilt es ihm alles mit, was der Form des Feuers eigen ist.'Gott nämlich spricht einmal, aber zwei', d. i. mehreres, wird vernommen, heißt es beim Psalmisten. 'Allen redet er' alles, nach Augustinus, 'aber nicht alle hören' in gleicher Weise, sondern ein jeder nach seinem besonderen Vermögen, entsprechend der Stelle bei Matth. 25: 'Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eines'. Somit folgt daraus nicht, wie diese Unwissenden meinen, daß ich oder ein beliebiger Mensch alle Gnade und alles, was der Gnade eigen ist, besäßen, was Christo zukommt Doch ist es dienlich, die obige Wahrheit recht zu beherzigen: zur Förderung der Andacht und damit wir Gott dankbar seien, da er 'die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab' und Fleisch annahm in Christo um meinetwillen, d. i. des Menschen willen. Denn nach der Ansicht vieler Lehrer hat Gott seinen Sohn einzig zur Rettung des Menschen ins Fleisch gesandt. Auch werden wir dadurch, daß er die menschliche Natur annahm, belehrt, in Demut und der Vernunft gemäß Gott zu dienen. Denn der Mensch ist von Erde, was den Leib angeht, aber ein Vernunftwesen der Seele nach.
Zum achten zu dem Satz, der von dem Bild in der Seele handelt - daß nämlich "das Bild der Dreifaltigkeit in der Seele gleichsam deren einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand" etc. - ist zu bemerken, daß die Stelle dunkel ist und nur aus den im Kontext angeführten Beispielen einiges Licht erhält. Ich sehe deshalb keine Gefahr darin.
Wenn es am Ende heißt: "Ich selbst bin dieses Bild", so ist dies irrig und falsch. Denn es ist durchaus nichts Geschaffenes in diesem Bild, sondern nach dem Bilde sind Engel und Menschen geschaffen. Das Bild aber im eigentlichen Sinn und der Abglanz ist weder geschaffen noch auch ein Werk der Natur.




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Zum neunten, wenn es heißt: Der Mensch könne dazu gelangen, daß "der äußere Mensch gehorsam ist dem inneren Menschen bis zu seinem Tod" etc., so ist dies offenkundig als wahr erwiesen durch die Heiligen und Märtyrer, nach dem Worte: 'Um die Gerechtigkeit kämpfe für deine Seele, ja bis zum Tode kämpfe für die Gerechtigkeit', und bei Joh.: 'Wer seine Seele haßt um meinetwillen' der wird sie erhalten zum ewigen Leben.
Zum zehnten, wenn es heißt: "Ich dachte neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte" etc., so habe ich ein solches Wort vor langer Zeit einmal gebraucht, aber es ist schlecht verstanden worden. Ich wollte nämlich nicht etwa behaupten, daß man zu Gott nicht beten solle, sondern ich sagte es, um Gottes Güte zu preisen, die an der Türe steht und klopft, wie es in der Geh. Offenb., 3. Kap., heißt. Auch wollte ich sagen, daß Gott bereiter ist zu geben aus seiner freigebigen Fülle, als der Mensch zu empfangen. Is. 30: 'Gott wartet eurer, daß er sich euer erbarme', und ähnlich.
Zum elften, wenn es heißt: "Der Mensch, der in Gottes Liebe steht" der muß sich selbst tot sein etc., so enthält dieser Satz zweierlei: Das erste, daß der vollkommene Mensch der Welt und den Geschöpfen abgestorben sein muß; desgleichen, daß der vollkommene Mensch seinen Nächsten so sehr lieben solle wie sich selbst. - Das ist beides wahr, in Übereinstimmung mit der Schrift, wo bei Matth. und Luk. 'so sehr wie dich selbst', bei Marcus 'gleichwie dich selbst' steht - ein Wort, das Augustinus sich oft zu eigen macht. Das 'Gleichwie' bedeutet 'ebenso sehr wie' - und das gehört freilich zur Vollkommenheit. Denn die Gnade ist erhabener als die Natur und gehört einer höheren Ordnung an. [6]. Und wer Gott aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit ganzem Gemüte und aus allen seinen Kräften liebt, der hat gewiß außer Gott nichts, was er im Verhältnis zu einem anderen mehr oder weniger liebte. Wer nämlich das eine mehr liebt als das andere, der liebt in den Geschöpfen das Geschöpf und liebt nicht das Eine: Gott in allem und alles in Gott. Im Einen gibt es kein Mehr oder Weniger. Das ist es auch, was der Herr ausdrücklich (bei Matth.) sagt: 'Wer mehr liebt', 'ist meiner nicht wert.' Denn Gott ist der Eine, 'in dem es keine Zahl', also kein Mehr und Weniger gibt.
Was im zwölften Satz über Paulus angeführt wird, ist durchaus wahr: Paulus ließ Gott um Gottes willen, da er zwar sich sehnte, 'aufgelöst und bei Christus zu sein', aber um der Brüder willen, die er in Christo liebte, und um Gottes willen noch länger zu leben verlangte. Um Gottes willen lassen ist Sache der Vollkommenheit - und Paulus ließ fürwahr um Gottes willen, was er von Gott nehmen konnte und was Gott ihm geben konnte: sonst hätte er ja die Gabe Gottes mehr geliebt als Gott selbst. Und das 'propter' um ... willen - wenn ich sage 'Gott um Gottes willen' - bezeichnet das Ziel, die Zweckursache, die stets die höchste und erste aller Ursachen ist.
Zum dreizehnten, wenn es heißt,: "Es ist in der Seele gleichsam eine Burg" etc., so habe ich zu bemerken: Es ist in dieser Predigt viel Dunkles und Zweifelhaftes, was ich niemals gesagt habe. Wahr jedoch ist, wie es dort heißt, daß Gott als Wahrheit erfaßt wird vom Verstand und als Gutheit vom Willen - also von Kräften der Seele unter der Rücksicht des Seins aber teilt er sich dem Wesen der Seele mit. Und es dient dies zur Lehre, daß der Mensch Gott lieben und nach ihm allein ohne alle Verhüllung trachten soll, in keuscher und reiner Liebe nach dem Wort Gottes Gen.15: 'Ich' 'bin dein übergroßer Lohn' .
Zum vierzehnten, wenn es heißt: "Wie mein Leib mit meiner Seele vereinigt ist im Sein" etc., so ist das wahr und ein Wort Christi bei Joh., das uns darüber belehrt, daß wir, wenn aller Liebe zu den Geschöpfen ledig geworden, mit Gott geeint werden, wie nach dem angeführten Beispiel die Speise der Form des Brotes oder Fisches ledig werden muß, um mit dem Speisenden eins zu werden. In diesem Zusammenhang möchte ich bemerken, daß man Beispiele zu gebrauchen pflegt, 'damit der Lernende Verständnis gewinne', wie der Philosoph sagt.
