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Aphex Twin, Come to daddy (1997) ![]() Verlassene Trabantenstädte und Hochhaussiedlungen sind der Kontext, in dem "Come to daddy" von Aphex Twin unter der Regie von Chris Cunnigham spielt. Der Betrachter sieht leere Betonburgen und eine ältere Frau, die mit ihrem Hund durch die Straßen läuft. Der Hund zerrt an der Leine. Die Umgebung ist gefüllt mit Straßenabfällen und Schrott. Die ältere Frau stößt auf einen umgekippten Einkaufswagen, aus dem ein scheinbar defekter Fernseher gefallen ist. Die Frau scheint aus dunklen Hauseingängen belauert zu werden, sie blickt sich furchtsam um. Der Hund pinkelt an den Fernseher, der daraufhin überraschend "zum Leben erwacht" und ein verzerrtes elektronisches Horrorgesicht zeigt, das sagt: "I want your soul. I will eat your soul." Der Hund bellt und reißt an der Leine, die Frau muss ihn loslassen und flüchtet in einen Hofeingang. Dort trifft sie zu ihrem Entsetzen auf eine Schar kleiner Freaks, Kinderklone mit immer gleichen Erwachsenengesichtern, die durch die Hinterhöfe laufen und Angst und Schrecken verbreiten. Ihr Ziel ist der scheinbar defekte Fernseher, auf dem nun das verzerrte Horrorgesicht vernehmlich die Worte "Come to daddy" wiederholt. Die Kinder greifen sich den Fernseher und laufen mit ihm durch die Hinterhöfe und vertreiben einen jungen Mann, der panisch in seinen PKW flüchtet. Im Hintergrund hört man die ganze Zeit elektronisch verzerrte Musik. An einer Stelle unterbricht sie und wird ersetzt durch Fragmente eines Kinderliedes. Dazu laufen zwei Klon-Kinder aus einer Hofeinfahrt heraus. Dann setzt die elektronisch verzerrte Musik wieder ein, die Kinderbande zerstört systematisch alles, was sie in der unwirtlichen Umwelt vorfindet. Sie streiten und prügeln sich, der Fernseher poltert zu Boden und entwickelt plötzlich ein Eigenleben. Eine hagere menschliche Horrorgestalt wird aus der Bildschirmoberfläche heraus geboren und ihr Geburtsschrei mischt sich mit dem Entsetzensschrei der älteren Frau, der sie plötzlich frontal gegenübersteht. Ein kakophonisches Schrei-Duell/Duett entsteht. In der nächsten Sequenz sieht man, wie die gerade geborene Gestalt die Klonkinder, die alle ihre verkleinerten Ebenbilder sind, freundlich-zärtlich um sich versammelt. In der Folge überlagern und durchdringen sich die Bilder, ihr narrativer Gehalt wird durch eine nun endgültig nicht mehr kontrollierbare Bilderflut abgelöst. Natürlich spielt der Clip mit unseren Albträumen, mit der real erlebten und dann nächtlich verarbeiteten Angst in einsamen Straßen einer Großstadt oder traumatisch erfahrenen Begegnungen mit realem Entsetzen. Auf der anderen Seite greift er bewusst auf narrative Traditionen zurück, die schon seit Jahrhunderten derartige Ängste bearbeiten, wie z.B. die skandinavischen Erzählungen von dämonischen Trollen. Meines Erachtens liegt der Horror aber weniger in jenen Szenen, die die verzerrten Gestalten zeigen (hier zeigt der Clip sogar ausgesprochene Schwächen, wenn er etwa szenisch Elemente des Werwolf-Genres aufgreift), sondern gerade in jener Sequenz, die aus dem Horrorszenario ausbricht und nur das Fragment des Kinderliedes ertönen lässt. Im Kontext des Schrecklichen ist das wahrhaft Befremdende die Abweichung, die scheinbare Idylle, die von noch viel größerem Grauen kündet. Was hinter/unter der Oberfläche (des Bildschirms, der Apparatur, des Alltags, der Idylle) lauert, ist nur schwer abzusehen und bereitet um so mehr Angst. In der pädagogischen Bearbeitung kann der Clip dort bearbeitet werden, wo es um Angst und Gewalt, um Albträume und ihre Verarbeitung geht. Weitere Informationen und viele Stills finden sich unter http://www.director-file.com/cunningham/526.html |
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