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Spitäler in Norditalien nah am Kollaps – keine Intensivpflege für alte Patienten mehr? Auf den Intensivstationen arbeitet man in 12-Stunden-Schichten. Andres Wysling, Rom 09.03.2020, 05.30 Uhr Die vorhandene medizinische Belegschaft in Italien arbeitet an der Belastungsgrenze. Die vorhandene medizinische Belegschaft in Italien arbeitet an der Belastungsgrenze. Filippo Venezia / EPA Die Spitäler Norditaliens und insbesondere die Intensivstationen sind von der Corona-Epidemie überfordert. Zumal in der Lombardei, wo etwa die Hälfte aller Infektionen in Italien festgestellt wurde, stehen zu wenig Betten zur Verfügung. Es mangelt an Personal und Ausrüstung, um die vielen Patienten angemessen zu betreuen. Der Verband der Fachärzte für Intensivtherapie erklärt, dass man bei einer weiteren Zunahme der Patienten eine Altersgrenze für die Aufnahme in Intensivpflege werde setzen müssen. Die lebensrettenden Massnahmen – es geht vor allem um Beatmung von Kranken mit schweren Lungenentzündungen – wären dann den jüngeren Patienten vorbehalten, denjenigen mit den besten Heilungschancen. Die Alten müsste man sterben lassen. Die vorhandene medizinische Belegschaft arbeitet an der Belastungsgrenze, zumal zehn Prozent des Personals selbst am Coronavirus erkrankt sind und deshalb zum Teil ausfallen. Auf allen Stufen des medizinischen Betriebs fehlt es an Leuten, von den Ärzten über die Pfleger und die Ambulanzfahrer bis zum Putzpersonal – auch dieses braucht eine Spezialinstruktion, damit es sich vor einer Ansteckung schützen kann. Besonders akut ist die Lage unter anderem im Regionalspital von Lodi, nahe der bisherigen «roten Zone» südlich von Mailand. Hier liegen laut einem Bericht des «Corriere della Sera» 110 Spitalangestellte als Patienten im eigenen Spital. Das Personal ist so ausgedünnt, dass auf der Intensivstation in 12-Stunden-Schichten gearbeitet wird statt in 8-Stunden-Schichten. Physische Erschöpfung und psychische Zermürbung sind fast zwangsläufig zu erwarten. An manchen Orten fehlt es an der einfachsten Ausrüstung, besonders an Gesichtsmasken, nicht nur in der Lombardei, sondern auch andernorts in Italien. Ärzte führen Rachenabstriche zum Teil völlig ungeschützt aus, mit hohem Ansteckungsrisiko für sich selbst. Die Weigerung Deutschlands und Frankreichs, mit Gesichtsmasken auszuhelfen, wird in den italienischen Medien als europäische Unfreundlichkeit angeprangert. Im Süden wurden bisher verhältnismässig geringe Fallzahlen verzeichnet, dort droht aber im Fall einer starken Zunahme ein Kollaps des Gesundheitswesens. Manche Spitäler sind schlecht eingerichtet für die Behandlung von Patienten mit hochansteckenden Infektionskrankheiten, es fehlt an Isolationsabteilungen mit besonders geschultem Personal. Da drohen Spitalinfektionen und der Ausfall ganzer Spitäler – auch die Behandlung anderer Krankheiten oder Verletzungen würde dann schwierig. Einen Notstand im Süden will die Regierung unbedingt vermeiden. Offenbar darum entschloss sich Ministerpräsident Giuseppe Conte zur Schliessung sämtlicher Schulen und Universitäten im ganzen Land – und zwar entgegen der Empfehlung seines technisch-wissenschaftlichen Beraterstabs. Die Massnahme ist unter Virologen umstritten, weil das Virus nach bisherigem Kenntnisstand nur selten über Kinder verbreitet wird und diese in den allermeisten Fällen nur leicht erkranken. Die italienische Regierung ruft jetzt pensionierte Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger aus dem Ruhestand zurück. Man hofft, sehr schnell 20 000 zusätzliche Stellen zu besetzen, laut provisorischen Angaben. Zwanzig Prozent aller Infizierten brauchen Spitalpflege, die Hälfte von diesen, also zehn Prozent aller Infizierten, braucht Intensivpflege – und zwar alle in Isolationsabteilungen. In der Lombardei kommen täglich um die 200 Patienten neu in Intensivpflege. Stark erörtert wird die Frage, warum Italien viel mehr Corona-Infizierte hat als andere europäische Länder. Die generelle Antwort lautet: Das Virus kam sehr früh, man war nicht darauf vorbereitet und erkannte es anfänglich nicht. In den anderen Ländern war man dann gewarnt und konnte sich besser vorsehen. Italien sei jetzt das Labor für die Krisenbewältigung, heisst es. |
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