Wenn aber in dem gleichen Satz gesagt wird: "Ähnlich-sein ist übel und täuschend", so ist es dasselbe, was Augustinus (II 1. Soliloquiorum) ausspricht: 'Die Ähnlichkeit der Dinge ist die Mutter der Unwahrheit'. So trügt und täuscht z. B. reines Erz oder Bronze, daß es für Gold gehalten wird, weil es dem Golde ähnlich ist. Und Seneca sagt (Prologo Declamationum): 'Niemals wird der Nachahmer dem Vorbild ebenbürtig. Dies ist in der Natur der Sache gelegen: immer bleibt die Ähnlichkeit hinter der Wahrheit zurück'. Desgleichen Cicero (De natura deorum 1. I): 'Keine Kunst vermag es dem Erfindungsgeist der Natur gleichzutun'.
Zum fünfzehnten, wenn es heißt: "Alle Kreaturen sind ein bloßes Nichts" etc., so ist zu sagen, daß dies eine reine, fromme und nützliche Wahrheit ist, wohl tauglich zur sittlichen Unterweisung, um zur Verachtung der Welt, zur Liebe Gottes und Gottes allein zu führen. Das Gegenteil zu meinen ist ein Irrtum des unerfahrenen Menschen und ohne Zweifel eine gefährliche Häresie, wenn sie blindlings verteidigt wird. Darum heißt es bei Joh. 1: 'Alles durch ihn Gemachte ist , und ohne ihn ist nichts Gewordenes ist das Gewordene ein Nichts'. Dies und nichts anderes will dieser fünfzehnte Satz besagen.
Zum sechzehnten, wenn es heißt: "Wie es auch sei, daß dir ein anderes besser schiene oder besser wäre" etc., so ist zu sagen, daß dies durchaus wahr ist. Wenn der Mensch sich selbst gänzlich verleugnet und sich dem göttlichen Willen völlig gleichförmig macht, indem er einzig das will und liebt, daß in ihm selbst und in allem andern Gottes Ehre und Wille erfüllt werde bei allem, was Gott geben mag oder nicht geben mag - so wird alles und jedes eben deshalb, weil Gott es so und so will, von einem wahren Gottesfreund als das beste aufgenommen und ist dann auch wirklich das beste. Das beste ist: wollen, was Gott will. Denn eben dadurch, daß Gottes Wille etwas will, macht er es gut. Hierher gehört das Wort Matth. 6: 'Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.'
Die Sätze, die dem Trostbuch entnommen wurden:
Folgendes sind die Sätze, die aus dem in deutscher Sprache geschriebenen Büchlein entnommen wurden, das Meister Eckehart an die Königin von Ungarn sandte und das folgendermaßen anheb:Benedictus Deus - 'Gepriesen sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesus Christus':
Erstens. "Der Weise und die Weisheit, wahr und die Wahrheit, gerecht und die Gerechtigkeit, gut und die Güte entsprechen sich gegenseitig und hängen derart miteinander zusammen, daß die Güte weder geschaffen, noch gemacht, noch gezeugt sondern nur zeugend ist, und zwar den Guten zeugt, sofern er gut ist."
Zweitens. "Der Gute, sofern er gut ist, ist ungemacht und ungeschaffen, und doch ist er gezeugt, Kind und Sohn der Güte."
Drittens. "Die Güte zeugt sich und alles, was ihr eigen ist Sein, Erkennen, Lieben und Wirken aus dem Herzen und von dem Innigsten der Güte und aus ihr allein."
Viertens. "Güte und Gut sind nur eine Güte allein durchaus in allem, außer daß jenes zeugt und dieses gezeugt wird. Desungeachtet ist doch Zeugen in der Güte und Gezeugtwerden im Guten ein und dasselbe: ein Sein und Leben. Alles, was des Guten ist, das empfangt er von der Güte, und da ist und lebt und wohnt er, und da erkennt er sich selbst und alles, was er erkennt, und da liebt er, was immer er liebt, und wirkt mit der Güte und in der Güte alle seine Werke, und eben diese Güte mit ihm und in ihm, wie geschrieben steht und der Sohn sagt: 'Der Vater, der in mir bleibt, er tut die Werke', und 'Der Vater wirkt bis zur Stunde, und auch ich wirke', und alles, was des Vaters ist, das ist mein, und alles, was mein ist, das ist des Vaters, nämlich sein durch Geben und mein durch Empfangen."
"Auch soll man wissen, daß, wenn wir etwas 'gut' nennen, der Name oder das Wort Güte nichts anderes, weder mehr noch weniger in sich faßt und beschließt als die bloße und lautere Güte. Doch gibt er es , wenn wir etwas 'gut' nennen und wir sind uns dessen bewußt, daß seine Güte ihm gegeben, eingeflossen und eingeboren ist von der ungezeugten Güte. Darum heißt es im Evangelium: 'Wie der Vater das Leben in sich selbst hat, also hat er dem Sohne gegeben, daß er dasselbe Leben auch in sich selbst habe'. Es heißt 'in sich selbst', nicht 'aus sich selbst', denn der Vater hat es ihm gegeben."
Der Schluß lautet: "Alles, was ich nun gesagt habe vom Guten und von der Güte, das gilt auch ebenso von dem Wahren und von der Wahrheit, von dem Gerechten und von der Gerechtigkeit, von dem Weisen und von der Weisheit, von Gottes Sohn und von Gott dem Vater, von allem, was aus Gott geboren ist und was keinen Vater auf Erden hat, in dem sich auch nichts zeugt, was geschaffen und was nicht Gott selber ist und in dem auch keinerlei Bild ist als Gott, bloß und lauter allein. Denn so spricht auch Johannes in seinem Evangelium:" 'Die nicht aus dem Blute'" etc.
"Unter dem Willen des Mannes meint Johannes die höchsten Kräfte der Seele, der Natur. Die haben nichts mit etwas gemein und sie stehen in Lauterkeit abgeschieden von Zeit und Raum und von allem, was zeitlich und räumlich eine solche Beziehung oder einen Geschmack danach aufweist, die mit nichts etwas gemein haben, durch die der Mensch nach Gott gebildet und durch die er von Gottes Geschlecht und Art ist. Und dennoch, weil sie nicht selber Gott sind, weil sie in der Seele und mit der Seele geschaffen sind, müssen sie ihrer selbst entbildet und in Gott allein überbildet, in Gott und aus Gott geboren werden, auf daß Gott allein Vater sei; denn also sind sie auch Söhne und Gottes eingeborener Sohn. Denn alles dessen bin ich Sohn, das mich nach sich und in sich gestaltet und zeugt."

An dieser Stelle ein Einschub. Gegenüberstellung von fünf Texten:
1. Eckhart im edierten 'Original':
"Ein sôgetân mensche, gotes sun, guot der güete sun, gereht sun der gerehticheit, alsô verre er aleine ir sun ist, sô ist si ungeborn-gebernde, und ir geborn sun hât daz selbe eine wesen, daz diu gerehticheit hât und ist, und tritet in alle die eigenschaft der gerehticheit und der wârheit." (Acta Echardiana, Processus .. S. 202)

2. Die Übersetzung der Ersteller der ersten Liste (1326):
"Talis homo, filius dei, bonus et bonitatis filius, iustus et iustitiae filius, pro quanto ipse est ipsius solius filius, ipsa ingenita generans et genitus filius habet hoc ipsum unum esse quod iustitia ipsa et est et intrat in omnem propietatem iustitiae."

3. Die Übersetzung von Karrer (1927):
"Ein solcher Mensch ist dann Gottes Sohn, gut und der Güte Sohn, gerecht und Sohn der Gerechtigkeit. Sofern er nur Sohn von ihr allein ist, hat sie, nämlich die ungezeugt-zeugende (Güte, Wahrheit, Gerechtigkeit usf.) und er, der gezeugte Sohn, dasselbe eine Sein, das die Gerechtigkeit hat und ist, und er tritt in alle Eigenschaft der Gerechtigkeit [und Wahrheit]."

4. Die Übersetzung von Quint (1963):
"(Soweit) ein solcher Mensch, Gottes Sohn, gut als Sohn der Gutheit, gerecht als Sohn der Gerechtigkeit einzig ihr (d.h. der Gerechtigkeit) Sohn ist, ist sie ungeboren-gebärend, und ihr eingeborener Sohn hat dasselbe eine Sein, das die Gerechtigkeit hat und ist, und er tritt in den Besitz alles dessen, was der Gerechtigkeit und der Wahrheit eigen ist."

Fünftens: "Der Mensch soll beflissen sein, daß er sich entbilde und entblöße seiner selbst und aller Kreatur und keinen Vater kenne denn Gott allein. Dann kann ihn nichts verdrießen noch betrüben, weder Gott noch Kreatur, weder Geschaffenes noch Ungeschaffenes, und all sein Sein, Leben, Erkennen, ist aus Gott und in Gott und Gott."
Sechstens. "Mein Herz und meine Liebe gibt dem Geschöpf die Güte, was Gottes Eigenschaft ist."
Siebtens. "Ein solcher Mensch ist so eins und einwillig mit Gott, daß er alles das will, was Gott will, und in der Weise, wie Gott es will. Und darum, da Gott doch irgendwie will, daß ich auch Sünde getan habe, so wollte ich nicht, daß ich sie nicht getan hätte. Denn so geschieht Gottes Wille 'auf Erden', d. i. in Missetat, 'wie im Himmel', das ist im Rechttun, und so will der Mensch Gott um Gottes willen entbehren und um Gottes willen von Gott geschieden sein; und das ist allein rechte Reue meiner Sünde; so ist mir Sünde leid ohne Leid, und so hat auch Gott Leid um alle Bosheit ohne Leid. Leid und mein meistes Leid habe ich um Sünde, da ich nicht Sünde täte um alles, was geschaffen ist, doch ohne Leid."
Achtens. "Der gute Mensch, sofern er gut ist, tritt in alle Eigenschaft der Güte selbst, die Gott in sich selber ist."
Neuntens. "Vielleicht nimmt man Gott eigentlich mehr durch Entbehren als durch Empfangen. Denn wenn der Mensch empfängt, so hat die Gabe etwas in sich selbst, weshalb der Mensch froh und getröstet ist. So man aber nicht empfängt, so hat man nichts, und so hofft und weiß man nichts, des man sich freue als Gott und Gottes Willen allein."
Zehntens. "Unser Herr bat seinen Vater, daß wir eins seien, durch Einheit eins und nicht allein vereint. Dieser Rede und dieser Wahrheit haben wir ein offenkundiges Beispiel und Erweis in der Natur äußerlich sichtbar: Wenn das Feuer wirkt und angezündet ist und das Holz ergreift, so macht das Feuer das Holz fein und sich selbst unähnlich: es benimmt ihm Grobheit, Kälte, Schwere und Feuchtigkeit des Wassers und macht das Holz sich selbst, nämlich dem Feuer, ähnlich, mehr und mehr. Doch ruhen beide nicht und begnügen sich nicht und geben sich nicht zufrieden, weder Feuer noch Holz, mit keiner Wärme und Ähnlichkeit, bis daß das Feuer sich selbst im Holze erzeugt und ihm seine eigene Natur gibt und auch sein eigenes Sein, so daß das Ganze ein gleiches Feuer ist, ungeschieden, weder mehr noch weniger."
Und kurz danach folgt: "Und ich sage euch in der Wahrheit, daß die verborgene Kraft der Natur heimlich die Ähnlichkeit haßt, sofern sie Unterschied und Zweiung bedingt"
Und gleich darauf: "Und darum habe ich gesprochen, daß die Seele die Ähnlichkeit als solche haßt, aber sie liebt sie wegen des Einen, das in ihr verborgen ist und das ein wahrer Vater ist, ein Beginn ohne allen Beginn aller Dinge im Himmel und auf Erden"
Und hierfür wird das Wort des Evangeliums angeführt: Herr zeige uns den Vater, so genügt es uns! "Philippus, wer mich sieht" der sieht den Vater etc.
Elftens. "Kein Zweifel, daß auch die natürliche menschliche Tugend so edel und kräftig ist, daß ihr kein äußeres Werk zu schwer ist, noch groß genug, daß sie sich darin wie in einem Bilde darstellen könnte. Und darum ist ein anderes, mehr inneres Werk, das weder Zeit noch Ort umschließen oder fassen kann; und in diesem Werk ist etwas, was göttlich und Gott ähnlich ist, den auch weder Zeit noch Ort in sich begreift; denn er ist allenthalben und alle Zeit gleich gegenwärtig. Und auch darin gleicht es Gott, daß ihn keine Kreatur vollkommen empfangen könnte, noch Gottes Güte in sich bilden; und darum muß etwas Innigeres und Höheres sein, ungeschaffen ohne Maß und Weise, daß sich der himmlische Vater ganz darin einbilden und ergießen und darstellen könne: das ist der Sohn und der heilige Geist. Auch kann niemand das innere Werk der Tugend hindern, so wenig als man Gott hindern kann. Dies Werk scheint und leuchtet Tag und Nacht; dies Werk singt Gottes Lob und singt einen neuen Gesang." Im Folgenden wird gesagt: "Dies Werk ist Gott lieben".
Zwölftens. "Der gute Mensch will und wollte allezeit leiden um Gottes willen, und nicht nur gelitten haben. Leidend hat er, was er liebt: er liebt Leiden um Gottes willen, und er leidet um Gottes willen; und darum ist er Gottes Sohn, nach Gott und in Gott transformiert. Er liebt um seiner selbst willen, das heißt, er liebt um der Liebe und wirkt um des Wirkens willen. Und darum liebet Gott und wirkt ohne Unterlaß. Und für Gott wirken ist seine Natur, sein Wesen, sein Leben, sein Heil oder seine Seligkeit. Also wahrlich ist es dem Sohne Gottes, einem guten Menschen, soviel oder soweit er Gottes Sohn ist, sein Wesen, sein Leben, sein Heil oder seine Seligkeit, um Gottes willen zu leiden, um Gottes willen zu wirken. Denn, wie unser Herr spricht: 'Selig sind, die da leiden um der Gerechtigkeit willen'" etc
Dreizehntens. "Ein guter Mensch, sofern er gut ist, hat Gottes Eigenschaft nicht allein, sofern er alles, was er liebt und wirkt, um Gottes willen liebt und wirkt, den er liebt und für den er wirkt, sondern er liebt und wirkt auch um seiner selbst willen, der da liebt. Denn was er liebt, das ist Gott Vater ungeboren, und der da liebt, ist Gott Sohn, geboren. Nun ist der Vater in dem Sohne und der Sohn in dem Vater. Vater und Sohn sind eins."
Vierzehntens. Keine redliche Seele ist ohne Gott; der Same Gottes ist in uns. Hätte sie einen guten und weisen und fleißigen Werkmann, so nähme sie desto besser zu und wüchse auf in Ähnlichkeit Gottes, des Same sie auch ist, und würde die Frucht ähnlich: eine Natur Gottes. Birnbaumes Same wachset zu Birnbaum, Nußbaums Same zu Nußbaum, Same Gottes zu Gott"
Fünfzehntens. "Aller Unterschied ist Gott fremd." Unterschied ist weder in der Natur Gottes noch in den Personen" . Beweis: "Die göttliche Natur ist eine und diese ist eins, und jede Person ist eine und ist dasselbe eine, was die Natur ist, eine jede göttliche Person und alle drei Personen zusammen sind dasselbe eine"

Die Sätze, die einer Erwiederung auf die Sätze, die dem "Trostbuch" entstammen, entnommen wurden:
Dies sind die Sätze, die einer Erwiderung Meister Eckeharts auf die Sätze entnommen sind, die man in seinem Buch beanstandet hatte, das anhebt: (Benedictus Deus) 'Gepriesen sei Gott und der Vater', ein Buch, das er selbst geschrieben hat.

Erster Satz. Wer aus Einfalt glaubte, sagte oder schriebe, es gebe etwas Ungeschaffenes in der Seele als deren Teil, der wäre darum noch kein Häretiker und würde auch nicht verdammt. Und er fügt an, der Sentenzenmeister sei in dem Glauben befangen gestorben - nachdem er ihn mündlich und schriftlich vertreten habe - daß es nicht eine geschaffene Zuständlichkeit der Liebe in der Seele gebe, sondern daß diese vom ungeschaffenen heiligen Geiste allein bewegt werde.
Zweitens. Materie und Akcidens verleihen dem Zusammengesetzten kein Sein, sondern das ganze Zusammengesetzte erhält sein Sein allein von der Wesensform.
Drittens. Der Gute, sofern er gut ist, empfängt sein ganzes Sein von der ungeschaffenen Güte. Und dieses 'sofern er gut ist' bezeichnet einzig die Güte, die Gott selbst ist, sowie das Weiße die bloße Weiße
Der vierte das wahrste und beste Gebet das ist, wodurch der Gute die Güte, der Gerechte die Gerechtigkeit, der Wahre die Wahrheit verehrt. 'Die wahren Anbeter beten den Vater im Geiste und in der Wahrheit an.' Denn 'Gott ist Geist' und ist 'die Wahrheit'. Hinsichtlich der äußeren Kniebeugung, Verneigung des Kopfes und ähnlicher Übungen, die äußerlich seien und auf die Einbildungskraft des ungebildeten Volkes Eindruck machten, wird die Bemerkung eingestreut: 'Ihr betet an, was ihr nicht kennt'.
Fünftens. Aequivoca werden auf Grund der verschiedenen Dinge unterschieden; Univoca auf Grund der verschiedenen Eigenschaften der Dinge; Analoga werden weder durch das eine noch durch das andere unterschieden, sondern nur nach den verschiedenen Weisen der numerisch selben Sache. Als Beispiel dafür führt er an: Es ist eine und dieselbe animalische Gesundheit, von der aus etwa der Urin, die Lebensweise usf. analogerweise als gesund bezeichnet werden. In Urin selbst ist nicht mehr Gesundheit als in einem Stein; er heißt gesund deshalb, weil er durch irgend eine seiner Eigenschaften ein Zeichen jener Gesundheit enthält, in dem Lebewesen ist. Und danach fährt er fort: ganz ebenso stehe im vorliegenden Fall auch das Gute und das Sein in Gott einerseits und im Geschöpf anderseits im Verhältnis der Analogie zu einander, denn durch eine und dieselbe Güte, die in Gott ist und die Gott selbst ist; durch die sind alle Guten gut.
Der sechste die elementaren Eigenschaften ihr Sein univoce d. i. eindeutigvom Subjekt, durch das Subjekt und in dem Subjekt erhalten. Beim Analogieverhältnis hingegen, also im Fall der Gerechtigkeit, Wahrheit usf., ist es nicht so, sondern umgekehrt: Denn sie empfangen ihr Sein nicht vom Subjekt, sondern vielmehr das Subjekt empfängt von ihnen, durch sie und in ihnen das Gerechtsein, Wahrsein, Gutsein und alles derartige, das früher ist als seine Träger und noch bleibt, wenn diese schon zugrunde gegangen sind, wie Augustinus De Trinitate 1. VIII c. 3 schön ausführt.

Die Sätze, die der Auslegung des Buches Genesis entnommen wurden:
Folgendes sind die Sätze aus einem Buche Meister Eckeharts, und zwar jener Schrift entnommen, die er über die Genesis verfaßt hat.

Erstens. "Hieraus geht deutlich hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen ist. Denn das, was in diesem dritten Kapitel gesagt wird, erklären die Heiligen und Lehrer durchwegs bildlich. Wenn man demgemäß auslegt, was hier über die Schlange gesagt wird, so kann man unter der Schlange die sinnlichen Vermögen, unter dem Weibe das niedere und unter dem Manne das höhere Vernunftprinzip verstehen. Unter dieser Voraussetzung scheint man, unbeschadet der sonstigen Auslegungen der Heiligen und Lehrer, möglicherweise vielleicht ebensowohl historisch wie bildlich sagen zu können, daß der übertragene Sinn von Schlange, Weib und Mann sich mit dem geschichtlichen oder buchstäblichen decke, wie es auch im Buch der Richter im 9. Kap. heißt: 'Es hielten die Bäume Versammlung und salbten einen König über sich und sprachen zum Ölbaum: Herrsche du über uns'. So ist nämlich auch, wenn wir sagen: 'Es lacht die Flur' oder 'Das Wasser läuft' der buchstäbliche Sinn der, daß die Wiese blüht und das Blühen ihr Lachen ist und ihr Lachen das Blühen. Wenn man auf solche Weise erklärt, was hier von Schlange, Weib und Mann gesagt wird, so werden viele Zweifel wegfallen, die man geltend zu machen pflegt, z. B. wie die Schlange und das Weib zusammen reden konnten."
Zweitens. "Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit einerseits und die willfahrende anderseits. Desgleichen: Was mitwirkt, kann keine andere Gerechtigkeit sein als eben die gezeugte. Sowie daher niemand gerecht sein kann ohne Gerechtigkeit, so kann auch niemand als Gerechter gezeugt sein ohne gezeugte Gerechtigkeit."
Drittens. "Das Sein ist auch die Aktualität aller Wesensformen. Daher sagt Avicenna in seiner Metaphysik VIII c. 6: 'Was jedes Ding ersehnt, ist Sein und Vollkommenheit'."
Viertens. "Das Sein selbst empfängt sein Dasein nicht in einem andern oder von einem andern oder durch ein anderes, auch kommt es nicht zu etwas hinzu oder gesellt sich einem nachträglich bei, sondern es geht allem vorher und ist früher als alles andere; es ist also das Sein aller Dinge unmittelbar von der ersten und allgemeinen Ursache aller Dinge. Von diesem Sein und durch dieses Sein und in ihm ist alles, es selbst aber ist nicht von einem andern. Denn was von dem Sein verschieden ist, das ist überhaupt nicht oder ist nichts. Denn das Sein selbst verhält sich zu allem wie Wirklichkeit und Vollkommenheit; das Sein, sage ich, sofern es schlechthin Sein ist. Und weiter: 'Das Sein ist dasjenige, was wahrhaft ersehnt wird'. Darum gehört auch ein jedes Ding, so beweglich und veränderlich es auch sei, in das Bereich des Metaphysikers, sofern es nämlich ein Seiendes ist. Sogar die Materie, also die Wurzel der veränderlichen Dinge als solcher, und weiterhin das Sein aller Dinge hat - unter der Rücksicht des Seins sein Maß an der Ewigkeit, nicht an der Zeit."
Fünftens. "Das Sein ist Gott. Dieser Satz leuchtet ein. Denn erstens, wenn das Sein etwas von Gott Verschiedenes wäre, so könnte man von Gott weder sagen, daß er ist, noch daß er Gott ist. Denn wie könnte er sein oder etwas sein, wenn das Sein ihm gegenüber etwas anderes, Fremdes, Unterschiedenes ist? Oder wenn Gott ist, ohne das Sein zu sein, so gehört er jedenfalls anderswohin, da das Sein etwas anderes ist als er. Also ist Gott und das Sein dasselbe - oder aber Gott hat das Sein von einem andern und ist somit nicht, wie vorausgesetzt, selbst das erste, sondern etwas anderes als er ist früher als er und ist ihm Ursache seines Seins.
Ferner, alles, was ist, hat durch das Sein und von dem Sein Dasein oder Existenz. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, so haben die Dinge ihr Dasein anderswoher als von Gott.
Und weiter, vor dem Sein ist nichts. Somit ist dasjenige, was das Sein mitteilt, der Schaffende, ist Schöpfer. Denn Schaffen heißt das Sein aus dem Nichts verleihen. Nun steht aber fest, daß alles sein Sein von dem Sein selbst hat, so wie etwas beliebiges nur weiß ist vermöge der Weiße an sich. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, dann wäre der Schöpfer etwas anderes als Gott.
Und wiederum, alles, was Sein hat, ist - wie auch immer seine anderen Bestimmungen sein mögen -, so wie alles, was Weiße hat, weiß ist. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott, so könnten die Dinge ohne Gott sein, und dann wäre Gott nicht die erste Ursache, wäre den Dingen nicht Ursache, daß sie sind.
Weiter, außer dem Sein und vor dem Sein ist nur das Nichts. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott und Gott fremd, so wäre Gott nichts oder er wäre seinerseits von einem anderen aus sich Seienden, und zwar einem früheren aus sich Seienden, und dies wäre dann eigentlich Gott für Gott selbst und wäre der Gott aller Dinge. Darauf spielt das Wort des Buches Exodus, 3. Kap., an: 'Ich bin, der ich bin'."
Sechstens. "Von Gott allein haben alle Dinge Sein, Eins-sein, Wahrsein, Gut-sein. Das geht aus dem bereits Gesagten hervor. Denn wie könnte wohl etwas sein, wenn nicht von dem Sein und durch das Sein? Oder wie könnte etwas eins sein, wenn nicht von dem Einen und durch das Eine oder durch die Einheit? Oder wie könnte etwas wahr sein, wenn nicht durch die Wahrheit, oder gut, wenn nicht durch die Güte?"
Siebtens. "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar von Gott selbst sein ganzes Sein, seine ganze Einheit, Wahrheit, Güte. Die Erklärung dafür lautet folgendermaßen: Unmöglich kann dem Sein selbst irgend ein Sein oder irgend eine Weise oder Besonderheit des Seins abgehen oder mangeln. Denn eben dadurch, daß es mangelte oder abginge, ist es nicht und ist ein Nichts. Gott aber ist das Sein."
Achtens. "Der Anfang, 'in dem Gott Himmel und Erde schuf', ist das erste, einfache Jetzt der Ewigkeit: jenes ganz und gar selbe Jetzt, sage ich, in dem Gott von Ewigkeit her ist und in dem auch ewig war und ist und sein wird der Ausgang der göttlichen Personen. Moses will also sagen, daß Gott Himmel und Erde in jenem absoluten ersten Anfang geschaffen habe, in dem Gott selbst ohne jede Zwischenzeit und Unterbrechung ist. Als ich daher eines Tages gefragt wurde, warum Gott die Welt nicht Früher geschaffen habe, antwortete ich: weil er nicht konnte, darum, weil es kein Früher gab noch ein Früher gewesen war, ehe die Welt war.
Sodann, wie konnte er Früher geschaffen haben, da er alsbald in jenem Jetzt die Welt erschuf, in dem er Gott war? Man darf sich doch nicht fälschlich vorstellen, als wäre Gott gleichsam dagestanden, ein künftiges, zeitlich gemessenes Jetzt erwartend, um darin die Welt zu erschaffen. Denn zugleich und in einem damit, daß er Gott war und seinen ewigen, durchaus wesensgleichen Sohn zeugte, da schuf er auch die Welt. Iob: 'Einmal spricht Gott'. Er spricht, indem er den Sohn zeugt, denn der Sohn ist das Wort. Er spricht aber auch, indem er die Kreatur erschafft. Der Psalmist sagt: 'Er hat gesprochen, und es ist geworden; er hat befohlen, und es ist geschaffen'. Daher heißt es in einem anderen Psalm: 'Einmal hat Gott gesprochen - diese zwei habe ich vernommen' - : 'zwei', sage ich, nämlich Himmel und Erde, oder besser gesagt: 'diese zwei', nämlich den Ausgang der Personen und die Erschaffung der Welt - was beides indessen er in einem Mal spricht, 'einmal gesprochen hat'."
Neuntens. "Das letzte im Seienden ist auch das erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich des Seins wie das Höchste im Seienden, gemäß dem Worte: 'Wenn ich zum Himmel aufgefahren sein werde' etc."
Zehntens. "Gott ist auf alle Weise und in jeder Hinsicht einer, so daß in ihm keinerlei Vielheit zu finden ist, weder im Verstand noch außerhalb, wie Rabbi Moses (Dux dubitantium) 1. I c. 50 sagt. Wer nämlich (zwei oder) Unterschied sieht, sieht sicher nicht Gott. Denn Gott ist einer, jenseits aller Zahl und über alle Zahl erhaben und schickt sich nicht in irgend eine Zahl mit etwas anderem.
Zur Begründung dieses Ausspruchs führt er nachher an: 'Das Sein bildet keine Zahl mit dem Ding, noch überhaupt eine Form mit dem Geformten. Alles Sein aber und alle Form ist von Gott, dem ersten Sein und der ersten Form'. Es kann also in ihm keine Scheidung sein oder gedacht werden."
Elftens. "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem andern ist."
Zwölftens. "Wiederum aus der Genesiserklärung: "Das äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich, und nicht dies ist es eigentlich, was Gott wirkt oder zeugt. Denn was der Vater wirkt, das wirkt er bis zur Stunde ohne Unterlaß."

Die Sätze, die den Predigten entnommen wurden:
Die folgenden Sätze sind aus Predigten ausgezogen, die Meister Eckehart zugeschrieben werden:

Der erste Satz ist: "Der Vater zeugt in mir seinen Sohn, und da bin ich derselbe Sohn und nicht ein anderer." Da wir Söhne sind, sind wir noch nicht Erben.
Text im edierten Original:
Dâ der vater sînen sun in mir gebirt, dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander: wir sîn wol ein ander an menscheit, aber dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander. Dâ wir süne sin, dâ sîn wir rehte erben.
Zum selben Punkt anderwärts: "Gott wirkt alle seine Werke darum, daß wir sein eingeborener Sohn seien."
Es folgt: "Dieser Mensch steht in Gottes Erkennen und Lieben und wird kein anderes, denn was Gott selber ist."
Desgleichen: "Der Vater zeugt mich als seinen Sohn und denselben Sohn ohne allen Unterschied."
Es folgt: "Wir werden gänzlich umgestaltet und verwandelt in Gott in gleicher Weise, wie in dem Sakrament Brot verwandelt wird in den Leib Christi. Wieviel der Brote auch seien, so wird doch nur ein Leib." "Denn was in das andere verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Ebenso werde ich in sein Wesen verwandelt als eines, nicht als das gleiche Sein.
Zweitens. An anderer Stelle: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden, daß er der eingeborene Sohn sei, den der Vater ewig zeugt; er möchte auch Vater sein und nach dem Bilde der ewigen Vaterschaft ihn zeugen, von dem ich ewig gezeugt bin."
Drittens. "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde der Gottheit versenkt und gepflanzt, wo sie ihr Sein und ihr Wesen hat - nur da und sonst nirgends."
Viertens. "Der demütige Mensch ist Gottes so mächtig wie Gott seiner selbst, und was immer in allen Engeln und Heiligen sich finden mag, das ist dem demütigen Menschen zu eigen. Was immer Gott wirkt, das wirkt er, und was immer Gott ist, das ist er, ein Leben und ein Sein."
Fünftens: Auch,daß eine Kraft in der Seele ist, die ein Wirken mit Gott hat. Sie schafft und tut alles mit Gott und hat mit nichts etwas gemein und zeugt mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn.
Sechstens. "Eine Kraft ist in der Seele, wäre die Seele also, so wäre sie ungeschaffen und unschaffbar. Nun aber ist es nicht so; denn in dem andern Teile hat sie eine Abhängigkeit zur Zeit, da berührt sie die Geschaffenheit und ist geschaffen. Aber dieser Kraft, das ist dem Intellekt, ist ebenso gegenwärtig, was jenseits des Meeres ist wie dieser Ort, an dem ich stehe."
Desgleichen an anderer Stelle: "In der Seele ist eine Kraft oder Fähigkeit, die nicht geschaffen noch schaffbar ist, und wenn die ganze Seele so wäre, so wäre sie ungeschaffen", und dann wäre die Seele, soweit ihre Natur reichte, auch ungeschaffen. Nun hat es aber mit der Seele diese Bewandtnis, daß die Natur der Seele soweit reicht, als sie geschaffen ist.
Siebtens. Da nun die menschliche Natur allen Menschen gemeinsam und gleich eigen ist, so gab mir der Vater in der menschlichen Natur alles, was er nur je seinem Sohn gab. Hierin ist keine Ausnahme. Was immer es sei, es ist mir zu eigen wie ihm. Noch mehr sage ich: "In allem, was ihm der Vater gab in der menschlichen Natur, darin hatte er in erster Linie mich im Auge und meinte mehr mich als den Menschen Christus und gab mir mehr als ihm. Sicherlich, denn er gab es ihm meinetwegen, da er des nicht bedurfte, wohl aber ich. Deshalb hat der Vater mit allem, was er dem Sohn gab, mich gemeint und teilte mir's mit so gut wie ihm. Hier nehme ich nichts aus: nicht das Eins-sein mit der Gottheit noch die Heiligkeit noch irgend etwas anderes. Was immer er ihm in der menschlichen Natur gab, ist mir nicht fremder als ihm."
Als Grund dafür wird angegeben, daß "der Sohn nicht menschliche Person, sondern Natur annahm". Da also die menschliche Natur gemeinsam ist etc., wie oben.
Der achte Satz handelt von dem Bilde in der Seele, daß nämlich das "Bild" der Dreifaltigkeit in der Seele "gleichsam deren einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand." Und dies Bild der Seele ist nicht sich selbst eigen, "sondern zumeist dem, von dem es sein Sein und seine Natur empfangen hat", nicht ein anderes Sein, sondern dasselbe.
Das wird an der Stelle in drei Beispielen erklärt: Vom Bild in dem Spiegel, vom Bild der Mauer im Auge und vom Ast, der aus dem Baume hervorkommt. Demgemäß wird über das Bild in der Seele beigefügt, daß es gleichsam ein einiger Ausdruck ihrer selbst ist "und was hervorgeht, ist dasselbe wie das, was innen bleibt, und was innen bleibt, ist dasselbe wie das, was ausgeht. Dies Bild ist der Sohn [sapientia - die Weisheit]" des Vaters und ich bin dies Bild.
Neuntens. Der Mensch könne dazu gelangen, daß "der äußere Mensch gehorsam ist dem inneren Menschen bis zu seinem Tod und dann in stetem Frieden im Dienste Gottes ist allezeit."
Zehntens. "Ich dachte neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir gar sehr überlegen."
Elftens. Desgleichen, nach einigen Vorbemerkungen: "Der Mensch, der in Liebe steht, der muß sich selbst tot sein und allen geschaffenen Dingen und seiner selbst so wenig achten wie eines über tausend Meilen. Der Mensch bleibt in der Gleichheit und in der Einigkeit."
Weiter: "Der Mensch soll den Nächsten lieben wie sich selbst", nicht nur, "wie gemeinhin unverständige Leute sagen, daß er ihn lieben soll zu dem Gute", sondern "man soll ihn auf jede Weise und so sehr lieben wie sich selbst."
Hierher gehört auch: "Nun sprechen etliche Leute: Ich habe meinen Freund lieber, von dem mir gut geschieht, denn einen anderen Menschen. Ihnen ist unrecht; es ist unvollkommen, Und es ist natürlich einen Menschen lieber zu haben als einen andern."
Zwölftens. "Paulus spricht: Ich wollte ewiglich geschieden sein von Gott um meines Freundes und um Gottes willen."
Darauf folgt, das Paulus "in ganzer Vollkommenheit stand", als er dies Wort sprach. "Das will ich erklären: Das höchste, was der Mensch lassen kann, das ist, daß er Gott um Gottes willen lasse. Nun ließ Paulus Gott um Gottes willen: er ließ alles das, was er von Gott nehmen konnte und was Gott ihm geben konnte."
Dreizehntens. Es ist in der Seele gleichsam eine "Burg", von der "ich bisweilen gesagt habe, sie sei eine Hütte des Geistes", bisweilen, "es sei ein Fünklein." Es folgt: "Es ist gar ein und einfältig, wie Gott ein und einfältig ist, daß ihm nicht einmal Gott Vater zuschauen kann, sofern er sich nach Weise und Eigenschaft seiner Personen verhält. Und würde Gott es so sehen, es müßte ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine persönlichen Eigenschaften. Aber sofern er einfältig einer ist, ohne alle Weise und Eigenschaft, wo er weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist ist", "in diesem Sinn kann er eingehen in jenes eine, was ich die Burg nenne."
Vierzehntens. Wie "mein Leib und meine Seele in einem Sein vereinigt sind", und wie "die Speise die ich gegessen, ein Sein hat mit meiner Natur", so "werden wir mit Gott eins in einem Sein, nicht nur in einem Wirken."
Ferner: "Es ist etwas in der Seele, das ist so mit Gott verwandt, daß es eins ist und nicht vereint."
Ferner, zum Gleichen: "Ähnlichsein ist übel und täuschend. Wenn ich eins wäre, so wäre ich nicht ähnlich. Nichts ist äußerlich in der Einheit. Einheit gibt mir Eins-sein, nicht Ähnlich-sein."
Fünfzehntens. "Alle Kreaturen sind ein bloßes Nichts. Ich sage nicht, daß sie klein sind oder etwas sind, sie sind ein bloßes Nichts keine Kreatur hat Sein."
Sechzehntens. "Wie es auch sei, daß dir ein anderes besser schiene oder besser wäre - für den guten Menschen, der Gottes Willen sucht, für den ist das beste, was Gott über ihn zuläßt , es sei Hunger oder Durst, es sei Andacht oder Innigkeit, ob du deren hast oder nicht hast: das ist das beste."

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Folgendes sind die Sätze aus einem Buche Meister Eckeharts, und zwar jener Schrift entnommen, die er über die Genesis verfaßt hat.

Erstens. "Hieraus geht deutlich hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen ist. Denn das, was in diesem dritten Kapitel gesagt wird, erklären die Heiligen und Lehrer durchwegs bildlich. Wenn man demgemäß auslegt, was hier über die Schlange gesagt wird, so kann man unter der Schlange die sinnlichen Vermögen, unter dem Weibe das niedere und unter dem Manne das höhere Vernunftprinzip verstehen. Unter dieser Voraussetzung scheint man, unbeschadet der sonstigen Auslegungen der Heiligen und Lehrer, möglicherweise vielleicht ebensowohl historisch wie bildlich sagen zu können, daß der übertragene Sinn von Schlange, Weib und Mann sich mit dem geschichtlichen oder buchstäblichen decke, wie es auch im Buch der Richter im 9. Kap. heißt: 'Es hielten die Bäume Versammlung und salbten einen König über sich und sprachen zum Ölbaum: Herrsche du über uns'. So ist nämlich auch, wenn wir sagen: 'Es lacht die Flur' oder 'Das Wasser läuft' der buchstäbliche Sinn der, daß die Wiese blüht und das Blühen ihr Lachen ist und ihr Lachen das Blühen. Wenn man auf solche Weise erklärt, was hier von Schlange, Weib und Mann gesagt wird, so werden viele Zweifel wegfallen, die man geltend zu machen pflegt, z. B. wie die Schlange und das Weib zusammen reden konnten."
Zweitens. "Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit einerseits und die willfahrende anderseits. Desgleichen: Was mitwirkt, kann keine andere Gerechtigkeit sein als eben die gezeugte. Sowie daher niemand gerecht sein kann ohne Gerechtigkeit, so kann auch niemand als Gerechter gezeugt sein ohne gezeugte Gerechtigkeit."
Drittens. "Das Sein ist auch die Aktualität aller Wesensformen. Daher sagt Avicenna in seiner Metaphysik VIII c. 6: 'Was jedes Ding ersehnt, ist Sein und Vollkommenheit'."
Viertens. "Das Sein selbst empfängt sein Dasein nicht in einem andern oder von einem andern oder durch ein anderes, auch kommt es nicht zu etwas hinzu oder gesellt sich einem nachträglich bei, sondern es geht allem vorher und ist früher als alles andere; es ist also das Sein aller Dinge unmittelbar von der ersten und allgemeinen Ursache aller Dinge. Von diesem Sein und durch dieses Sein und in ihm ist alles, es selbst aber ist nicht von einem andern. Denn was von dem Sein verschieden ist, das ist überhaupt nicht oder ist nichts. Denn das Sein selbst verhält sich zu allem wie Wirklichkeit und Vollkommenheit; das Sein, sage ich, sofern es schlechthin Sein ist. Und weiter: 'Das Sein ist dasjenige, was wahrhaft ersehnt wird'. Darum gehört auch ein jedes Ding, so beweglich und veränderlich es auch sei, in das Bereich des Metaphysikers, sofern es nämlich ein Seiendes ist. Sogar die Materie, also die Wurzel der veränderlichen Dinge als solcher, und weiterhin das Sein aller Dinge hat - unter der Rücksicht des Seins sein Maß an der Ewigkeit, nicht an der Zeit."
Fünftens. "Das Sein ist Gott. Dieser Satz leuchtet ein. Denn erstens, wenn das Sein etwas von Gott Verschiedenes wäre, so könnte man von Gott weder sagen, daß er ist, noch daß er Gott ist. Denn wie könnte er sein oder etwas sein, wenn das Sein ihm gegenüber etwas anderes, Fremdes, Unterschiedenes ist? Oder wenn Gott ist, ohne das Sein zu sein, so gehört er jedenfalls anderswohin, da das Sein etwas anderes ist als er. Also ist Gott und das Sein dasselbe - oder aber Gott hat das Sein von einem andern und ist somit nicht, wie vorausgesetzt, selbst das erste, sondern etwas anderes als er ist früher als er und ist ihm Ursache seines Seins.
Ferner, alles, was ist, hat durch das Sein und von dem Sein Dasein oder Existenz. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, so haben die Dinge ihr Dasein anderswoher als von Gott.
Und weiter, vor dem Sein ist nichts. Somit ist dasjenige, was das Sein mitteilt, der Schaffende, ist Schöpfer. Denn Schaffen heißt das Sein aus dem Nichts verleihen. Nun steht aber fest, daß alles sein Sein von dem Sein selbst hat, so wie etwas beliebiges nur weiß ist vermöge der Weiße an sich. Wenn mithin das Sein etwas anderes ist als Gott, dann wäre der Schöpfer etwas anderes als Gott.
Und wiederum, alles, was Sein hat, ist - wie auch immer seine anderen Bestimmungen sein mögen -, so wie alles, was Weiße hat, weiß ist. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott, so könnten die Dinge ohne Gott sein, und dann wäre Gott nicht die erste Ursache, wäre den Dingen nicht Ursache, daß sie sind.
Weiter, außer dem Sein und vor dem Sein ist nur das Nichts. Wenn somit das Sein etwas anderes ist als Gott und Gott fremd, so wäre Gott nichts oder er wäre seinerseits von einem anderen aus sich Seienden, und zwar einem früheren aus sich Seienden, und dies wäre dann eigentlich Gott für Gott selbst und wäre der Gott aller Dinge. Darauf spielt das Wort des Buches Exodus, 3. Kap., an: 'Ich bin, der ich bin'."
Sechstens. "Von Gott allein haben alle Dinge Sein, Eins-sein, Wahrsein, Gut-sein. Das geht aus dem bereits Gesagten hervor. Denn wie könnte wohl etwas sein, wenn nicht von dem Sein und durch das Sein? Oder wie könnte etwas eins sein, wenn nicht von dem Einen und durch das Eine oder durch die Einheit? Oder wie könnte etwas wahr sein, wenn nicht durch die Wahrheit, oder gut, wenn nicht durch die Güte?"
Siebtens. "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar von Gott selbst sein ganzes Sein, seine ganze Einheit, Wahrheit, Güte. Die Erklärung dafür lautet folgendermaßen: Unmöglich kann dem Sein selbst irgend ein Sein oder irgend eine Weise oder Besonderheit des Seins abgehen oder mangeln. Denn eben dadurch, daß es mangelte oder abginge, ist es nicht und ist ein Nichts. Gott aber ist das Sein."
Achtens. "Der Anfang, 'in dem Gott Himmel und Erde schuf', ist das erste, einfache Jetzt der Ewigkeit: jenes ganz und gar selbe Jetzt, sage ich, in dem Gott von Ewigkeit her ist und in dem auch ewig war und ist und sein wird der Ausgang der göttlichen Personen. Moses will also sagen, daß Gott Himmel und Erde in jenem absoluten ersten Anfang geschaffen habe, in dem Gott selbst ohne jede Zwischenzeit und Unterbrechung ist. Als ich daher eines Tages gefragt wurde, warum Gott die Welt nicht Früher geschaffen habe, antwortete ich: weil er nicht konnte, darum, weil es kein Früher gab noch ein Früher gewesen war, ehe die Welt war.
Sodann, wie konnte er Früher geschaffen haben, da er alsbald in jenem Jetzt die Welt erschuf, in dem er Gott war? Man darf sich doch nicht fälschlich vorstellen, als wäre Gott gleichsam dagestanden, ein künftiges, zeitlich gemessenes Jetzt erwartend, um darin die Welt zu erschaffen. Denn zugleich und in einem damit, daß er Gott war und seinen ewigen, durchaus wesensgleichen Sohn zeugte, da schuf er auch die Welt. Iob: 'Einmal spricht Gott'. Er spricht, indem er den Sohn zeugt, denn der Sohn ist das Wort. Er spricht aber auch, indem er die Kreatur erschafft. Der Psalmist sagt: 'Er hat gesprochen, und es ist geworden; er hat befohlen, und es ist geschaffen'. Daher heißt es in einem anderen Psalm: 'Einmal hat Gott gesprochen - diese zwei habe ich vernommen' - : 'zwei', sage ich, nämlich Himmel und Erde, oder besser gesagt: 'diese zwei', nämlich den Ausgang der Personen und die Erschaffung der Welt - was beides indessen er in einem Mal spricht, 'einmal gesprochen hat'."
Neuntens. "Das letzte im Seienden ist auch das erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich des Seins wie das Höchste im Seienden, gemäß dem Worte: 'Wenn ich zum Himmel aufgefahren sein werde' etc."
Zehntens. "Gott ist auf alle Weise und in jeder Hinsicht einer, so daß in ihm keinerlei Vielheit zu finden ist, weder im Verstand noch außerhalb, wie Rabbi Moses (Dux dubitantium) 1. I c. 50 sagt. Wer nämlich (zwei oder) Unterschied sieht, sieht sicher nicht Gott. Denn Gott ist einer, jenseits aller Zahl und über alle Zahl erhaben und schickt sich nicht in irgend eine Zahl mit etwas anderem.
Zur Begründung dieses Ausspruchs führt er nachher an: 'Das Sein bildet keine Zahl mit dem Ding, noch überhaupt eine Form mit dem Geformten. Alles Sein aber und alle Form ist von Gott, dem ersten Sein und der ersten Form'. Es kann also in ihm keine Scheidung sein oder gedacht werden."
Elftens. "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem andern ist."
Zwölftens. "Wiederum aus der Genesiserklärung: "Das äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich, und nicht dies ist es eigentlich, was Gott wirkt oder zeugt. Denn was der Vater wirkt, das wirkt er bis zur Stunde ohne Unterlaß."

Die Sätze, die den Predigten entnommen wurden
Die folgenden Sätze sind aus Predigten ausgezogen, die Meister Eckehart zugeschrieben werden:

Der erste Satz ist: "Der Vater zeugt in mir seinen Sohn, und da bin ich derselbe Sohn und nicht ein anderer." Da wir Söhne sind, sind wir noch nicht Erben.
Text im edierten Original:
Dâ der vater sînen sun in mir gebirt, dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander: wir sîn wol ein ander an menscheit, aber dâ bin ich der selbe sun und niht ein ander. Dâ wir süne sin, dâ sîn wir rehte erben.
Zum selben Punkt anderwärts: "Gott wirkt alle seine Werke darum, daß wir sein eingeborener Sohn seien."
Es folgt: "Dieser Mensch steht in Gottes Erkennen und Lieben und wird kein anderes, denn was Gott selber ist."
Desgleichen: "Der Vater zeugt mich als seinen Sohn und denselben Sohn ohne allen Unterschied."
Es folgt: "Wir werden gänzlich umgestaltet und verwandelt in Gott in gleicher Weise, wie in dem Sakrament Brot verwandelt wird in den Leib Christi. Wieviel der Brote auch seien, so wird doch nur ein Leib." "Denn was in das andere verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Ebenso werde ich in sein Wesen verwandelt als eines, nicht als dasgleiche Sein.
Zweitens. An anderer Stelle: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden, daß er der eingeborene Sohn sei, den der Vater ewig zeugt; er möchte auch Vater sein und nach dem Bilde der ewigen Vaterschaft ihn zeugen, von dem ich ewig gezeugt bin."
Drittens. "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde der Gottheit versenkt und gepflanzt, wo sie ihr Sein und ihr Wesen hat - nur da und sonst nirgends."
Viertens. "Der demütige Mensch ist Gottes so mächtig wie Gott seiner selbst, und was immer in allen Engeln und Heiligen sich finden mag, das ist dem demütigen Menschen zu eigen. Was immer Gott wirkt, das wirkt er, und was immer Gott ist, das ist er, ein Leben und ein Sein."
Fünftens: Auch,daß eine Kraft in der Seele ist, die ein Wirken mit Gott hat. Sie schafft und tut alles mit Gott und hat mit nichts etwas gemein und zeugt mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn.
Sechstens. "Eine Kraft ist in der Seele, wäre die Seele also, so wäre sie ungeschaffen und unschaffbar. Nun aber ist es nicht so; denn in dem andern Teile hat sie eine Abhängigkeit zur Zeit, da berührt sie die Geschaffenheit und ist geschaffen. Aber dieser Kraft, das ist dem Intellekt, ist ebenso gegenwärtig, was jenseits des Meeres ist wie dieser Ort, an dem ich stehe."
Desgleichen an anderer Stelle: "In der Seele ist eine Kraft oder Fähigkeit, die nicht geschaffen noch schaffbar ist, und wenn die ganze Seele so wäre, so wäre sie ungeschaffen", und dann wäre die Seele, soweit ihre Natur reichte, auch ungeschaffen. Nun hat es aber mit der Seele diese Bewandtnis, daß die Natur der Seele soweit reicht, als sie geschaffen ist.
Siebtens. Da nun die menschliche Natur allen Menschen gemeinsam und gleich eigen ist, so gab mir der Vater in der menschlichen Natur alles, was er nur je seinem Sohn gab. Hierin ist keine Ausnahme. Was immer es sei, es ist mir zu eigen wie ihm. Noch mehr sage ich: "In allem, was ihm der Vater gab in der menschlichen Natur, darin hatte er in erster Linie mich im Auge und meinte mehr mich als den Menschen Christus und gab mir mehr als ihm. Sicherlich, denn er gab es ihm meinetwegen, da er des nicht bedurfte, wohl aber ich. Deshalb hat der Vater mit allem, was er dem Sohn gab, mich gemeint und teilte mir's mit so gut wie ihm. Hier nehme ich nichts aus: nicht das Eins-sein mit der Gottheit noch die Heiligkeit noch irgend etwas anderes. Was immer er ihm in der menschlichen Natur gab, ist mir nicht fremder als ihm."
Als Grund dafür wird angegeben, daß "der Sohn nicht menschliche Person, sondern Natur annahm". Da also die menschliche Natur gemeinsam ist etc., wie oben.
Der achte Satz handelt von dem Bilde in der Seele, daß nämlich das "Bild" der Dreifaltigkeit in der Seele "gleichsam deren einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand." Und dies Bild der Seele ist nicht sich selbst eigen, "sondern zumeist dem, von dem es sein Sein und seine Natur empfangen hat", nicht ein anderes Sein, sondern dasselbe
Das wird an der Stelle in drei Beispielen erklärt: Vom Bild in dem Spiegel, vom Bild der Mauer im Auge und vom Ast, der aus dem Baume hervorkommt. Demgemäß wird über das Bild in der Seele beigefügt, daß es gleichsam ein einiger Ausdruck ihrer selbst ist "und was hervorgeht, ist dasselbe wie das, was innen bleibt, und was innen bleibt, ist dasselbe wie das, was ausgeht. Dies Bild ist der Sohn [sapientia - die Weisheit]" des Vaters und ich bin dies Bild.
Neuntens. Der Mensch könne dazu gelangen, daß "der äußere Mensch gehorsam ist dem inneren Menschen bis zu seinem Tod und dann in stetem Frieden im Dienste Gottes ist allezeit."
Zehntens. "Ich dachte neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir gar sehr überlegen."
Elftens. Desgleichen, nach einigen Vorbemerkungen: "Der Mensch, der in Liebe steht, der muß sich selbst tot sein und allen geschaffenen Dingen und seiner selbst so wenig achten wie eines über tausend Meilen. Der Mensch bleibt in der Gleichheit und in der Einigkeit."
Weiter: "Der Mensch soll den Nächsten lieben wie sich selbst", nicht nur, "wie gemeinhin unverständige Leute sagen, daß er ihn lieben soll zu dem Gute", sondern "man soll ihn auf jede Weise und so sehr lieben wie sich selbst."
Hierher gehört auch: "Nun sprechen etliche Leute: Ich habe meinen Freund lieber, von dem mir gut geschieht, denn einen anderen Menschen. Ihnen ist unrecht; es ist unvollkommen, Und es ist natürlich einen Menschen lieber zu haben als einen andern."
Zwölftens. "Paulus spricht: Ich wollte ewiglich geschieden sein von Gott um meines Freundes und um Gottes willen."
Darauf folgt, das Paulus "in ganzer Vollkommenheit stand", als er dies Wort sprach. "Das will ich erklären: Das höchste, was der Mensch lassen kann, das ist, daß er Gott um Gottes willen lasse. Nun ließ Paulus Gott um Gottes willen: er ließ alles das, was er von Gott nehmen konnte und was Gott ihm geben konnte."
Dreizehntens. Es ist in der Seele gleichsam eine "Burg", von der "ich bisweilen gesagt habe, sie sei eine Hütte des Geistes", bisweilen, "es sei ein Fünklein." Es folgt: "Es ist gar ein und einfältig, wie Gott ein und einfältig ist, daß ihm nicht einmal Gott Vater zuschauen kann, sofern er sich nach Weise und Eigenschaft seiner Personen verhält. Und würde Gott es so sehen, es müßte ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine persönlichen Eigenschaften. Aber sofern er einfältig einer ist, ohne alle Weise und Eigenschaft, wo er weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist ist", "in diesem Sinn kann er eingehen in jenes eine, was ich die Burg nenne."
Vierzehntens. Wie "mein Leib und meine Seele in einem Sein vereinigt sind", und wie "die Speise die ich gegessen, ein Sein hat mit meiner Natur", so "werden wir mit Gott eins in einem Sein, nicht nur in einem Wirken."
Ferner: "Es ist etwas in der Seele, das ist so mit Gott verwandt, daß es eins ist und nicht vereint."
Ferner, zum Gleichen: "Ähnlichsein ist übel und täuschend. Wenn ich eins wäre, so wäre ich nicht ähnlich. Nichts ist äußerlich in der Einheit. Einheit gibt mir Eins-sein, nicht Ähnlich-sein."
Fünfzehntens. "Alle Kreaturen sind ein bloßes Nichts. Ich sage nicht, daß sie klein sind oder etwas sind, sie sind ein bloßes Nichts keine Kreatur hat Sein."
Sechzehntens. "Wie es auch sei, daß dir ein anderes besser schiene oder besser wäre - für den guten Menschen, der Gottes Willen sucht, für den ist das beste, was Gott über ihn zuläßt , es sei Hunger oder Durst, es sei Andacht oder Innigkeit, ob du deren hast oder nicht hast: das ist das beste."